Der Odermatt-Hype wird am Lauberhorn zunehmend zum Sicherheitsproblem
Die Mischung hat es in sich: Postkarten-Panorama, ein fast hundertjähriger Traditionsanlass, erfolgreiche Schweizer und rundherum viel Halli Galli. Die Folge: Das 1200-Seelen-Dorf Wengen am Fuss der Jungfrau wird an den Lauberhorn-Renntagen mit Menschen überschwemmt.
Vor einem Jahr waren es verteilt über den Super G, die Abfahrt und den Slalom 80'000 Menschen. Über die Hälfte davon drängte sich allein am Hauptevent am Samstag (Abfahrt) an die Strecke und viele davon für die Party danach ins Dorf. Auf der Dorfstrasse fünfzig Meter vorankommen? Keine Chance – alles verstopft. Ein Platz im Zug runter nach Lauterbrunnen? Frühestens in zwei Stunden.
Das Ganze ist ja eigentlich ein Luxusproblem. Aber halt eben ein Problem. Urs Näpflin, OK-Präsident der Lauberhorn-Rennen, sagte schon während den Rennen 2025: «Es sind zu viele Leute, wir müssen über die Bücher.»
Für das Dorf braucht es kein Ticket
Ein Jahr später sitzen wir zwischen dem ersten und zweiten Abfahrtstraining im Büro von Geschäftsführer Andreas Mühlheim. Er sagt: «Einfach so weitermachen, wäre verantwortungslos und ein Spiel mit dem Feuer gewesen. Es gab 2025 zwar zu keinem Zeitpunkt eine prekäre Situation, aber wir mussten uns auch eingestehen: Wir hatten Glück.»
Die grösste Schwierigkeit aus Sicht der Veranstalter: Wer will, kann nach Wengen kommen. Auch ohne Ticket. Die Kommunikation der Veranstalter im Voraus, dass der Samstag ausverkauft ist und die Bitte, nur mit Ticket zu kommen und die gleiche Route für An- und Abreise zu nehmen, sind Empfehlungen, aber nicht mehr.
Denn neben den Rennen muss der touristische Zugang zum Gebiet (Skipisten, Jungfraujoch) gewährt sein, die Bergbahnen haben eine Transportpflicht. Gerade wegen dieser Ausgangslage könnten Mühlheim und sein Team finden: Alles, was ausserhalb der offiziellen Eventzone passiert, geht uns nichts an.
Maximaler Stresstest für das neue Leitsystem
«Stimmt, das könnten wir», sagt Mühlheim und fügt an: «Aber das war für uns kein Thema. Gemeinsam mit den Bergbahnen und den Blaulicht-Organisationen schultern wir die Verantwortung für den gesamten Event.» Also bekamen die Organisatoren von Behördenseite nicht ein Ultimatum gestellt, sondern sassen von Anfang an mit am Tisch bei der Erarbeitung einer Lösung.
Und die ist, wenn man genauer hinschaut, erstaunlich marginal angesichts des immensen Gedränges vor einem Jahr. Mit Sensoren wird überwacht, wie viele Menschen sich im abgesperrten Bereich mit der Bühne für die Siegerehrung befinden. Sprich: im Weltcup-Dörfli. Sind 80 bis 90 Prozent der erlaubten 4600 Personen erreicht, greift das neue Konzept: Wer jetzt ins Zentrum will, wird umgeleitet. Ziel ist gemäss Mühlheim, dass die Dorfstrasse und der Bereich rund um den Bahnhof jederzeit gut passierbar sind.
Weil Odermatt, von Allmen und Co. auch in dieser Saison auf den Speed-Pisten den Ton angeben, müssen die Organisatoren mit dem gleichen Fanaufmarsch wie vor einem Jahr rechnen. Ein maximaler Stresstest für das neue Leitsystem also schon bei der Premiere. Kein Grund zur Unruhe bei Mühlheim: «Wir haben mit allen Involvierten verschiedene Notfall-Szenarien durchgespielt, wir sind vorbereitet und überzeugt, die richtigen Massnahmen getroffen zu haben.» Für einen geregelten Ablauf sorgen sollen die 70 Personen vom Sicherheitsdienst des Organisationskomitees, unzählige Kontrollposten, Platzanweiser und die aufgebotenen Polizeikräfte.
Nach Crans-Montana nochmals die Fluchtwege kontrolliert
Das alles ist Teil des neuen, vor Monaten erarbeiteten Sicherheitskonzeptes und keine Folge der Neujahrs-Tragödie von Crans-Montana. Aber: Der Brand mit 40 Todesopfern im Wallis hat auch die Lauberhorn-Organisatoren zum Nachdenken gebracht. Und zu kurzfristigen Anpassungen: Die Siegerehrungen finden heuer ohne Pyro-Effekte statt.
Auch die Showeinlage der Patrouille Suisse wird dezenter daherkommen. Mühlheim selber, sagt er, spüre als Geschäftsführer nicht mehr Druck als eh schon, gibt aber zu: «Wir haben in den letzten Tagen nochmals genau kontrolliert, ob auch wirklich alle Fluchtwege funktionieren.»
Während die Schweizer Speedcracks nach dem Sieg auf der schönsten Abfahrtsstrecke der Welt streben, hat Mühlheim andere Ziele: «Wenn am Sonntagabend alle Fans, Fahrer und Helfer gesund zu Hause sind, kann ich mich entspannen.»
