Wie die Schweiz 1946 Olympische Spiele bekommen und 1948 durchgeführt hat
Für die ersten Winterspiele nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es nur zwei Interessenten: St. Moritz und Lake Placid. Beide Orte haben olympische Erfahrung: In St. Moritz gingen die Spiele von 1928 über die Bühne, in Lake Placid, auf halbem Weg zwischen New York und Montréal, jene von 1932.
Die Abstimmung über die Vergabe der Winterspiele von 1948 erfolgt brieflich durch die IOC-Mitglieder. IOC-Präsident Sigfrid Edström informiert am 14. Februar 1946 offiziell, dass St. Moritz «mit überwältigender Mehrheit» gewählt worden ist.
Minimales Defizit
Interessant ist, was die Spiele von 1948 kosten und wie sie finanziert werden. In der Schlussabrechnung beträgt der Gesamtaufwand 1'100'874 Franken und 66 Rappen. Also nicht viel mehr als eine Million.
Die Einnahmen belaufen sich auf 1'100'700.82 Franken. Das Defizit ist also mit 173.84 Franken unerheblich. Der Gemeinderat von St. Moritz dürfte es nach einer Sitzung aus der Kaffee-Kasse der Gemeindeschreiberei bezahlt haben. Zur Einordnung: Eine Million Franken im Jahre 1948 entspricht gut sieben Millionen im Jahre 2026. Die Spiele von 1948 sind billige Spiele. Oder anders gesagt: Das Budget der Winterspiele von 1948 ist inflationsbereinigt mit rund sieben Millionen Franken kleiner als jenes des Spengler Cups von 2025 (11 Millionen).
Briefmarken und Olympiataler
Die wichtigste Einnahmequelle ist der Ticketverkauf. 50'037 Fans spülen 592'695.60 Franken in die Kasse. Die übrigen Einnahmen stammen aus dem Abzeichenverkauf (7517.95 Franken), Zuschüssen durch den Kanton Graubünden und der Kantonalbank in der Höhe von 100'000 Franken, einem Beitrag des Bundes (133'000 Franken), des Schweizerischen Olympischen Comites (118'540 Franken) und der Gemeinde St. Moritz (75'216 Franken).
Das Schweizerische Olympische Committee (SOC) generiert sein Geld aus dem Verkauf von Olympia-Briefmarken und einem Olympiataler. Die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler haben sich damals an den Kosten also nur in einem sehr geringen Umfang beteiligt. Politische Abstimmungen waren keine erforderlich.
Wo sollen alle schlafen?
Einnahmen aus TV- oder Werberechten gibt es noch keine, weder für das IOC noch für den Veranstalter. 570 Chronistinnen und Chronisten aus 38 Ländern berichten vom olympischen Spektakel. Drei TV-Stationen produzieren Bilder: Die BBC aus London sowie drei US-Sender. Live-Übertragungen existieren noch nicht.
Ein Problem ist es, die Gäste, Betreuerinnen und Betreuer sowie die Athletinnen (77) und Athleten (592) aus 28 Ländern unterzubringen. Am 3. April 1947 verpflichtet sich die Gemeinde St. Moritz im Rahmen eines Vertrages mit dem Organisator, für alle erforderlichen Anlagen und Einrichtungen zu sorgen. Die Sportstätten sind kein Problem, sie sind bereits vorhanden, hatten sich bereits 1928 bewährt und müssen nur leicht angepasst werden.
Für die Unterbringung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer – die Zahl der Betten wird auf knapp 2500 veranschlagt – mietet die Gemeinde fünf Hotels in St. Moritz Bad. Zudem wird jedes Hotel im Ort dazu verpflichtet, 20 Prozent seiner Zimmer zu stark reduzierten Preisen für offizielle Teilnehmerinnen und Teilnehmer zur Verfügung zu stellen.
Viele Pensionen haben während der Wintersaison 1947/48 – und damit während der Spiele – gar nicht geöffnet. Weil sie höchstens während der kurzen Zeit der Spiele ein Geschäft erhofft hatten. Der Andrang der Gäste hält sich als Folge des erst drei Jahre zurückliegenden Weltkrieges letztlich in Grenzen, der Tourismus darbt. Die wegen der allgemeinen Devisenknappheit in Grossbritannien verhängte Reisesperre ist im Winter 1947/48 ein schwerer Schlag für das Engadin. Zahlreiche Stammgäste bleiben deswegen zu Hause.
Entzünden des olympischen Feuers ohne jedes Spektakel
Während der Spiele brennt vom 30. Januar bis zum 8. Februar 1948 zum zweiten Mal nach 1936 bei Winterspielen ein olympisches Feuer. Über die Eröffnung lesen wir in Rudolf Pallamars Chronik über die Spiele: «Drei Kanonenschüsse zerreissen die Stille. Am Turm des Stadions wird in einer goldbronzenen Opferschale das olympische Feuer entzündet.»
Nicht völlig geklärt ist, wer es entzündete. SOC-Generalsekretär Jean Weymann erzählte dem olympischen Chronisten Volker Kluge in den 1990er-Jahren, das Feuer sei ganz unromantisch von irgendjemandem mit einem Streichholz entzündet worden, er glaube sich sogar zu erinnern, es sei IOC-Präsident Sigfrid Edström selbst gewesen.
Olympiasieger schiesst auf Polizist
Die Organisation war perfekt. Ein interessantes Detail: Die Abfahrt der Frauen wurde auf der gleichen Strecke wie jene der Männer ausgetragen. Aus Sicherheitsgründen sind jedoch zur Entschärfung mehrere Tore eingebaut worden, so dass die Abfahrt der Frauen nach heutigen Kriterien wohl eher ein Super-G oder ein Riesenslalom war.
Es gab während der Spiele eigentlich nur einen Zwischenfall: Gustav Lindh, der schwedische Sieger des Demonstrations-Wettbewerbes Winter-Fünfkampf, traf bei der Disziplin Pistolenschiessen hinter der Französischen Kirche wegen einer unglücklichen Bewegung versehentlich einen Polizisten des Ordnungsdienstes in den Oberschenkel. Die Verletzung konnte ambulant behandelt werden.
PS: Der Aufwand für die Olympischen Winterspiele 2026 liegt bei geschätzten 1,7 Milliarden Franken Durchführungskosten plus geschätzten 4 bis 6 Milliarden Franken Investitionen in die Infrastruktur und Sportstatten. Die Einnahmen für die Organisatoren werden auf rund 550 Millionen Franken geschätzt. Das Defizit wird damit signifikant höher sein als damals 1948 in St. Moritz
