Sport
Unvergessen

Olympia 1976 in Innsbruck: Das grosse Abfahrts-Duell Klammer gegen Russi

Bildnummer: 00992350 Datum: 05.02.1976 Copyright: imago/Sven Simon
Franz Klammer (Österreich); Abfahrt, quer Olympische Winterspiele 1976, Olympia, Olympiade, Spiele, Ski Alpin, Skisport, Vdia Innsbru ...
Franz Klammer auf dem Weg zum Olympiasieg 1976.Bild: imago/Sven Simon
Unvergessen

Lokalmatador Klammer verhindert Russis historisches Gold-Double bei Olympia

5. Februar 1976: Noch kein Skirennfahrer ist zwei Mal Olympiasieger in der Abfahrt geworden. Bernhard Russi kommt dem Gold-Double am nächsten: Vier Jahre nach seinem Olympiasieg in Sapporo gewinnt der Urner in Innsbruck Silber.
05.02.2024, 00:0101.02.2024, 16:39
Ralf Meile
Folge mir
Mehr «Sport»

Die Themen, welche die NZZ am 6. Februar 1976 auf ihrer Frontseite abhandelt? Ein Kolonialkonflikt in Dschibuti, eine Regierungskrise in Italien, deutsche Wirtschaftshilfe für Portugal. Und ganz klein wird als Randnotiz auf einen Bericht im Sport-Teil verwiesen:

Bild

Bernhard Russi winkt in Innsbruck eine historische Chance. Vier Jahre nach seinem Olympiasieg im fernen Sapporo könnte der Schweizer ein zweites Mal Gold in Abfahrt gewinnen. Das hatte vor ihm noch keiner geschafft – und es gelingt bis zum heutigen Tag keinem. Russi stellt in der dritten von vier Trainings die Bestzeit auf, bei der letzten Fahrt zieht er nicht mehr voll durch.

Ganz Österreich erwartet Klammers Triumph

Doch der Favorit ist nicht der Sieger von 1972, sondern ein 22-jähriger Kärntner: Franz Klammer. Er ist in grosser Form, hat in diesem Winter schon die Abfahrten von Madonna di Campiglio, Wengen, Morzine und Kitzbühel gewonnen. Nach dem Abschlusstraining habe er jedoch «einen ausgesprochen nervösen Eindruck» hinterlassen, so die NZZ, die Klammer beim Verlassen des Zielgeländes beobachtet hat.

Der Druck auf Klammer ist enorm. Ganz Österreich erwartet die Goldmedaille – und will Revanche für 1972, als Russi auch deshalb siegte, weil der Österreicher Karl Schranz von den Spielen ausgeschlossen war.

Bernhard Russi legt in diesem Duell vor. Mit der Startnummer 3 stellt er eine Bestzeit auf, an der sich die Gegner die Zähne ausbeissen. Einer nach dem anderen bleibt hinter dem 27-jährigen aus Andermatt. Lässt die Piste, bereits gezeichnet, überhaupt eine noch schnellere Fahrt zu?

«Der beste Schwung meines Lebens»

Dann steht oben am Patscherkofel Franz Klammer bereit, die Startnummer 15. Seine Skifirma will, dass er mit einem revolutionären Modell antritt, das über ein Loch in der Schaufel verfügte. Doch Klammer lehnt den Ski genauso ab wie einen goldenen Anzug, welchen er als zu eng empfindet – und auch als zu penetrant.

Klammers Fahrt zu Gold.Video: YouTube/Blick Winkel

Oben, beim Ochsenschlag-Sprung, hat Klammer einen ziemlichen Bock drin. Danach fährt er besser, aber er liegt bei der letzten Zwischenzeit 19 Hundertstel hinter Russi zurück. Ob das noch reicht?

«Ich habe gewusst, dass ich gewinnen werde – oder es haut mich auf die Goschn.»
Franz Klammer

60'000 Fans sind live dabei, feuern ihren Liebling an, andere halten den Atem an vor Aufregung. Sie wissen um eine von Klammers Stärken, sein Finish. Schon oft gelang ihm im untersten Streckenteil noch eine Wende. Im Wissen um seinen Fehler im oberen Teil riskiert Klammer alles. Beim Bäreneck wählt er eine andere Linie, von der er noch 40 Jahre später überzeugt ist, dass es «der beste Schwung meines Lebens» gewesen ist.

Grenzenloser Jubel

Die letzten Meter, dann die Erlösung: Klammers Zeit stoppt bei 1:45,73 Min. Der Österreicher hat es wieder einmal umgebogen, er gewinnt Gold mit 33 Hundertstel Vorsprung auf Russi. Klammer stösst dazu auch Philippe Roux vom Podest: Der Walliser, der im Abschlusstraining der Schnellste war, verpasst die Zeit des Italieners Herbert Plank und damit die Bronze-Medaille um einen Zehntel.

Sie gewannen bei Olympia zwei Medaillen in der Abfahrt
Bernhard Russi
(Gold 1972, Silber 1976)
Aksel Lund Svindal
(Gold 2018, Silber 2010)
Beat Feuz
(Gold 2022, Bronze 2018)
Matthias Mayer
(Gold 2014, Bronze 2022)
Peter Müller
(Silber 1984, Silber 1988)
Lasse Kjus
(Silber 1998, Silber 2002)
Franck Piccard
(Bronze 1988, Silber 1992)
Kjetil Jansrud
(Bronze 2014, Silber 2018)

«Grenzenloser Jubel, ein Wald von Fahnen und Transparenten, der ‹Franzl› hat es geschafft», beschreibt die NZZ den Moment der Entscheidung. Sie lobt den neuen Abfahrts-Olympiasieger besonders für seinen starken Geist. Um den «bedauernswerten 22-Jährigen» habe «ein publizistischer Rummel sondergleichen» geherrscht. «Unvorstellbar die Belastung, der dieser junge, unverbildete Bursche, der Favorit, allein in den letzten Tagen ausgesetzt war.»

«Das ist der schönste Tag in meinem Leben. Ich hab' so viele Fehler gemacht, bin aber g'fahren, was 'gangen ist.»
Franz Klammer

Für Russi ist Silber in Innsbruck die letzte Medaille seiner Karriere, die er 1978 als Olympiasieger, Weltmeister und zehnfacher Weltcupsieger beendet. Klammer tritt ebenfalls als Olympiasieger und Weltmeister ab – und als Rekordsieger in der Abfahrt. Als er 1985 aufhört, hat Klammer 25 Weltcup-Rennen in der Königsdisziplin für sich entschieden. Ihm am nächsten kommt der Zürcher Peter Müller mit 19 Siegen. Unerreicht sind auch Klammers fünf kleine Kristallkugeln für den Sieg in der Disziplinenwertung; Didier Cuche und Beat Feuz als zweitbeste bringen es auf vier kleine Kristallkugeln.

Russi und Klammer erinnern sich an das Duell (englisch).Video: YouTube/In Search of Speed

Medaille verlegt

Klammer bleibt bis heute einer der populärsten österreichischen Sportler. 1:45,73 Minuten in Innsbruck haben sein Leben verändert: «Das war mir zuvor nicht bewusst, dass eine einzelne Fahrt das Leben so drastisch verändern wird», sagt er vierzig Jahre nach dem Triumph. «Aber ich bin glücklich darüber, dass es sich so in diese positive Richtung entwickelt hat. Den Rummel lässt man gerne über sich ergehen, wenn man erfolgreich ist. Blöd ist, wenn man Zweiter ist, nachher ist es lästig. Dann muss man dauernd erklären, warum man nicht gewonnen hat.»

Zum handfesten Beweis, der Goldmedaille, hat Franz Klammer übrigens keinen innigen Bezug mehr. «Heute» gesteht er 2018, dass er sie verlegt habe:

«Wo die ist, weiss ich nicht genau. Irgendwo wird sie schon sein.»
Franz Klammer
epa03577162 Former ski racers Franz Klammer (L) of Austria and Swiss Bernhard Russi (R) attend a charity race at the Alpine Skiing World Championships in Schladming, Austria, 10 February 2013. EPA/HEL ...
Die Rivalen von einst bei einem Legenden-Rennen: Klammer und Russi 2013.Bild: EPA
Unvergessen
In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
Um nichts zu verpassen, like uns auch auf Facebook!
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Ewiger Ruhm: Die Abfahrts-Olympiasieger seit 1968
1 / 17
Ewiger Ruhm: Die Abfahrts-Olympiasieger seit 1968
1968 in Grenoble: Jean-Claude Killy (FRA) vor Guy Périllat (FRA) und Jean-Daniel Dätwyler (SUI).
quelle: keystone / anonymous
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Wenn ein Date kommentiert würde wie ein Sport-Event
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
1 Kommentar
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1
Englands Steigerungslauf an der EM – und plötzlich ist der Titel möglich
Der Ärger über den unattraktiven Fussball von Gareth Southgates England war gross, doch nun stehen die Three Lions trotzdem im EM-Final – auch wegen einer deutlichen Steigerung im Turnierverlauf. Ein Rückblick.

Was haben nicht alle gemotzt: England spiele einen unattraktiven Fussball. Die haben ein Kader mit einem Marktwert von über 1,5 Milliarden Euro und bringen offensiv trotzdem weniger zustande als Fussballzwerge wie Georgien oder Albanien. Als Hauptschuldiger wurde von Fans und auch Experten Trainer Gareth Southgate auserkoren. Nach dem 0:0 im letzten Gruppenspiel gegen Slowenien wurde er von einigen Fans gar mit leeren Bechern beworfen und ausgebuht.

Zur Story