«Wir haben zwei Slalom-WM-Titel, aber niemand merkt es – das kann doch nicht sein»
Quiz-Frage zum Start: In welcher Disziplin ist die Ski-Nation Schweiz am erfolgreichsten? Die Antwort überrascht: im Slalom. Zumindest ist das so, wenn man die WM 2025 als Referenz nimmt. Gold. Gold. Silber. Das ist die überragende Bilanz. Erstmals überhaupt gingen beide Weltmeister-Titel der Stangenkunst in die Schweiz. An Camille Rast und Loïc Meillard.
Alle Schweizer Männer mit einer WM-Medaille im Slalom
An diesem Wochenende finden in Levi die ersten Slaloms der Ski-Saison statt. Und es fragt sich: Weltmeisterin Rast, Weltmeister Meillard – logisch oder auch ein bisschen Zufall?
Didier Plaschy war selbst Slalomfahrer, Trainer und arbeitet jetzt als Experte und Co-Kommentator für SRF. Er sagt: «Bei den Frauen blickt die Schweiz auf eine Dynastie zurück. Lise-Marie Morerod. Erika Hess. Vreni Schneider. Wendy Holdener. Camille Rast ist jetzt die nächste. Bei den Herren hingegen ist es anders. Da hat stets ein bisschen Understatement regiert im Sinne von: Der Schweizer kann nicht Slalom fahren. Wir sind Abfahrer.»
Vermarktung der WM-Titel verpasst?
Dass die Schweiz mit Rast und Meillard gleich beide Slalom-Titel im Sack hat, wertet Plaschy als Glücksfall für den hiesigen Skisport. Allerdings wirft er eine interessante Frage auf: «Hand aufs Herz, wer hat das in der Schweiz überhaupt mitbekommen? Ich frage mich: Hat es Swiss-Ski verpasst, die beiden richtig zu vermarkten? Es geschah jedenfalls wenig über den Sommer – das ist schwach.»
Gewiss, Marco Odermatt absorbiert bei den Männern den Löwenanteil der Aufmerksamkeit. Bei den Frauen konzentriert sich vieles auf Lara Gut-Behrami, Wendy Holdener oder Corinne Suter. Aber ein Teil der Wahrheit ist eben auch: Sowohl Rast, 26-jährig, wie Meillard, 29-jährig, fühlen sich wohler im Hintergrund. Plaschy sagt: «Rast ist eher die Eigenbrötlerin und Meillard arbeitet gerne einfach im Stillen für sich weiter. Vermutlich werden sie in der Westschweiz mehr wahrgenommen.»
Rast: Bestätigung der Super-Saison?
Der Aufstieg von Rast in der letzten Saison war beeindruckend. Innert einer Saison hat sie mehr Slaloms gewonnen als Wendy Holdener in ihrer gesamten Karriere. Nach Jahren, in denen die einstige Junioren-Weltmeisterin immer wieder von Verletzungen gebremst wurde, ging plötzlich alles auf. Plaschy sagt: «Natürlich hat Rast auch davon profitiert, dass mit Mikaela Shiffrin und Petra Vlhova die beiden Dominatorinnen der jüngeren Vergangenheit fehlten – aber du musst dann eben da sein und profitieren können.»
Bei Rast lautet die Frage nun: Kann sie die erste Saison an der Spitze bestätigen? Wie geht sie mit den gestiegenen Erwartungen um? Und vor allem: Wie sehr ist sie noch beeinträchtigt von ihrer Hüftverletzung, die sie sich Ende Saison bei einem Sturz in Sestriere zugezogen hat? Die Schmerzen sind noch immer nicht weg. Im schlimmsten Fall bleiben sie noch Monate.
«Holdener ist derzeit die Beste»
Gespannt ist Plaschy insbesondere auf Wendy Holdeners erste Auftritte. Die Trainingsleistungen seien herausragend gewesen. Darum gilt für Plaschy: «Es ist Zeit, dass Holdener aufhört, sich selbst zu schlagen. In den nächsten zwei Jahren mit Olympia und Heim-WM heisst es für sie: nicht nach links schauen, nicht nach rechts schauen – einfach Rock n’Roll und das Ding durchziehen. Sie ist die beste Slalomfahrerin derzeit.» Darum ist für Plaschy klar: Holdener kann den Slalom-Weltcup gewinnen. Und die weiter aufstrebende 21-jährige Kroatin Zrinka Ljutic überflügeln.
Die spannendste Frage dieses Slalom-Winters bei den Frauen ist indes: Wie stark kehrt Mikaela Shiffrin zurück? Zum Ende der letzten Saison tastete sich die mittlerweile 30-jährige Amerikanerin nach langer Verletzungspause wieder heran. Gut möglich, dass die 101-fache Weltcupsiegerin in ihrer Paradedisziplin nochmals richtig angreift – womöglich zum Leidwesen der Schweizerinnen.
Meillard: Reaktion nach missglücktem Start?
Zurück zu Loïc Meillard. Neben seiner Parforce-Leistung am Tag-X der WM beeindruckt bei ihm vor allem die Konstanz, die er mittlerweile erreicht hat. Die letzten 13 Slaloms, die er ins Ziel brachte, beendete er stets in den Top 5. Siebenmal auf dem Podest. Dreimal als Sieger. Dazwischen schied er nur zweimal aus. Dass Meillard am Ende trotzdem 52 Punkte auf Henrik Kristoffersen fehlten, um den Slalom-Weltcup zu gewinnen, zeigt, wie nahe die Athleten beieinander liegen. Nirgends ist die Dichte an der Spitze so gross.
Wie kommt Meillards Konstanz? Plaschy sagt: «Vielleicht war die Rücken-Verletzung am Anfang der letzten Saison gar nicht so schlecht. Da hat er sich danach mehr auf den Körper konzentriert, als zu viel über Technik und Material nachzudenken. Das führte dazu, dass er viel lockerer gefahren ist.»
Bei aller Euphorie rund um Meillard gibt es eben auch stets die gleichen Fragezeichen. Der Start in diese Saison beim Riesenslalom war mit Rang 14 enttäuschend. Und ein erster Fingerzeig für jene, die Meillard jedes Jahr von neuem als Gesamtweltcupsieger wähnen. Darum ist sowohl in Levi als auch eine Woche später in Gurgl bereits eine deutliche Reaktion gefordert.
Der Slalom von Levi im Liveticker ab 10 Uhr (1. Lauf) bzw. 13 Uhr (2. Lauf).
