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Australia's Nick Kyrgios returns the ball from between his legs to Australia's Jordan Thompson in a Men's singles match during day two of the Wimbledon Tennis Championships in London, Tuesday, July 2, 2019. (AP Photo/Tim Ireland)

Neben dem «Uneufe»-Aufschlag ist der Tweener zum Markenzeichen von Kyrgios geworden. Bild: AP

«Nick hat mehr Talent als jeder andere, aber er braucht eine Therapie»

Nick Kyrgios stellt auch in Wimbledon seine Unberechenbarkeit auf und neben dem Platz unter Beweis. In der 2. Runde fordert der streitbare Australier Rafael Nadal heraus. Mit dem Spanier steht er seit Monaten in einem offenen Konflikt.

simon Häring, wimbledon / ch media



Nichts, das er tut, bleibt unbeobachtet, unbemerkt, unkommentiert. Sich im Rampenlicht zu bewegen, öffentlich gegen die Oberen seines Sports um Rafael Nadal oder Novak Djokovic zu rebellieren, gefällt ihm. Auffallen, und das um jeden Preis – das scheint die Devise von Nick Kyrgios (ATP 43) zu sein.

Seine Frisur ist mit kunstvollen Tribals verziert, Sonnenstrahlen spiegeln sich im Steinchen an seinem linken Ohrläppchen, auf dem linken Unterarm hat er sich den Spruch «Time is Running Out» («Die Zeit läuft ab») tätowieren lassen. Nick Kyrgios ist eine Erscheinung, wie es sie im Gentleman-Sport Tennis nur selten gibt. Doch er ist eben auch einer, der immer wieder aneckt.

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Das Tattoo von Kyrgios. bild: screenshot bbc

Besonders beissend ist die Kritik aus seiner Heimat Australien. Nachdem er einmal eine 2:0-Satzführung verspielt hatte, forderte ihn ein Kolumnist in der Zeitung «The Australian» zum Rücktritt auf, als er schrieb: «Das muss aufhören. Nick, du musst aufhören. In deinem Interesse. In unserem Interesse. Und im Interesse des Tennis.» Aus den Zeilen spricht Zynismus, auch Verzweiflung.

Man ist es leid, dem Hochbegabten dabei zuzusehen, wie er sein Talent verschwendet. Billie Jean King sagte jüngst in Wimbledon: «Er hat mehr Talent in seinen Fingerspitzen als jeder andere. Aber er wird von Dämonen beherrscht, er braucht eine Therapie, denn was er betreibt, ist Selbstsabotage.» Kyrgios sagt dazu: «Es ist nicht schön, aber was soll ich gegen solche Aussagen tun?

Ein Abbild innerer Zerrissenheit

Vielleicht würde es helfen, wenn der Australier mit griechisch-malaysischen Wurzeln nicht immer wieder ein provokatives Desinteresse am Sport an den Tag legen würde. In der Startrunde von Wimbledon gab er einen Satz in 18 Minuten mit 0:6 ab und nannte es im Anschluss Taktik. Einmal sagte Kyrgios, er könne sich nicht vorstellen, mit 30 Jahren noch Tennis zu spielen. Und sowieso: Viel lieber wäre er Basketballer.

Man weiss nicht, wie ernst er solche Aussagen meint. Denkt er wirklich so? Oder sagt er es vielleicht doch nur aus Selbstschutz, um innere Zerrissenheit zu kaschieren? Denn jene Menschen, die ihm näher stehen, zeichnen ein weitaus differenzierteres Bild. Sébastien Grosjean zum Beispiel, der eine Weile sein Trainer war. Er sagt: «Nick will Herr über sein Schicksal sein. Es gibt nicht viele wie ihn. Aber am wichtigsten ist: Nick hat ein grosses Herz.»

Mit den Hochbegabten ist es auch so, dass man ihnen doch immer wieder verzeiht. In der Hoffnung, dass sich doch noch alles zum Guten wendet. Dass Kyrgios das Versprechen einlöst, das er 2014 in Wimbledon abgegeben hatte, als er 19-jährig als Nummer 144 der Welt Rafael Nadal, die Nummer 1, besiegte und die Viertelfinals erreichte.

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So besiegte Kyrgios Nadal vor fünf Jahren. Video: YouTube/Wimbledon

Der Knatsch mit den Nadals

Nun kreuzen sich ihre Wege in der 2. Runde von Wimbledon wieder. Mit Nadal steht Kyrgios seit Monaten im Konflikt. Auslöser war Kyrgios’ dritter Sieg im sechsten Duell – im Frühling in Acapulco, als er Nadal mit Aufschlägen von unten brüskiert hatte. Nadal sagte danach, Kyrgios mangle es an Respekt: «Vor dem Publikum, dem Gegner und sich selbst.»

Kyrgios konterte, Nadal sei ein schlechter Verlierer und reagiere überempfindlich. «Wenn er gewinnt, ist alles gut und er sagt nichts Schlechtes. Aber wenn ich ihn besiege, heisst es: Er hat keinen Respekt.» Auch Toni Nadal, der Onkel und Ex-Trainer von Rafael, goss Öl ins Feuer, als er sagte, Kyrgios mangle es an Bildung. Der Konter: «Ich ging zwölf Jahre zur Schule, du Idiot. Ich bin sehr gebildet.» Kein Wunder, freut sich Kyrgios auf das Duell.

Die verrücktesten Kyrgios-Entgleisungen:

Er könne es kaum erwarten. «Wenn du ein Kind bist, willst du auf dem grössten Platz gegen die Besten spielen. Zum Beispiel gegen Nadal, über den er aber auch sagt: «Ich würde nicht mit ihm ein Bier trinken gehen.» Nadal sagt indes: «Nick ist ein gefährlicher Gegner und könnte Grand-Slam-Turniere gewinnen. Aber es gibt einen Grund, weshalb er dort steht, wo er steht.» Er wolle keinen Streit auslösen. «Ich bin zu alt für solche Dinge. Mir ist es egal, was Nick aus seinem Leben macht.»

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Die Pressekonferenz mit Kyrgios nach seinem Sieg in der 1. Runde. Video: YouTube/Wimbledon

Roger Federer hat Kyrgios immer wieder in Schutz genommen, doch auch er sagt: «Nick macht sich keinen Gefallen, wenn er alle gegen sich aufbringt. Er bewegt sich auf dünnem Eis.» Kyrgios aber sagt, er werde sich niemals ändern. Niemand wisse, ob er mit einer anderen Einstellung mehr Erfolg hätte. Angesichts seines Talents ein Hohn. Zwar ist er erst 24 Jahre alt, doch den Schlüssel zum Erfolg hat er noch nicht gefunden. «Time is Running Out» – irgendwann auch für ihn.

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33Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Therealmonti 04.07.2019 14:04
    Highlight Highlight Kyrgios ist der klassische Fall von "geile Siech". Mach weiter, Nick!
  • CalibriLight 04.07.2019 12:03
    Highlight Highlight Kyrgios ist einer der talentiertesten Spieler auf der Tour.
    Was aber vom Verhalten her bei einem 10jährigen noch charmant erscheinen mag ist bei einem Erwachsenen nicht wirklich witzig. Wer ihn mit McEnroe vergleicht, weiss nicht, dass der einer der verbissensten Erfolgsmenschen des Tennis war und dazu ungleich intelligenter.
    Wenn NK Djokovic in seinen Versuchen, so beliebt wie Roger zu sein, als "cringeworthy" bezeichnet, muss ich auch lachen. Wenn er matches "tankt" finde ich das extrem unfair. Sein sonstiges Verhalten – ach, wenn er es denn haben muss..
    Originalität geht allerdings anders.
  • Avenarius 04.07.2019 11:38
    Highlight Highlight Talent macht 10% vom Erfolg aus. Der Rest besteht aus leidenschaftlicher Disziplin (ich spiele jeden Tag mind. 1 Stunde Gitarre), kluge Auswahl von Trainingsmöglichkeiten (in meinem Fall Noten/Stücke/Lieder), Ablenkung (sehr wichtig, andere Aktivitäten zu haben, wegen Hirnaktivität).
    Das mit Schmerz & Schweiss halte ich für Blödsinn. Wenn man genug Leidenschaft hat, weiss, dass das ein geschenktes Talent ist, kommt der Schweiss automatisch. Beim Schmerz sollte man aufpassen (also die Hornhaut auf meinen Fingerkuppen, die Sehnen im Arm). Sobald ich Schmerzen habe höre ich auf.
    • Sir_Nik 04.07.2019 13:58
      Highlight Highlight Und ihre Position in der ATP ist welche?
  • Pierre Beauregard 04.07.2019 10:52
    Highlight Highlight Was für ein Gegensatz zum hochpolierten Traumschwiegersohn Federer oder zum sich quälenden Nadal, wo Tennis aussieht als wäre es eine Foltermethode oder zum Sektenguru mutierten Joker, der etwa so sympathisch wirkt wie eine vegane Bratwurst.
    Kyrgios erreicht mit wenig Aufwand viel und es ist seine Entscheidung, ob dies für ihn der richtige Weg ist. Nur weil er sich nicht dem Tennis-Establishment unterwirft, heisst nicht dass er eine Therapie braucht. Aber ja die australische Beziehung zum Tennis ist zur Zeit kompliziert, ich verstehe auch die Aussagen der Journis dort 😅
    • exeswiss 05.07.2019 04:28
      Highlight Highlight "Kyrgios erreicht mit wenig Aufwand viel"

      5 titel und ein 13th single career highest ranking nennst du viel?
  • Bert der Geologe 04.07.2019 10:21
    Highlight Highlight Vielleicht ist ja das was er macht seine Therapie. Oder vielleicht brauchen alle die braven, nur auf ihr Image achtenden eine Therapie.
    • FrancoL 04.07.2019 10:35
      Highlight Highlight ES geht nicht um ein Image, es geht darum in einem Sport auch den Gegenüber Respekt zu zollen. Es kann jeder so Tennis spielen wie er will, das restliche Verhalten sollte in einem Rahmen gehalten werden, der dem Gegner Respekt zollt.
    • Bert der Geologe 04.07.2019 18:18
      Highlight Highlight Trotzdem wird eher Nadal mal in der Klappsmühle landen bei seinen Ticks und Zwanghaftigkeiten.
    • FrancoL 04.07.2019 21:59
      Highlight Highlight Du bist nicht so im Sport zu Hause, oder? Die Ticks haben einen ganz bestimmten Zweck zu erfüllen, die dienen auch Leitplanken um zB die Konzentration nicht abflachen zu lassen. Das hat null und nichts mit der Klappstühle zu tun. Der Sport ist voll solcher Ticks, der eine braucht mehrere davon andere weniger. Viele Ticks sieht man praktisch nicht, aber sie erfüllen einen Zweck.
    Weitere Antworten anzeigen
  • dho 04.07.2019 09:27
    Highlight Highlight Kyrgios is great.
  • Neruda 04.07.2019 08:48
    Highlight Highlight Ein Zeichen unserer Zeit: Alles therapieren, was ein wenig von der Norm abweicht. Krank, die Leute die dies fordern.
    • FrancoL 04.07.2019 10:29
      Highlight Highlight Ein Wenig? Das ist doch die Frage. Wenn Du das Tennisspiel kennst, dann weisst Du bestens, dass es für eine Gegner mehr als nur einen Nachteil darstellt, wenn das Gegenüber sich ständig daneben benimmt. Und ob dann das unter dem Titel "dient dem Tennissport" alles abgetan werden kann ist mehr als nur fraglich.
    • Neruda 04.07.2019 10:41
      Highlight Highlight Naja, als Profi sollte man mit den Faxen des Gegners schon umgehen können. Wenn man schon daran scheitert, wirds nie nach vorne reichen.
    • Avenarius 04.07.2019 11:38
      Highlight Highlight Was er braucht, sind gute Freunde, die ihm ehrlich mal die Leviten lesen !
    Weitere Antworten anzeigen
  • matlebleu 04.07.2019 08:39
    Highlight Highlight Dennis Rodman, Mario Basler und Nick Kyrgios trugen/tragen meines Erachtens alle zum Unterhaltungswert der jeweiligen Sportart bei.

    Diese Namen sind mir gerade spontan in den Sinn gekommen. Ich bitte um weitere Beispiele :).
    • Bort? 04.07.2019 10:13
      Highlight Highlight John McEnroe... ;-))
    • Ladette 04.07.2019 10:33
      Highlight Highlight Ronnie O’Sullivan
    • Boaty McBoatface 04.07.2019 10:47
      Highlight Highlight Chael Sonnen, Conor McGregor, Sean O'Connel, Quinton Jackson, Jason Miller
    Weitere Antworten anzeigen
  • MGPC 04.07.2019 08:37
    Highlight Highlight Er braucht eine Therapie? Die brauchen wir alle. Wer glaubt frei von Ecken und Kannten zu sein, glaubt auch die Erde ist flach. Wie war das damals mit Mcenreo? Der Streithahn hoch 10.ä, alle haben ihn gehasst und heute ist er eine Legende. Lasst de den Jungen in Ruhe.
  • DocShi 04.07.2019 08:33
    Highlight Highlight Aber wenn er sich ändert hätten wir weniger Unterhaltung im Tennis.
  • Spasst 04.07.2019 08:24
    Highlight Highlight Er hat Spass und verdient gutes Geld dabei.. ihm kanns egal sein was die anderen denken.

    Solange er dies abziehen kann und mal wieder etwas Preisgeld holt, wird sich das nicht ändern.
    • FrancoL 04.07.2019 10:32
      Highlight Highlight Die Frage ist doch, ob es ihm gleich sein kann wenn er grob gegen viele Regeln des Tennissports verstösst, da geht es weniger um Fun auf den Rängen sondern auch Respekt für den Gegner.

      Was er neben dem Platz macht ist seine Sache, dort wo er sich aber grob den Regeln aufführt ist für mich Ende der Fahnenstange.

      Und sorry dies bringt dem Tennissport null und nichts.
    • Neruda 04.07.2019 10:43
      Highlight Highlight Die neureichen Tennistraditionalisten sollen einfach den Stock aus dem Arsch nehmen. Würde dem Sport auch gut tun, ein bisschen weniger elitär zu werden.
    • MGPC 04.07.2019 10:50
      Highlight Highlight Wo bricht er denn die Regeln? Ist es Verboten von unten aufzuschlagen? Nein. Ist es verboten ausgefallene Schläge zu kreieren? Nein. Einzig wo er gebüsst werden kann ist in seiner Aussprache . Da gibt es klare Regeln und er wurde auch schon gebüsst dafür. Wenn jemand ein Problem mit seinem Spielstil hat, kann man ihn ja verbieten. Wo führt das hin? Das wäre das selbe wenn man Dribbeln im Fussball verbietet. Für mich ist das die schlimmste Form von: „den Gegner verarschen“. Feder führt seine Kontrahenten auch regelmässig vor, halt auf seine Art. So wie der Nick.
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Nadal verurteilt Gewalt in den USA und sagt: «Heute würde ich nicht in New York spielen»

Rafael Nadal sagt am Tag nach seinem 34. Geburtstag, er wünsche sich ein Ende der Gewalt in den USA und sagt, angesichts der aktuellen Lage würde er für die US Open nicht nach New York reisen wollen.

Am Mittwoch feierte Rafael Nadal seinen 34. Geburtstag, erstmals seit vielen Jahren in seiner Heimat auf Mallorca im Kreis der Familie, statt bei den French Open, die er im letzten Jahr zum zwölften Mal gewonnen hat. Grund ist die Corona-Pandemie, welche auch den Tennis-Zirkus seit Mitte März und bis mindestens Ende Juli vollständig zum Erliegen gebracht hat. Am Donnerstag stellte er sich den Fragen einer Auswahl internationaler Journalisten. Es ging um das Coronavirus, Rassismus, und um Tennis.

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