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Kein Tennisspieler wie jeder andere: Nick Kyrgios polarisiert auch in Wimbledon.
Kein Tennisspieler wie jeder andere: Nick Kyrgios polarisiert auch in Wimbledon.Bild: keystone

Nick Kyrgios träumt vom Wimbledon-Sieg – danach könnte er allerdings im Knast landen

Er gilt als Hochbegabter, der das Versprechen, das er einst abgegeben hat, nie vollständig eingelöst hat. Das will Nick Kyrgios in Wimbledon ändern. Doch in der Heimat droht ihm eine lange Gefängnisstrafe.
05.07.2022, 16:5405.07.2022, 16:53
Simon Häring / ch media

Nick Kyrgios gibt sich dieser Tage in Wimbledon gereift. Zum ersten Mal in seinem Leben habe er einen Kokon von Leuten um sich gebildet, der ihn gegen Kritik von aussen schützt und ihn gegen innen mässigt. Vorbei die Zeiten, in denen in seiner Box herumproletet wurde. Kyrgios sagt: «Ich habe die besten Menschen um mich herum. Mein Physiotherapeut und mein Agent sind meine besten Freunde. Ich habe die beste Freundin der Welt. In meinen dunkelsten Zeiten habe ich sie von mir weggestossen.» Jetzt fühle er sich endlich wohl in seiner Haut. Gelassen, gereift, gesegnet.

Das sagte Kyrgios nach seinem Achtelfinal-Sieg.Video: YouTube/Wimbledon

Was Kyrgios mit den salbungsvollen Worten zu vermitteln versucht, passt so gar nicht zur Nachricht, die aus Australien nach Wimbledon gelangt, wo er im Viertelfinal steht. Seine Ex-Freundin Chiara Passari hat ihn wegen häuslicher Gewalt angezeigt, wie die «Canberra Times» schreibt. Kyrgios soll Passari im letzten Oktober in einem Hotelzimmer tätlich angegriffen haben. Anfang August muss sich der 27-Jährige vor Gericht verantworten, wie sein Anwalt bestätigt. Ihm drohen bis zu zwei Jahre Gefängnis.

Bis im Februar 2021 waren Kyrgios und Passari ein Paar.
Bis im Februar 2021 waren Kyrgios und Passari ein Paar.bild: instagram

Passari hatte nach der Trennung vom Tennisspieler mehrere Chatverläufe veröffentlicht, die das Bild einer toxischen Beziehung zeichnen, in der es zu physischer, vor allem aber zu psychischer Gewalt gekommen sein soll.

Spucken, provozieren, fluchen

Die Vorwürfe, mit denen sich Kyrgios in seinem Privatleben konfrontiert sieht, sind nicht mit den Kontroversen und Fehltritten zu vergleichen, die er als Tennisspieler zu verantworten hat. Doch diese bestätigen das Bild eines Mannes, der sich zwischen den Extremen bewegt: Aufbrausend, ausfällig, übergriffig, gewalttätig. Aber zuweilen auch charmant und humorvoll.

Bestes Beispiel für diesen Balanceakt zwischen Genie und Wahnsinn bietet das Wimbledon-Turnier. Während der ersten Runde spuckte er ins Publikum, weil ihn dort jemand beschimpft haben soll. Stefanos Tsitsipas trieb er mit Mätzchen, Sprüchen und Selbstgesprächen zur Weissglut, bis dieser genervt einen Ball wegdrosch, der zwischen einem Rentnerpärchen einschlug. Kyrgios’ Forderung, Tsitsipas zu disqualifizieren, blieb unerhört.

Tsitsipas sagte danach: «Er führte sich auf wie im Zirkus. Nick hat eine böse Seite.» Er habe ihn «manipuliert und zerstört». Kyrgios wies jegliche Schuld von sich und sagte: «Ich tat nichts, das respektlos war.» Tsitsipas sei ein Weichling: «Wenn ihn mein Verhalten gestört hat, steht er sich selber im Weg.» Auf dem Platz hatte sich Sieger Kyrgios noch konziliant gezeigt und gesagt: «Ich habe den grössten Respekt vor ihm. Er ist ein grossartiger Spieler. Was auch immer auf dem Platz passiert, das bleibt auf dem Platz.»

Das Duell zwischen Nick Kyrgios und Stefanos Tsitsipas wurde ziemlich hitzig.Video: YouTube/Tennis Planet

Auf dem Platz - das ist dort, wo Kyrgios ein Stachel im Fleisch des Tennis ist. Er provoziert, er beleidigt, er spuckt, er vergreift sich im Ton, er wird gebüsst, gesperrt, zum Psychiater geschickt, gibt sich geläutert. Und sorgt kurze Zeit später für den nächsten Eklat. Ein Teufelskreis ohne entrinnen.

Kyrgios will nicht wie Federer sein

Sich selbst im Weg zu stehen – das ist die Rolle seines Lebens. Nick Kyrgios gefällt sich in der Rolle des Rebellen. Seine Devise: Auffallen – und das um jeden Preis. Ohne Provokation? Ohne ihn. Nach seinem Viertelfinal-Einzug in Wimbledon tauschte er für das Interview die weisse Mütze gegen eine rote ein. Wie wenig er von der hier gepflegten «almost entirely white»- Regel (fast ausschliesslich weiss) hält, zeigte er 2015, als er mit einem grün-violetten Stirnband aus dem Wimbledon-Shop spielte. Verboten.

Ohne seine roten Jordan-Turnschuhe geht bei Kyrgios nichts.
Ohne seine roten Jordan-Turnschuhe geht bei Kyrgios nichts.Bild: keystone

Nick Kyrgios ist ein Hochbegabter, war die Nummer 13 der Welt, gewann sechs Einzelturniere, hat 10 Millionen Dollar Preisgeld eingespielt, gegen Novak Djokovic eine 2:0-Bilanz, besiegte Roger Federer und Rafael Nadal. Zu wenig für einen, von dem Billie Jean King sagte: «Er hat mehr Talent in seinen Fingerspitzen als jeder andere. Aber er wird von seinen Dämonen beherrscht, er braucht eine Therapie. Was er betreibt, ist Selbstsabotage.» Dazu gehört, dass Kyrgios dem Nachtleben nicht abgeneigt ist, noch nie einen Trainer hatte und wohl auch zu wenig in die Fitness investiert. Bei seinem Sieg in den Achtelfinals musste er mit Schmerzmitteln spielen.

Erfolg ist nicht seine Triebfeder. «Ich will nicht wie Djokovic, Federer oder Nadal sein. Ich möchte als Ikone in Erinnerung bleiben. Als jemand, der es auf seine eigene Weise gemacht hat.» Ob er – wie Anfang Jahr im Doppel an den Australian Open – auch im Einzel einen Grand-Slam-Titel gewinne, sei ihm egal. «Mir ist es egal, was man von mir hält. Ich fühle mich wohl in meiner Haut. Das ist es, was ich sehe, wenn ich in den Spiegel schaue.»

Doch was sieht er dort wirklich? Schenkt man Kyrgios Glauben, ist er ein Geläuterter. «Es gab eine Zeit, in der man mich um 4.00 Uhr nachts aus dem Pub zerren musste, weil ich am nächsten Tag in Wimbledon auf dem Centre Court gegen Rafael Nadal spielte.» Als junger Emporkömmling habe er unter Depressionen gelitten, zu viel getrunken, auch zu Drogen gegriffen. «Ich habe einen langen Weg zurückgelegt», sagt Kyrgios nun.

«Nick hat ein grosses Herz»

Früher liess der Australier mit griechisch-malaysischen Wurzeln keine Möglichkeit ungenutzt, ein provokatives Desinteresse an seinem Sport an den Tag zu legen. Er könne sich nicht vorstellen, mit 30 Jahren noch Tennis zu spielen. Und sowieso: Viel lieber wäre er Basketballer. Man weiss nie, wie ernst er solche Aussagen meint. Denkt er wirklich so? Oder sagte er es vielleicht nur aus Selbstschutz, um die innere Zerrissenheit zu kaschieren?

Denn Menschen, die ihm näher stehen, zeichnen ein differenzierteres Bild. Sébastien Grosjean zum Beispiel, der Franzose, der eine Weile sein Trainer war. Er sagte: «Es gibt nicht viele wie ihn. Nick ist mutig, er zögert nicht und er will Herr über sein eigenes Schicksal sein. Aber am wichtigsten ist: Nick hat ein grosses Herz.» Er möge das Tennis, sagt Kyrgios inzwischen. Es sei ein grosser Teil seines Lebens. Aber die Frage, ob er mit ganzem Herzen versuche, sein immenses Potenzial auszuschöpfen, beantwortete er bis vor kurzer Zeit noch mit einem unmissverständlichen Nein.

Nick Kyrgios hatte 2014 in Wimbledon die grösste Tennisbühne betreten, als er als 19-jährige Nummer 144 der Welt Rafael Nadal bezwungen hatte und in die Viertelfinals vorgestossen war. Diesmal könnte er im Halbfinal auf den Spanier treffen. Es wäre ein Duell, das Zündstoff birgt. 2019 hatte Kyrgios Nadal in Acapulco mit Aufschlägen von unten brüskiert. Dieser hatte danach gesagt, Kyrgios mangle es an Respekt: «Vor dem Publikum, vor dem Gegner und sich selbst.» Kyrgios konterte, Nadal sei ein schlechter Verlierer. «Wenn er gewinnt, ist alles gut und er sagt nichts Schlechtes. Aber wenn ich ihn besiege, heisst es: ‹Er hat keinen Respekt.›» Sein Fazit: «Mit Nadal würde ich mit Sicherheit kein Bier trinken gehen.»

2018: Kyrgios wirft sensationell Nadal aus dem Turnier.Video: YouTube/Wimbledon

Nadal sagte schon damals: «Nick ist ein gefährlicher Gegner und könnte Grand-Slam-Turniere gewinnen. Aber es gibt einen Grund, weshalb er dort steht, wo er steht.» Er wolle keinen Streit. «Ich bin zu alt für solche Dinge. Mir ist es egal, was Nick aus seinem Leben macht.» Kyrgios sagte damals, er werde sich niemals ändern. Niemand wisse, ob er mit einer anderen Einstellung mehr Erfolg hätte. Das ist angesichts seines Talents ein Hohn. Und nun? Hat sich Kyrgios geändert? Eher nicht. Aber weiterentwickelt. So weit, dass aus ihm vielleicht doch noch ein Grand-Slam-Sieger wird.

Bisher hat Nick Kyrgios, dieser Hochbegabte, das Versprechen, das er vor acht Jahren abgegeben hatte, zwar nie ganz eingelöst, doch er provozierte, begeisterte, befremdete und faszinierte. Nur eines liess er die Menschen nie: kalt. Nick Kyrgios ist ein Grenzgänger zwischen Genie und Wahnsinn geblieben – offenbar nicht nur auf dem Platz, sondern auch im Leben.

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8 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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FCZBVB180
05.07.2022 21:17registriert März 2016
Ich mag seine Art und schaue sehr gerne seine unterhaltsamen Spiele, aber sollten die Vorwürfe von seiner Ex-Freundin stimmen, dann ist er doch nicht so ein harter Kerl wie er sich gibt, sondern ein Feigling.
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