Ammann kämpft um seine achte Olympia-Teilnahme gegen Youngster Trunz
Als Simon Ammann im Frühling 2024 im Schweizer Fernsehen nach seinen Olympiaplänen gefragt wurde, lautete seine Antwort: «Ich mache keine Pläne mehr, aber Olympia nochmals in Europa zu erleben, wäre schon ein Traum. Gemessen an meiner aktuellen Form rechne ich aber nicht damit.»
Nun, zwei Wochen vor dem Start der Winterspiele in Norditalien, lebt der Traum für den 44-Jährigen noch immer. Zwar springt der Toggenburger der internationalen Spitze auch in dieser Weltcup-Saison hinterher. Doch im Swiss-Ski-internen Vergleich liegt er auf Platz drei. Oder vier, je nach Betrachtungsweise.
Und genau hier liegt das Problem – und gleichzeitig die Spannung: Nur drei Schweizer Springer dürfen in zweieinhalb Wochen auf der Olympiaschanze in Predazzo an den Start gehen. Gregor Deschwanden und Sandro Hauswirth sind aufgrund der Saisonresultate gesetzt.
Alles deutet darauf hin, dass die Entscheidung ums dritte Olympiaticket an diesem Wochenende an der Skiflug-WM in Oberstdorf fällt, im rein ostschweizerischen Duell zwischen Ammann aus Unterwasser und dem 19-jährigen Felix Trunz aus Eggersriet. Die Nachwuchshoffnung ist der Sohn von Martin Trunz, dem ehemaligen Skispringer, der 1992 in Albertville und 1994 in Lillehammer selber durch die Olympialuft segelte.
Darf man einen Olympia-Helden zuhause lassen?
Sollte sich Ammann das Ticket tatsächlich ergattern, schriebe er Geschichte. Es wären seine achten Winterspiele, bisher erreichten diese Zahl nur der japanische Skispringer Noriaki Kasai und die deutsche Eisschnelläuferin Claudia Pechstein. 1998 begann Ammann in Nagano als 16-Jähriger seine olympische Karriere, die mit Doppelgold in Salt Lake City 2002 wie auch in Vancouver 2010 zwei grosse Höhepunkte bereithielt. Dazwischen wurde er 2007 Weltmeister in Sapporo.
Die Karriere von Simon Ammann
Diese Aufzählung führt direkt zur Frage: Darf man einen Olympia-Helden wie Ammann in der aktuellen Situation überhaupt zuhause lassen?
Ja, man darf. So lässt sich zumindest die Antwort von Disziplinenchef Joel Bieri auf diese Frage interpretieren. Welche Athleten man zur Selektion vorschlagen werde, hänge alleine von der erwarteten Leistungsfähigkeit und den Resultaten ab, sagt er. Das heisst im Umkehrschluss: Ammanns olympische Meriten und sein Legendenstatus haben keinen Einfluss auf den Entscheid.
Die Sache mit den Resultaten ist aber nicht ganz so einfach und eindeutig. Aktuell liegt Ammann im Gesamtweltcup auf dem 47. Rang und damit knapp vor Trunz (50. Rang). Die einzelnen Platzierungen in den Weltcupspringen in dieser Saison ergeben ebenfalls keinen eindeutigen Sieger. Ammann sprang viermal in die Punkte (28., 27., 20., 23.), Trunz ebenfalls (25., 29., 23., 28.).
Die Selektionskriterien haben damit beide erfüllt. Andeutungen, welcher der beiden Athleten in Sachen Olympia-Entscheid derzeit die Nase vorne hat, lassen sich Bieri nicht entlocken.
Formkurve spricht eher für Trunz
Bei einer solch knappen Angelegenheit wird das Trainerteam um Chefcoach Bine Norcic nebst den reinen Zahlenwerten auch andere Kriterien beachten müssen, so sieht es das Selektionskonzept vor. Diese Kriterien sind unter anderem die Leistungsdichte bei den absolvierten Wettkämpfen, das grundsätzliche Potenzial, die Formkurve, die Gesundheit.
Zumindest die Formkurve könnte den Ausschlag für Trunz geben. Er holte drei der oben genannten Resultate in diesem Jahr, in Innsbruck (29.) im Rahmen der Vierschanzen-Tournee und am vergangenen Wochenende zweimal in Sapporo (23. und 28.).
Erst am Sonntag in Japan sprang auch Ammann erstmals in diesem Jahr wieder in die Punkte. Und zeigte jene Rückkehrerqualitäten, die Trunz schon vor der Saison an einer Medienkonferenz angesprochen hatte: «Es ist erstaunlich. Manchmal siehst du Simon springen und du denkst:
An der Skiflug-WM in Oberstdorf, wo am Donnerstag die Qualifikations stattfindet, sind nebst Trunz und Ammann auch Deschwanden, Hauswirth und Remo Imhof im Einsatz. Der Schweizer Fokus dürfte aber auf dem Zweikampf zwischen Trunz und Ammann liegen. Wobei Bieri auch hier auf eine Schwierigkeit in der Beurteilung hinweist: «Skifliegen ist nicht gleich Skispringen.» Weil das Tempo höher, das Fluggefühl anders ist.
Ammann war 2010 Skiflug-Weltmeister und hat den Vorteil, im Gegensatz zu Trunz schon etliche Male von Skiflugschanzen gesprungen zu sein. Er wird sich also wohl deutlich von seinem jungen Konkurrenten absetzen müssen, um die Selektionäre restlos zu überzeugen. Am Montag wird der Entscheid bekannt gegeben.
Dafür wird ein Mixed-Team-Wettbewerb (zwei Frauen, zwei Männer) stattfinden wie auch ein «Super-Team-Wettkampf», an dem zwei Männer pro Nation gemeinsam an den Start gehen. Noch ist gemäss Disziplinenchef Joel Bieri offen, ob die Schweiz ein Mixed-Team antreten lassen kann.
