DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Southgate kann es nicht fassen: Sollte sein Fehlschuss das Ende der englischen Titelträume bedeuten? Ja.
Southgate kann es nicht fassen: Sollte sein Fehlschuss das Ende der englischen Titelträume bedeuten? Ja.
Bild: Hulton Archive
Unvergessen

Engländer und Penaltys ... Southgate ebnet Deutschland 1996 den Weg in den EM-Final

26. Juni 1996: England ist drauf und dran, endlich wieder einen grossen Titel zu holen. Doch der heutige Nationaltrainer Gareth Southgate verschiesst gegen Deutschland seinen Penalty. Der Fehlschuss begleitet ihn ein Leben lang.
26.06.2021, 00:0026.06.2021, 08:42

Daumen drückend blickt Jonathan Pierce an diesem Mittwochabend im Wembley auf den Rasen. Mit den Worten «Gareth Southgate, the whole of England is with you», begleitet der Radioreporter den englischen Verteidiger zum Penaltypunkt.

Southgate ist der sechste Schütze im EM-Halbfinal gegen Deutschland. Er kann vorlegen, den Erzrivalen unter Druck setzen. Aber sein Schüsschen wird zur Beute von Keeper Andy Köpke. «Oh, it's saved!», ruft der Radioreporter ins Mikrofon und man kann förmlich hören, wie er die Hände über dem Kopf zusammenschlägt. Andreas Möller versenkt seinen Penalty und es kommt, was die Fussballgötter schon vor Urzeiten festgelegt haben müssen: England verliert das Penaltyschiessen.

Die entscheidenden Penaltys: Southgate verschiesst, Möller trifft.

Der Klassiker ist ein Klassespiel

Englands Traum vom Titel ist ausgeträumt. 30 Jahre nach dem Triumph im WM-Final, 30 Jahre nach dem glorreichen Sieg über Deutschland mit dem bis in alle Ewigkeiten umstrittenen Wembley-Goal, verpassen die Engländer den nächsten Titelgewinn.

Die Halbfinal-Begegnung hat alles, was ein Fussballspiel braucht. Schon in der dritten Minute bringt Goalgetter Alan Shearer sein Team in Front und das Stadion zum Kochen. Aber Deutschland gleicht nach einer Viertelstunde durch Stefan Kuntz aus und bei diesem 1:1 bleibt es trotz beidseits guten Möglichkeiten. So muss die Lotterie aus elf Metern über den Finaleinzug entscheiden.

«God Save The Queen» vor dem Halbfinal gegen Deutschland. Captain Tony Adams singt die Hymne so laut wie der Rest des Wembleys zusammen.

Zehn Spieler laufen an, alle zehn treffen. Deshalb muss nach den vorbestimmten Schützen nun Gareth Southgate den langen Weg von der Mittellinie in den Strafraum antreten. «Der sanfteste Abwehrspieler, den England hat», sagte Trainer Terry Venables über den 25-Jährigen. Er kann diesen Eindruck nicht aus der Welt räumen.

Zwar holt Southgate sechs, sieben Meter Anlauf. Doch anstatt hart zu schiessen, schiebt er den Ball mit dem Innenrist flach und unplatziert in Richtung Tor. England durchlebt wieder sein Penalty-Trauma, sechs Jahre nach dem Aus im WM-Halbfinal ebenfalls gegen Deutschland.

Das Telegramm
England – Deutschland 1:1, 5:6 n.P.

Tore: 3. Shearer 1:0. 16. Kuntz 1:1.

London, Wembley, 75'800 Zuschauer. SR: Puhl (Hun).

England: Seaman; Southgate, Adams, Pearce; Anderton, Platt, Ince, Gascoigne, McManaman; Shearer, Sheringham. Trainer: Venables.

Deutschland: Köpke; Babbel, Sammer, Helmer (110. Bode); Reuter, Freund (119. Struntz), Eilts, Ziege; Möller, Scholl (77. Hässler); Kuntz. Trainer: Vogts.

Es gibt wichtigeres im Leben als einen verschossenen Penalty

«Nichts kann diesen Fehler wettmachen», sagte Southgate vier Jahre nach dem Fehlschuss der Berliner Zeitung. Er müsse mit ihm leben. Die Szene sei noch immer das erste, auf das ihn Leute ansprechen würden. Doch Southgate überwand den Frust schnell. Er erhielt sehr viel Zuspruch aus der Bevölkerung, ganz England schien ihn trösten zu wollen. «Eine Familie, deren Kind ermordet wurde, schrieb mir, ich sollte mich wegen des blöden Penaltys nicht grämen, wir hätten ihnen mit unserem Fussball so viel Freude bereitet», erinnert sich der Unglücksrabe. Man habe ihm zu spüren gegeben, dass es wichtigeres im Leben gebe, als einen verschossenen Penalty.

Und dann gab es noch die Geschichte mit der Pizza-Werbung. Sie zeigte exemplarisch, wie man auch mit Niederlagen umgehen kann: nämlich mit typisch britischem Humor. Mit einer braunen Tüte über dem Kopf isst Gareth Southgate anonym Pizza und wird dabei von zwei Kollegen am Tisch veralbert: von Stuart Pierce und Chris Waddle, die 1990 vom Penaltypunkt aus versagten.

Britischer Humor: Eine Pizza-Kette wirbt nach dem verschossenen Penalty mit Gareth Southgate.

Er wäre nochmals angetreten – hätte man ihn gelassen ...

Southgates Karriere tat der Fehlschuss keinen Abbruch. Er lief 57 Mal für England auf und wäre auch bei allfälligen weiteren Penaltyschiessen bereit gestanden. «Ich würde mich nicht drücken», sagte der jetzige Nationaltrainer Englands einst. «Aber ich glaube kaum, dass irgendjemand in meinem Team will, dass ich einen Penalty schiesse.»

Bei der Geburt getrennt

Gareth Southgate und Jason Biggs («American Pie»).

Die Euro 1996 bleibt nicht nur wegen dieser Szene in Erinnerung. Die Stadien sind voll, die Atmosphäre ist berauschend, Paul Gascoigne schiesst ein Supertor gegen Schottland und zelebriert es mit einem «Säufer-Jubel», der um die Welt geht – und die neue Fussballhymne ist geboren: «Three Lions (Football's Coming Home)».

«Gazzas» Wundertor zu Englands 2:0 im Gruppenspiel gegen Schottland.

Musikalisches Denkmal für einen Fehlschuss

Auf dem Höhepunkt des Britpop kommen die Lightning Seeds gemeinsam mit dem Komikerduo Baddiel/Skinner zum Handkuss, weil die EM-Organisatoren nicht in den damals herrschenden «Krieg» zwischen Oasis und Blur eingreifen wollen. Der Song handelt vom grossen Traum der Engländer, 30 Jahre nach dem WM-Titel endlich wieder einen Pokal zu holen.

«Three Lions» schiesst auch zwei Jahre später in der Neuauflage auf Platz 1 der englischen Charts. Wobei Penalty-Versager Southgate die «Ehre» zuteil wird, den Song zu eröffnen. In die ersten Akkorde hinein hört man Radioreporter Pierces flehendes «Gareth Southgate, the whole of England is with you ...»

Die 98er-Version von «Three Lions», in dessen Video englische Fans auf dem Autobahn-Parkplatz gegen lauter deutsche Kuntz Fussball spielen.

PS: Vielleicht hat England seinen Penaltyfluch mittlerweile abgelegt. Zuletzt siegten die «Three Lions» an der WM 2018 gegen Kolumbien und im kleinen Final der Nations League 2019 gegen die Schweiz aus elf Metern. Trainer: ein gewisser Gareth Southgate.

Unvergessen
In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
Um nichts zu verpassen, like uns auch auf Facebook!
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Die unglaubliche Penalty-Saga der Engländer

1 / 12
Die unglaubliche Penalty-Saga der Engländer
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Und immer wieder dieser Wind auf den britischen Inseln!

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Unvergessen

«Who is the beeest? Better than the reeest?» – Federer rockt beim Davis Cup das Festzelt

20. September 2009: Roger Federer sichert der Schweiz im Davis Cup gegen Italiens Potito Starace den Liga-Erhalt und feiert danach ausgelassen im Festzelt. Dabei tritt Erstaunliches zu Tage: Der Tennis-Maestro kann singen – und zwar ganz gut.

Das Schweizer Davis-Cup-Team trifft am Wochenende vom 18. bis 20. September in Genua auf Italien. Gegen die Südeuropäer geht es für die Schweizer im Abstiegs-Playoff mal wieder um den Verbleib in der Weltgruppe.

Die ersten beiden Einzelpartien können Stan Wawrinka und Roger Federer locker in drei Sätzen für sich entscheiden. Im Doppel vom Samstag wird das Duo Marco Chiudinelli/Wawrinka von Simone Bolelli und Potito Starace jedoch regelrecht vom Platz gefegt.

Die Entscheidung muss also am Sonntag …

Artikel lesen
Link zum Artikel