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Diese Frau (Sarah Hay) ist zu dick für eine amerikanische Ballett-Compagnie. Amerika, geht's noch?
Bild: starz

Auf «Breaking Bad» folgt «Breaking Bein»! Wieso die seriensüchtige Menschheit gerade über einen Ballett-Mehrteiler ausflippt

Schönes Schinden mit Bambiaugen: «Flesh and Bone» ist der Serien-Hit der Vorweihnachtszeit. Er stammt aus dem Umfeld von Walter White und ist entsprechend hart.



Dem schönen Mädchen geht es übelst. Sie reisst sich einen kaputten Zehennagel vom blutigen Fuss. Sie hat ein Vorhängeschloss an ihre Schlafzimmertür montiert. Ein Mann rüttelt mit Macht daran. Das Rütteln klingt enorm böse.

Das Mädchen heisst Claire, es klettert aus dem Fester, rennt fort, weit weg, nach New York. Geht zum Casting einer weltwichtigen Tanzcompagnie. Tanzt so schön, dass dem Arsch von künstlerischem Direktor fast die Augen aus dem Kopf fallen. Wird engagiert. Gerät in tausend Bitchfights. Entwickelt einer Kollegin gegenüber, die in ihrer Freizeit nackt an Stangen tanzt, ein latentes lesbisches Begehren. In ihr drin wütet ein dunkles Drama weiter. Ihr Körper ist ein Quell von monströser Schönheit und monströsem Schmerz. Und überall liegen die Drogen herum.

Trailer zu «Flesh and Bone»

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YouTube/Starz

Willkommen in der Haut-und-Knochen-Welt des Balletts. Willkommen in «Flesh and Bone», dem seit dem achten November aufgeschalteten Achtteiler des amerikanischen Senders starz. Geschrieben und produziert wurde «Flesh and Bone» von einer ehemaligen Tänzerin, von Moira Walley-Beckett, die als Produzentin und Drehbuchautorin von «Breakig Bad» schon eine Menge Preise gewonnen hat. Eine Frau für's Ultraharte also. 

Dass es im Profiballett zugeht wie in einer Folterhölle, ist ja nichts Neues, erstens, weil es ganz einfach so ist – das bestätigt auch die Ballerina Sarah Hay, die Darstellerin des schönen Mädchens, die schlimme Sache mit den Zehennägeln passiere ihr sicher einmal pro Jahr, sagt sie. Und weil sie in Amerika als zu dick für eine Ballett-Truppe gilt, hat sie sich eben einen Job in Europa gesucht, als Solistin an der Semperoper in Dresden.

Die Ballettgeschichte ist voll mit Shape Shifters

Zweitens, weil auch die geistige Tradition des klassischen Balletts selbst voll ist von einem ästhetischen Sadismus. Denn die Geschichte des romantischen Handlungsballetts, jener im vorletzten Jahrhundert in Russland und Frankreich blühenden Traumfabrik, quillt nur so über von tragisch verliebten Jungfrauen, die verzaubert werden und später im Wahnsinn verenden – oder gleich den Liebestod sterben und als federleichte Gespenster zurückkehren.

flesh and bone

Claire (Sarah Hay) und der freiwillige Körperkontakt.
Bild: starz

Sei es als weisse Schwänin in «Schwanensee», die nur nachts zur Frau werden darf und erst durch die ungetrübte Liebe und Treue eines Mannes in einen Menschen zurückverwandelt werden kann (was schiefgeht, weil sich der Mann auf einer Party von einer lasziven schwarzen Schwänin verführen lässt). Sei es als untote Selbstmörderin in «Giselle», die aus dem Grab heraus spukt.

Im heutigen Vampir-, Werwolf-, und Zombie-Slang würde man die Mädchen als «Shape Shifters» bezeichnen, als Wandelwesen. Der feminine Horror versteckt und verrenkt sich da aufs Schönste in einem Kostüm, das aussieht wie ein Brautkleid mit Beinfreiheit: im unschuldig weissen Tutu. Und daraus entstehen dann eben psychedelische (Horror-)Filme wie die Ballettklassiker «The Red Shoes» oder «Black Swan», für den Natalie Portman ihren Oscar gewann.

flesh and bone

So sehen Claires Füsse verpackt aus.
Bild: starz

flesh and bone

Und so sind sie nackt.
Bild: starz

«Flesh and Bone» ist quasi «Black Swan» auf acht Stunden ausgedehnt (also grossartig) minus magischer Realismus (also okay, wenn auch ein bisschen schade) plus viel mehr realer Realismus (also super). Schönes Schinden mit Bambiaugen ohne Ende also. Klingt grässlich. Ist aber grossartig anzusehen. Macht süchtig.

Mehr Masochismus geht nicht

Und wer das einmal gemacht hat in seinem Leben mit dem Ballett, weiss, dass in der Überwindung des eigenen Körpers im tiefsten Schmerz auch immer die höchste Lust zu finden ist. Wenn sich der Körper aufzulösen beginnt, wird er zum Zauber. Eine schönere Form des absoluten Masochismus als Ballett gibt es nicht. Ballett ist die legitimierte Magersucht, die legitimierte Selbstzerstörung. Ballett ist pervers. Und was schauen wir uns in Film und Fernsehen lieber an als die Perversionen der anderen?

Für die Rolle der Claire haben sich 2000 professionelle Tänzerinnen beworben. Sarah Hay, die Gewinnerin, identifiziert sich im Leben abseits der Bühne übrigens nicht mit den romantischen Rollen. Ihr Ziel: Einmal in einem Tarantino-Film mitzumachen. Inklusive Prügeleien und Schiessereien. Wie Moira Walley-Beckett hat das so zart aussehende Ballett also auch Sarah Hay bestens auf die richtig harten Stoffe vorbereitet.

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