Cortina 1956 und Toni Sailer – die Geburt des modernen Österreichs
«Nation Building im Schnee» nennt der Germanistik-Professor Klaus Zeyringer die Olympischen Winterspiele von 1956 in Cortina in einem lesenswerten Buch «Olympische Spiele – eine Kulturgeschichte».
Das «weisse Wunder von Cortina» beginnt am 29. Januar 1956, einem Sonntag, mit der ersten von drei Goldmedaillen für Toni Sailer. Ein Wunder, das einen ähnlichen Identitätsschub auslöst wie in Deutschland (BRD) der Triumph bei der Fussball-WM 1954 in Bern. So wie die Deutschen schon vor 1954 ordentlich gekickt und doch keine Euphorie ausgelöst hatten (u.a. Platz 3 bei der WM 1934), so blieben die drei bisherigen Olympiasiege der Nachkriegszeit 1948 in St. Moritz und 1952 in Oslo von Trude Beiser (Alpine Kombination und Abfahrt), sowie Othmar Schneider (Slalom) bloss eine Randnotiz.
Distanzierung von NS-Zeit und vom Austrofaschismus
Noch 1956 versteht sich knapp die Hälfte der Bevölkerung in Österreich nicht als Nation. Das Nationalbewusstsein – vor allem von den westlichen Alliierten nach dem Kriegsende von 1945 gefördert – entwickelt sich erst richtig ab 1956, nach den Erfolgen im Schnee von Cortina.
Die sportlichen Triumphe sind ganz im Sinne der Deutung einer neuen, österreichischen Identität, die nichts mehr von der NS-Zeit und vom Austrofaschismus hören will. Erst elf Jahre sind seit dem Kriegsende vergangen, und noch nicht einmal ein Jahr ist es her, seit Österreich durch das Inkrafttreten des Staatsvertrages mit den vier Siegermächten des Zweiten Weltkriegs am 27. Juli 1955 die volle Souveränität wiedererlangt hat. Von 1938 bis 1945 war Österreich als «Ostmark» ein Teil des Deutschen Reiches («Anschluss»). In der Form als Nation, wie wir sie heute kennen, ist Österreich erst 1918 nach dem Ersten Weltkrieg aus dem österreichisch-ungarischen Kaiserreich hervorgegangen.
Junger, strahlender Ski-Held
Die Ski-Erfolge Ende Januar, Anfang Februar 1956 kommen gerade zur richtigen Zeit. Sie helfen auch enorm, den Tourismus und die heimische Ski-Industrie zu fördern. Eine intensive Werbung setzt auf die Unschuld von Natur, Kultur und Sport, auf eine idealisierte Berg-, Wald- und Wiesenkulisse. In Cortina tritt das neue Österreich ein Jahr nach der offiziellen Wiedererlangung der Unabhängigkeit erstmals auf der sportlichen Weltbühne ganz gross auf und vermag mit Toni Sailer gleich auch den dazu passenden jungen, strahlenden Ski-Helden zu präsentieren.
An diesem 29. Januar 1956 gewinnt der 20-jährige Sailer im Riesenslalom seine erste Goldmedaille. Sicher und scheinbar schwerelos schwingt er in beiden Läufen den Hang hinunter. Es habe so gewirkt, als streichelten die zwei Meter zwanzig langen Bretter den Berg, als hinge der Skiartist an unsichtbaren Fäden, schreibt am nächsten Tag ein Chronist. Toni Sailer hat mehr als sechs Sekunden Vorsprung auf seine Landsleute Anderl Molterer und Walter Schuster. Ein dreifacher olympischer Triumph. Felix Austria!
Nur 17 von 90 Abfahrern schaffen es ohne Sturz ins Ziel
Am Dienstag, 31. Januar folgt der Slalom. Diesmal verdecken Wolken die Gipfel der Dolomiten. Im oberen Teil beeinträchtigt das diesige Wetter die Sicht. Wieder beisst die Kälte. Auf dem harten, teilweise eisigen Schnee scheiden bereits im ersten Lauf 23 Fahrer aus. Nur insgesamt fünf werden in beiden Läufen sturzfrei durchkommen. Mit der Nummer 135 steigt Toni Sailer als Sieger aufs Podest. Die richtige Startnummer 15 hatte er im Hotel vergessen.
Am Freitag, 3. Februar, folgt Sailers dritter goldener Triumph in der Abfahrt. Es ist eines der härtesten olympischen Rennen der Geschichte. Strahlend schönes Wetter, aber minus 28 Grad und ein starker, zeitweise stürmischer Wind. Von 90 Fahrern überstehen diese Abfahrt nur 17 sturzfrei.
Frühes Karriereende
Zwei Jahre nach dem «Wunder von Cortina» wiederholt Toni Sailer bei der WM 1958 in Badgastein beinahe den totalen Triumph: Gold in der Abfahrt, Gold im Riesenslalom, aber «nur» Silber im Slalom. Der «Schwarze Blitz aus Kitz» ist noch nicht einmal ganz 23 Jahre alt und beendet nach dieser WM seine Karriere.
Im Jahr 2000 wird er zu Österreichs Sportler des Jahrhunderts gewählt. Das «Wunder von Cortina» und Toni Sailer haben in Österreich mehr zum nationalen Selbstbewusstsein, ja, zum «Nation Building» beigetragen als jedes andere Ereignis.
Dreimal Gold hat seither nur der Franzose Jean-Claude Killy 1968 in Grenoble erreicht. Allerdings nicht so überzeugend und dominierend wie Toni Sailer in Cortina. Den Slalom-Sieg des Franzosen trüben bis heute die Debatten um die skandalöse Disqualifizierung des bereits zum Sieger ausgerufenen Österreichers Karl Schranz.
Wechsel zu Film und Schauspiel
Sailers zweite Karriere im Film ist nicht weniger erfolgreich. Schon 1957, zwischen dem «Wunder von Cortina» und der WM 1958, dreht er seinen ersten Film: «Ein Stück vom Himmel». 25 weitere Filme folgen. Er besucht eine Schauspielschule, lernt tanzen und reiten und nimmt Gesangsunterricht. Sailer dreht mit allen Grossen der Zeit: mit Waltraut Haas, Maria Perschy, Ossi Kollmann, Dagmar Koller, Paul Hörbiger, Oskar Sima, Susi Nicoletti oder Fritz Mulier und er steht mit Dietmar Schönherr und Harald Juhnke auf der Theaterbühne.
In Luzern spielt er einmal die Hauptrolle in Arthur Millers Stück «Der Tod eines Handlungsreisenden». Besondere Popularität geniesst er in Japan. Der dreifache Olympiasieger verkörpert den Ski-Helden aus den europäischen Alpen: Gross, schwarzhaarig, fesch, sportlich – und erfolgreich. Er wird zusammen mit seiner Frau sogar in den Palast des Kaisers vorgelassen.
Um den Film «König der silbernen Berge» zu sehen, stehen die Leute in Kolonnen an, die dreimal ums Kino herumlaufen und als der Film beginnt, werden die Türen geöffnet. Damit jene, die nicht hineinkommen, wenigstens die Stimmen hören. Der Film ist in Japan sogar erfolgreicher als «Vom Winde verweht».
Das «weisse Wunder von Cortina» wirkt bis heute nach
Auch seine dritte Karriere als «Ski-General» bringt ihm Lob und Preis: Nach den Olympischen Spielen von 1972 führt Sailer den Österreichischen Skiverband als Cheftrainer und Direktor bis und mit den Spielen von 1976 in Innsbruck. Bei der WM 1974 in St. Moritz ist Österreich mit acht Medaillen die erfolgreichste Nation. Die Schmach von Sapporo (kein Gold) 1972 ist getilgt. 1976 überstrahlt der Olympiasieg von Franz Klammer alles. Überschattet wird Sailers Lebenswerk durch bis heute diskutierte Vergewaltigungsvorwürfe aus den 1970er-Jahren, die strafrechtlich nie zu einer Verurteilung führten.
Toni Sailer stirbt 2009 im Alter von 74 Jahren. Das, was er mit dem «weissen Wunder von Cortina» ausgelöst hat, wirkt bis heute nach: Der alpine Skirennsport ist ein Teil der österreichischen Identität und Kultur geworden. Wie der Fussball in Deutschland.
Toni Sailer und seine umstrittene Biographie
Leicht war es 1956 auch in Österreich und für Toni Sailer nicht, sich von der Vergangenheit als Teil des Deutschen Reiches (1938 bis 1945) zu lösen. Noch 1956, im Jahr seines olympischen Triumphes, verfasst er im Alter von 21 Jahren bereits eine Autobiographie: «Mein Weg zum dreifachen Olympiasieg» ist ein lesenswertes Zeitdokument.
Gemäss Germanistik-Professor Klaus Zeyringer («Olympische Spiele – eine Kulturgeschichte») stammt das Buch eigentlich zum grossen Teil aus der Feder von Karl Springenschmid. Dieser SS-Hauptsturmführer und Gauamtsleiter hatte seinerzeit in Salzburg für Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten gesorgt. Er wurde als mutmasslicher Kriegsverbrecher gesucht und versteckte sich in den Bergen bis die Gerichte 1951 die Ermittlungen einstellten. Was für eine bittere Ironie der Geschichte: Vom Bücherverbrenner zum Buchautor.
