«Mein Leben steht auf dem Spiel»: Heute besteigt Alex Honnold den Taipei 101 ohne Seil
Und was, wenn er kurz vor dem Ziel niesen muss – 500 Meter ohne Seil über dem Boden? Diese Frage, verriet der Extremkletterer Alex Honnold kürzlich in seinem Podcast «Climbing Gold», stellten ihm Fremde tatsächlich regelmässig. Ein Nieser ist ein unkontrollierbarer Reflex, für die meisten harmlos. Für jemanden wie Honnold, der seilfrei in der Senkrechten hängt, wäre er jedoch tödlich.
Doch Honnold sagt: Wer wirklich am Limit klettere, der niese nicht. Sein französischer Kletterkollege Alain Robert, der bei ihm zu Gast ist im Podcast und selbst dutzende Wolkenkratzer ohne Sicherung bestiegen hat, vergleicht diesen Zustand mit einer Immunreaktion: So wie der Körper bei einer Grippe sofort Antikörper bilde, schalte er in Extremsituationen auf Überleben. Chemische Prozesse im Gehirn ordneten dem alles unter – selbst so Alltägliches wie Niesen.
In genau diesen Ausnahmezustand will sich Alex Honnold nun erneut begeben. Der 40-jährige US-Amerikaner, Vater von zwei Töchtern, plant, den 508 Meter hohen Wolkenkratzer Taipei 101 in Taiwan ungesichert zu erklimmen: eine Fassade aus Glas und Stahl, mit Kanten schmaler als ein Mobiltelefon. Der Aufstieg, von dem Honnold seit zehn Jahren träumt, soll live auf Netflix übertragen werden. Der Grund: Ohne mediale Bühne, so hat Honnold erklärt, gibt es für die Besteigung für Gebäude keine legale Genehmigung.
Sein Angstzentrum bleibt still
Honnold verschiebt die Grenze dessen, was im Freiklettern als möglich gilt, seit Jahren. Internationale Bekanntheit erlangte er 2017 mit der seilfreien Begehung des El Capitan im Yosemite-Nationalpark, einer fast senkrechten Granitwand von 884 Metern Höhe. Die dabei entstandene Dokumentation «Free Solo», die später einen Oscar gewann, machte ihn einem weltweiten Publikum bekannt.
Anders als beim Klettern im Fels gebe es beim Projekt Wolkenkratzer keine einzelne, technisch extrem schwierige Schlüsselstelle, sagt Honnold. Die eigentliche Herausforderung liege in der Ermüdung, die sich über Stunden aufbaue – durch die immer gleichen Bewegungen, die er über 101 Stockwerke hinweg wiederholen müsse.
Bei solchen Wagnissen stellt sich unweigerlich die Frage: Wie kann ein Mensch so etwas tun?
Genauer wissen wollte das vor einigen Jahren auch ein kanadischer Journalist, der Honnold fragte, ob er sein Gehirn untersuchen lassen wolle. Honnold habe sofort zugestimmt, erzählte der Journalist später. Weil er ständig damit konfrontiert werde, ob mit ihm etwas nicht stimme, oder ob er verrückt sei.
Für das Hirnscan-Experiment zeigte ihm die US-Neurowissenschafterin Jane E. Joseph Bilder, die bei den meisten Menschen zuverlässig Alarm auslösen: Gewalt, gefährliche Situationen, brennende Kinder. Doch Honnolds Amygdala – jener mandelförmige Bereich im Gehirn, der Emotionen wie Angst verarbeitet – blieb ruhig. Kein Aufleuchten, kein messbarer Stressanstieg. Wo bei einem gleichaltrigen Kletterer die neuronalen Regionen «wie ein Weihnachtsbaum» glühten, so beschrieb es die Neurowissenschafterin Joseph, zeigte Honnolds Gehirn: nichts.
In einem zweiten Durchgang zeigte sich, dass es auch starke Reize braucht, um sein Belohnungssystem zu aktivieren. Die Forschenden liessen ihn ein Computerspiel spielen, bei dem er je nach Reaktionsgeschwindigkeit Geld gewinnen konnte. Bei den meisten Menschen werden durch eine solche Aufgabe die Belohnungsschaltkreise deutlich stimuliert. Bei Honnold jedoch zeigte sich kaum eine Reaktion.
Normale Reize, so die Schlussfolgerung von Jane E. Jospeh, sind für ihn wenig anziehend. Er braucht extreme Situationen, um überhaupt einen Dopamin-Kick zu erleben. Das mag erklären, warum er Risiken eingeht, die andere meiden – nicht aus Tollkühnheit, sondern weil sein Gehirn sie nicht als Risiko codiert.
Höhenangst ist weit verbreitet
Derweil ist Höhenangst unter Normalsterblichen ein weit verbreitetes Phänomen. Schätzungen zufolge hat bis zu ein Drittel der Bevölkerung Mühe mit ausgesetzten Situationen; bei rund fünf Prozent ist die Angst so stark, dass sie den Alltag spürbar einschränkt.
Behandelt wird Höhenangst in der Regel mit sogenannter Expositionstherapie: Betroffene setzen sich schrittweise den gefürchteten Situationen aus, bis die Angst nachlässt. Diese Methode gilt als wirksam, wird in der Praxis aber selten angewendet. Nicht alle Patienten sind bereit, sich freiwillig ihren Ängsten auszusetzen, manche brechen die Therapie ab.
Ein Forschungsteam der Universität Basel um den Neurowissenschafter Dominique de Quervain hat deshalb einen neuen Ansatz entwickelt: Es hat eine Smartphone-App entwickelt, die Höhenangst mithilfe virtueller Umgebungen lindern soll. Nutzer bewegen sich dabei in einer simulierten Höhenlandschaft und können sich nach einer Eingewöhnungsphase schrittweise weiter nach oben wagen – sicher, kontrolliert und ohne reale Gefahr.
In einer Studie trainierten mehr als zwanzig Teilnehmende mehrere Stunden lang selbstständig mit der App. Vor und nach dem Experiment bestiegen sie den Aussichtsturm auf dem Zürcher Uetliberg. Das Ergebnis: Alle verspürten weniger Angst und trauten sich deutlich höher hinauf als zuvor.
Das zeigt: Höhenangst kann gemildert werden. Auch der Extremkletterer Alex Honnold ist wohl kein furchtloses Naturtalent. Seine besondere Ruhe ist vermutlich ebenfalls eine Kombination aus biologischer Veranlagung und jahrelang trainierter Kontrolle. Honnold sagt selbst, er habe früh gelernt, Angst «umzubauen», sich ihr zu stellen und sie zu verkleinern. Seine erste Solo-Route habe er als «wirklich beängstigend» erlebt. Durch jahrelanges Training jedoch verschwand diese Angst zunehmend – durch Wiederholung, Gewöhnung, Visualisierung an die Situation.
Und doch bleibt die Frage: Was, wenn er während der Netflix-Übertragung tatsächlich fällt? Wie wird dies den Zuschauerinnen und Zuschauern vermittelt? Was soll unmittelbar danach über die Bildschirme flimmern? Alex Honnold verschwendet daran offenbar wenig Gedanken. «Die Zuschauer interessieren mich nicht wirklich», sagte er in einem Interview. «Mein Leben steht auf dem Spiel – mir ist egal, wer zusieht. Mir ist wichtig, das, was ich tue, gut zu machen.»
Und was er denn tun werde, falls alles gut geht? Honnold antwortete in seiner typischen, stinktrockenen Art: «Ich fahre mit dem Aufzug nach unten, gehe mit meiner Frau gut essen und widme mich danach wieder dem Klettertraining.»
Die Live-Übertragung von «Skyscraper Live» startet auf Netflix am Samstag, 24. Januar um 2 Uhr morgens Schweizer Zeit. (aargauerzeitung.ch)
