DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Die Polizei begutachtet die «Stairway 13», während Tote und Verletzte weggebracht werden.
Die Polizei begutachtet die «Stairway 13», während Tote und Verletzte weggebracht werden.bild: dailyrecord.co.uk
Stadion-Katastrophe in Schottland

02.01.1971: Weil die Glasgow Rangers im «Old Firm» in der Nachspielzeit den Ausgleich erzielen, verlieren im Ibrox Park 66 Menschen ihr Leben

2. Januar 1971: Im «Old Firm» zwischen den Glasgow Rangers und Celtic kommt es nach dem Last-Minute-Ausgleich der Rangers auf den Rängen zu einer Massenpanik. Bei der Tragödie sterben 66 Menschen, mehr als 200 werden verletzt.
02.01.2015, 00:0102.01.2015, 11:00

«The Old Firm» zwischen den Glasgow Rangers und Celtic ist eines der ältesten Derbys der Welt und das am häufigsten ausgetragene. 399 Duelle haben sich die «Gers» und die «Celts» schon geliefert. Weil die Rangers nach einem Bankrott zwangsrelegiert wurden, wird das bislang letzte am 29. April 2012 ausgetragen.

Traditionsgemäss fand eines der Derbys – wie auch die anderen schottischen Städteduelle – zu Beginn des neuen Jahres statt. So auch 1971. Es ist kalt und neblig, ein typischer britischer Wintertag. Das Flutlicht muss angeschaltet werden, obwohl die Partie am Nachmittag stattfindet.

Dennoch pilgern über 100'000 Zuschauer für das Duell gegen den Erzrivalen in den Ibrox Park, obwohl die Heimstätte der Rangers nur für rund 80'000 Zuschauer ausgelegt ist. Trotz den Katastrophen von 1902 (25 Tote), 1961 (2 Tote), 1967 (8 Verletzte) und 1969 (24 Verletzte) stört das allerdings niemanden – mit fatalen Folgen.

Mehr zum Thema

Der Ibrox Park in den späten 60er-Jahren.
Der Ibrox Park in den späten 60er-Jahren.bild: dailyrecord.co.uk

Das Duell der beiden Erzrivalen verläuft zunächst überraschend friedlich. Die Polizei kann die Fanlager der protestantischen Rangers und der katholischen Celtics beim Anmarsch zum Stadion getrennt voneinander halten, erst während der Partie kommt es zu einzelnen Schlägereien.

Auf dem Feld liefern sich die beiden Mannschaften einen packenden Fight. Chancen gibt es hüben wie drüben, doch Tore wollen zunächst partout nicht fallen. In der 89. Minute erzielt Celtic-Stürmer Jimmy Johnstone doch noch die 1:0-Führung für die Gäste, worauf die Rangers-Fans in Scharen das Stadion verlassen – unter anderem auch über Stairway 13.

No Components found for watson.rectangle.

Wie wenn ein Kartenhaus zusammenfällt

Doch nur wenig später hören sie Jubelschreie von den Rängen. Colin Stein gelingt in der Nachspielzeit völlig unerwartet der Ausgleich für die Rangers. Was dann passiert, lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren. Augenzeugen berichten, dass hunderte Fans nach dem Ausgleich umkehren, um im Stadion zu feiern. Dies wird später allerdings von vielen anderen widerlegt. Alle Zuschauer seien in dieselbe Richtung gegangen.

Fakt ist, dass im Getümmel eine kleiner Junge stürzt. Beim Versuch, ihm zu helfen, kommen weitere Personen zu Fall. Als die Leute sehen, dass die Gestürzten nicht mehr aufstehen können, wird noch mehr gedrängelt und es bricht eine Massenpanik aus. «Irgendjemand fiel, ein anderer fiel auf ihn, und so setzte es sich fort», berichtet ein Polizist später. «Es war, als ob ein Kartenhaus zusammengefallen wäre.»

Die Spieler bekommen von der Katastrophe nichts mit. Sie sind zum Zeitpunkt der Massenpanik bereits in der Garderobe.
Die Spieler bekommen von der Katastrophe nichts mit. Sie sind zum Zeitpunkt der Massenpanik bereits in der Garderobe.bild: dailyrecord.co.uk

Immer mehr Menschen drängen jetzt auf die 25 Meter lange und nur wenige Meter breite «Stairway 13». Die massiven Metallgeländer geben dem Druck nach, verbiegen sich und werden teilweise aus dem Boden gerissen. Kinder, Frauen und Männer werden zu Tode getrampelt, erdrückt oder stürzen in die Tiefe. 66 Menschen sterben, mehr als 200 werden verletzt. 

«Stairway 13» vor der Katastrophe
«Stairway 13» vor der Katastrophebild: Keystone
«Stairway 13» nach der Katastrophe.
«Stairway 13» nach der Katastrophe.bild: bild: dailyrecord.co.uk

«Das Geländer brach gerade vor mir zusammen. Ich schrie nach hinten: ‹Bleibt, wo ihr seid. Bleibt, wo ihr seid.› Aber es war unmöglich. Die Menge hinter mir wurde einfach vorwärtsgeschoben. Unter mir lagen sieben oder acht tote Männer. Neben mir stöhnte jemand auf und blieb dann reglos, er war tot», berichtet Augenzeuge Robert CampbeIl nach der Katastrophe.

«Ich wurde 20 Meter weit von der Masse mitgetragen. Über mir und unter mir: Tote und Verletzte. Ich stand auf Menschen und konnte nichts dagegen tun», schildert John Dawson, der damals ebenfalls mittendrin ist.

«Über mir und unter mir: Tote und Verletzte. Ich stand auf Menschen und konnte nichts dagegen tun.»
Augenzeuge John Dawson

Bis zum Hosenboden im Blut der Opfer

Die Retter sind schnell vor Ort, sämtliche Krankenwagen der Stadt sind im Einsatz. Doch alles passiert so schnell. George Connor ist einer der ersten Helfer und kann nur noch die Toten zählen: «Ich zählte bis 41, dann hörte ich auf. Die ersten fünf oder sechs versuchte ich künstlich zu beatmen. Bis ein Arzt kam und sagte: ‹Verschwenden Sie Ihre Zeit nicht mit denen, die sind tot.› Die meisten Toten waren zwischen 20 und 30 Jahre alt, aber es waren auch Kinder darunter. Von den Opfern, die ich sah, waren nur noch zwei am Leben.» 

Die Opfer werden schnell versorgt, doch für viele kommt die Hilfe zu spät.
Die Opfer werden schnell versorgt, doch für viele kommt die Hilfe zu spät.bild: bild: dailyrecord.co.uk

Die Leichen werden zunächst zwischen der Eckfahne und dem Osttor auf den Rasen gelegt und mit einer grauen Kunststoffplane bedeckt, die vor dem Spiel zum Schutz vor Bodenfrost gedient hatte. Unter dem Flutlicht und einer Notbeleuchtung der Feuerwehr werden die Verletzten gepflegt. «Die Verstümmelungen der Toten unter dem Geländer waren unbeschreiblich. Meine Kollegen und ich bargen die Leichen von dort. Hinterher waren unsere Schuhe, Socken und Hosenböden blutgetränkt», berichtet ein Polizist.

Der Oberbürgermeister von Glasgow ist bestürzt und kann seine Tränen auf einer Pressekonferenz nicht zurückhalten. «Wir hatten uns alle auf ein glückliches Fussballfest gefreut, und genau das war es auch, bis … mir fehlen die Worte. Diese Tragödie übersteigt mein Begriffsvermögen. Ganz offen, mir ist das Herz gebrochen.»

No Components found for watson.rectangle.

Valley Parade, Heysel und Hillsborough

Nach der Katastrophe passiert endlich etwas. Der Ibrox Park wird noch 1971 für zehn Millionen Pfund von Grund auf renoviert und 1981 neu gebaut. Aus der ovalen Form wird der typisch britische viereckige Bau, die Stehplätze verschwinden und die Kapazität wird auf 50'467 Zuschauer reduziert.

Auch für den britischen Fussball hat die Tragödie Konsequenzen. Die Art, wie Stadien gebaut werden, wird von Grund auf neu durchdacht. Mit Hilfe der britischen Regierung gibt die Sports Grounds Safety Authority Richtlinien heraus, worauf bei Bau von Sportstadien zwingend geachtet werden muss.

1 / 12
Die schlimmsten Stadion-Katastrophen
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Im Ibrox Park, das seit dem Umbau Ibrox Stadium heisst, ereignet sich tatsächlich nie wieder eine Katastrophe. Doch der britische Fussball bleibt von Tragödien nicht verschont. 1985 sterben beim Brand der Haupttribüne des Valley-Parade-Stadions von Bradford 56 Menschen. Zweieinhalb Wochen später verlieren bei der Heysel-Katastrophe 56 Menschen ihr Leben. Und 1989 bei der Hillsborough-Katastrophe muss Fussball-Britannien um 96 weitere Menschenleben trauern.

Unvergessen
In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Abonniere unseren Newsletter

0 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Zum einzigen Mal in der Geschichte ist der Tischtennis-Olympiasieger kein Asiate
6. August 1992: Tischtennis ist seit 1988 olympisch und wird seither von China dominiert. Nur ein einziges Mal gewinnt kein Asiate die Goldmedaille: Jan-Ove Waldner aus Schweden hievt sich in Barcelona auf den Thron.

Die Bilanz bei Sommerspielen ist äusserst eindrücklich: 28 von 32 Olympia-Goldmedaillen in der Geschichte des Tischtennis gingen bislang nach China. Südkorea sicherte sich drei Titel – und ein einziges Mal kam der Olympiasieger aus Europa. Der Schwede Jan-Ove Waldner schlägt 1992 den Gegnern ein Schnippchen.

Zur Story