Trotz chronischer Erkrankung in die F1 geschafft – jetzt fährt Lindblad gegen seine Idole
Auf der Weiterreise von Melbourne nach Schanghai durfte sich Arvid Lindblad noch wie auf Wolke sieben fühlen. Der einzige Neuling im Fahrerfeld der Formel 1 raste bei seinem Debüt am Sonntag beim Saisonauftakt in Australien im Racing Bulls gleich in die WM-Punkteränge. Nach dem starken 8. Platz konnte er sein Glück kaum fassen.
«Es war sehr aufregend für mich, gegen diese Jungs zu fahren. Mit Lewis (Hamilton) im Fernsehen bin ich aufgewachsen», erzählte Lindblad über sein Idol. «Er war einer der Hauptgründe, warum ich mich in diesen Sport verliebt habe. Es war wirklich cool, gegen ihn zu kämpfen. Das waren definitiv einige Momente, in denen ich mich kneifen musste.»
Viertjüngster Debütant
Alles das, was am Sonntag im ersten Grand Prix des Jahres passierte, war aber die Wirklichkeit. Lindblad ist mit 18 Jahren und 212 Tagen der viertjüngste Debütant in der Formel 1, nur zwei Fahrer waren jünger beim Gewinn der ersten WM-Punkte. In beiden steht Max Verstappen zuoberst, der bei seinen Bestmarken für das Red-Bull-Schwesterteam jeweils erst 17 Jahre alt war und mittlerweile viermal Weltmeister geworden ist.
Altersrekorde hält Lindblad aber auch selbst. Vor seiner Beförderung zum neuen Teamkollegen von Liam Lawson war der gebürtige Londoner jüngster Rennsieger in der Formel 3 mit 16 und anschliessend in der Formel 2 mit 17 Jahren.
Multikulti bei Lindblad
Nun heissen seine Konkurrenten aber Verstappen oder Hamilton. «Ich weiss schon, dass ich der Neuling bin, aber wenn ich im Auto sitze, bin ich ein gnadenloser Kontrahent. Ich werde jede Gelegenheit nutzen, die sich mir bietet», sagte Lindblad, dessen Mutter Anita indische Wurzeln hat und dessen Vater Stefan Schwede ist.
Seine Eltern lernten sich an einer privaten Wirtschaftshochschule in Paris kennen, ehe sie nach Hampstead im Norden Londons zogen. Und Lindblads Grosseltern mütterlicherseits wiederum stammen aus dem Teil der indischen Region Punjab, der nach der Teilung 1947 zu Pakistan wurde. Beide wurden später Ärzte und wanderten Ende der Sechzigerjahre nach Grossbritannien aus. Lindblads Grosseltern wollen in dieser Saison auch im Fahrerlager auftauchen und ihren Enkel unterstützen.
Mit 13 die Diagnose: Chronische Erkrankung
Dass es Lindblad überhaupt in die Formel 1 geschafft hat, ist eine eigene Geschichte. Mit 13 wurde bei ihm Zöliakie diagnostiziert, eine chronische Autoimmunerkrankung. Gluten ruft dabei eine Entzündung in der Darmschleimhaut hervor. «Das hat mich sehr mitgenommen. Ich habe etwa zwei Jahre gebraucht, um mich davon vollständig zu erholen», erzählte Lindblad dem «Telegraph».
Die Krankheit beeinflusste sein Wachstum. «Ich bin jetzt genauso gross, wie ich es schon mit 13 war. Mein kleiner Bruder, der jetzt in diesem Alter ist, ist bereits grösser als ich», erzählte Lindblad. Eine Grösse von 1,73 Metern ist aber kein Nachteil im engen Cockpit eines Rennautos. «Alles geschieht aus einem bestimmten Grund, oder?»
Sprint: Samstag 4.00 Uhr
Qualifying: Samstag 8.00 Uhr
Rennen: Sonntag 8.00 Uhr
Lindblad verwandelt Negatives in Positives. Er hat nämlich auch noch mit Dyslexie zu kämpfen, einer Lernstörung, die das Lesen, Schreiben, Rechtschreiben und Sprechen beeinträchtigt. «Ich hatte nicht immer das einfachste Verhältnis zu Büchern», räumt er ein. Deshalb habe er Mathematik und Chemie als Maturafächer gewählt.
Hamilton-inspirierte Ansage an Norris
Mit 13 Jahren wurde Lindblad ins Nachwuchsprogramm von Red Bull aufgenommen. Seine Fahrerlaubnis für die Formel 1 erhielt er bereits mit 17.
Gerne erinnert er sich an eine kurz Begegnung mit Lando Norris aus dem Jahr 2021, als dieser sein eigenes Kart-Chassis auf der gleichen Strecke vorstellt, auf der Lindblad gerade fuhr. Ohne wirklich zu wissen, wie er den Fahrer von McLaren ansprechen sollte, fasste Lindblad allen Mut zusammen und sagte zum heutigen Weltmeister: «Ich möchte, dass du dich an mich erinnerst. Wir sehen uns in fünf Jahren.»
Inspiriert gewesen sei er von einer Geschichte um Lewis Hamilton und Ron Dennis, als Hamilton als Kind angekündigt habe, eines Tages eines von dessen Autos zu fahren. Er selbst habe immer daran geglaubt, es selbst in die Formel 1 zu schaffen, sagt Lindblad. Rückblickend sei es eine amüsante Geschichte, zumal sich die Vorhersage nach fünf Jahren tatsächlich erfüllte.
Hamilton: Lindblad soll es geniessen
Und jetzt gehört Lindblad in den Elitekreis der 22 Fahrer in der Formel 1. «Er soll es geniessen. Man wird ins kalte Wasser geworfen, und es dauert eine Weile, bis man sich an den Zirkus hier gewöhnt hat», sagte Lindblads Idol Hamilton in Australien über ihn.
«Es wird auch schlechte Tage geben, aber man sollte das nicht zu schwer nehmen.» An der Vergangenheit könne man sowieso nichts ändern, es gehe nur darum, wie man nach vorn kommt, sagte Hamilton weiter. Lindblad scheint seine passende Strategie schon gefunden zu haben. (riz/sda)
