Die «Ski-Zwillinge» lieben das Berner Oberland – und sind jetzt grösste Rivalen
Wenn man die beiden nach dem Slalom in Wengen so sieht, weiss man gar nicht, wer nun gewonnen hat. Soeben ist Atle Lie McGrath ins Ziel eingefahren, da springt ihm Lucas Pinheiro Braathen um den Hals. Die beiden jubeln gemeinsam und gratulieren sich gegenseitig. McGrath verwies Pinheiro Braathen um 47 Hundertstelsekunden auf Platz 2. Doch der ist darüber nicht böse.
«Natürlich ist Platz 1 noch besser», sagt der für Brasilien startende Pinheiro Braathen beim SRF, «doch wenn ich schon Zweiter werde, dann hinter meinem guten Freund Atle.» Die beiden Slalom-Stars kennen sich schon lange, wuchsen gemeinsam auf Norwegens Ski-Pisten auf und sind fast auf den Tag genau gleich alt. Pinheiro Braathen wurde am 19. April 2000 geboren und ist damit zwei Tage älter als McGrath. Auch deshalb werden sie «Ski-Zwillinge» genannt.
Für McGrath war die schnelle Fahrt Pinheiro Braathens, der als Vierter des 1. Laufs deutlich die Führung übernommen hatte, eine Extramotivation. «Wenn er schnell fährt, ist es richtig gut. Da wusste ich, dass ich wirklich Vollgas geben muss, das hat richtig Spass gemacht», so der 25-jährige Norweger, der gezeigt hat: «Wenn ich auf dieser Strecke ohne Fehler fahre, bin ich sehr gut.» Schon im Vorjahr gewann McGrath den Slalom am Lauberhorn, 2024 stand er als Zweiter auf dem Podest.
Wie wohl er sich im Berner Oberland fühlt, demonstrierte er gleich auch mit einer Gesangseinlage. Nach der Siegerehrung gab er die «W. Nuss vo Bümpliz» zum Besten und überzeugte mit seiner Textsicherheit.
Schon in der Vorwoche präsentierte er seine Gesangskünste nach dem zweiten Platz im Slalom von Adelboden, als er am Abend «Vogulisi» sang. Auch in Adelboden stand er schon zum dritten Mal auf dem Podest – immer wurde er Zweiter. «Das Berner Oberland isch schööön!»
Wie sein «Zwilling» hat auch Pinheiro Braathen in Adelboden und Wengen je drei Podestplätze – einen davon am «Chuenisbärgli» aber im Riesenslalom. Am Lauberhorn feierte er 2022 seinen ersten Slalom-Sieg, ein Jahr später triumphierte er in Adelboden vor McGrath. Es war der erste von nun zwei Doppelsiegen des Duos.
«Wir haben immer davon geträumt, diesen Erfolg gemeinsam zu teilen», sagte Pinheiro Braathen damals im watson-Interview. Obwohl er in Adelboden, wo er seine erste grosse Verletzung erlitt, einen schwierigen Start hatte, schwärmt auch der Brasilien-Star mittlerweile von den Rennen im Kanton Bern.
«Wengen ist ein besonderer Ort. Die Piste hier ist eine der schwierigsten der Welt, kein Tor und kein Schwung ist wie der andere», sagte Pinheiro Braathen beim SRF und fügte an: «Dafür liebe ich sie. Es ist ein so cooles Gefühl auf diesem Terrain, wo ein Schwung im härteren Schnee und der nächste im weicheren Schnee ist. Da kann ich mein ganzes Potenzial entfalten.»
Weil ihm die Variation und die schwierigen Verhältnisse liegen, freue er sich auch auf den nächsten Klassiker in Kitzbühel vom nächsten Sonntag. Dort stand er dreimal auf dem Podest, ein Sieg fehlt ihm aber noch. Sein bester Freund im Ski-Zirkus schied am «Ganslernhang» hingegen viermal hintereinander aus. Nun dürfte Atle Lie McGrath auf Rache sinnen. Dass er erstmals in seiner Karriere mit dem roten Trikot des Leaders der Slalomwertung antritt, findet er «richtig cool».
Will er dieses verteidigen, muss er allen voran seinen Kindheitsfreund hinter sich lassen. Der Vorsprung beträgt bei noch vier ausstehenden Slaloms nämlich nur 21 Punkte. Die «Ski-Zwillinge» sind plötzlich die grössten Rivalen – dahinter lauern die Franzosen Clément Noël und Paco Rassat sowie Timon Haugan. Aber wenn der Slalom in Wengen eins gezeigt hat: Am Ende freuen sich Atle Lie McGrath und Lucas Pinheiro Braathen sowieso – egal, wer von beiden nun gewinnt.
