Unvergessen
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West Germany's Franz Beckenbauer, right, scores his teams fourth goal against Switzerland in the Football World Cup match at Hillsborough Stadium, Sheffield, on July 12, 1966. Swiss goalkeeper Charles Elsener attempts to stop the ball. West Germany defeated Switzerland 5-0. (AP Photo/Bippa)

Bild: AP NY

Köbi Kuhn und Co. im Ausgang

Unvergessen

11.07.1966: Die «Nacht von Sheffield», der grösste Skandal der Schweizer Fussballgeschichte

11. Juli 1966: Es beginnt an diesem lauen Sommerabend mit einer verspäteten Heimkehr von drei Schweizer Spielern ins WM-Hotel. Diese «Nacht von Sheffield» wird den Schweizer Fussball aber fast zwei Jahre lang verdunkeln



Bereits kurz vor der Abreise der Schweizer an die WM in England geschieht schon Einmaliges. Philippe Pottier wird von der Liste der 22 Spieler gestrichen. Weil er statt ins Trainingslager mit seiner Gattin vom 25. Juni bis zum 2. Juli in die Ferien will. Was natürlich nicht bewilligt wird.

Doch das wäre nur eine Episode geblieben. Aber ausgerechnet am Vorabend des ersten WM-Spiels gegen Deutschland kommt es zur «Nacht von Sheffield». Drei Spieler – Köbi Kuhn, Werner Leimgruber und Ersatzgoalie Leo Eichmann – kehren um 23.30 Uhr, eine Stunde zu spät, ins Hotel zurück. Nachdem sie, wie die erste Variante lautete, von zwei Engländerinnen angesprochen, in das Auto der Damen eingestiegen und zu einer Kneipentour aufgebrochen sind. Die jungen Frauen werden später allerdings auch noch im Hotel gesichtet.

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Die 0:5-Klatsche gegen Deutschland. Video: Youtube/soccerman1986

«Der Leimgruber, der Eichmann und ich hatten noch Lust auf einen Spaziergang. Wir gingen zur Strasse, ich hielt den Daumen hoch, und dann hielt dieses dumme Auto auch schon an», schildert Kuhn Jahre später in der «Schweizer Familie». «Natürlich hatten wir unseren Spass», erinnert sich Kuhn, «aber nicht so, wie die Leute denken. Stellen Sie sich vor: Zu fünft waren wir in diesem Mini eingepfercht. Die beiden Frauen vorne, und wir auf dem Rücksitz konnten uns zu dritt kaum bewegen. Es war eine harmlose Chalberei.»

«Natürlich hatten wir unseren Spass. Aber nicht so, wie die Leute denken.» 

Köbi Kuhn Schweizer Familie

Doch die harmlose Chalberei bleibt nicht unentdeckt. Im Hotel werden sie von Nationaltrainer Dr. Alfredo Foni empfangen. «Der Trainer hatte sich auf eine Materialkiste vor unser Zimmer gesetzt und gewartet.» 

Drei Pleiten für total zerstrittenes Team

Dottore Foni sperrt die drei Nachtschwärmer und für Köbi Kuhn und Werner Leimgruber kommen Ely Tacchella und Richard Dürr ins Team. Ernst B. Thommen, damals nicht Präsident des Verbandes, aber FIFA-Vize und der wohl mächtigste Schweizer Sportfunktionär seiner Zeit, fleht die Journalisten, die er gerade im muffigen Rauchsalon des wolkenkratzerartigen Nobelhotels «Hallam Tower» trifft, buchstäblich auf den Knien an, den Vorfall ja nicht aufzubauschen.

Jakob

Der junge Köbi Kuhn. Bild: KEYSTONE

Doch aus der Affäre wird ein Skandal, eine Komödie, eine Groteske. Die Verbandsführung kommt auf die Idee, die Frauen der Nachtschwärmer nach Sheffield einzuladen. Das erboste die anderen Spieler, die sich ja «comme il faut» benommen haben. Sie wollen gleiches Recht und verlangen auch die Anreise ihrer Ehefrauen und Freundinnen. Das wird natürlich abgelehnt. Von da an ist das Team heillos zerstritten. Alle drei WM-Partien gehen verloren: 0:5 gegen Deutschland, 1:2 gegen Spanien und 0:2 gegen Argentinien.

Köbi Kuhn und Werner Leimgruber wollen gleich heimfliegen, können zum Bleiben überredet werden und dürfen ab der zweiten Partie wieder mitspielen. Die Verbandsgeneräle glauben nach einem Servelat-Essen mit den Journalisten sei die Sache erledigt. Dr. Thommen hat die Würste extra aus Basel einfliegen lassen.

ZUR FIFA FUSSBALL WELTMEISTERSCHAFT 2014 IN BRASILIEN STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZU DEN WELTMEISERSCHAFTEN 1962 IN CHILE UND 1966 IN ENGLAND ZUR VERFUEGUNG – Der Schweizer Mittelfeldspieler Koebi Kuhn spielt eine Flanke aufs argentinische Tor im Spiel Schweiz-Argentinien an der Fussball-Weltmeisterschaft 1966 in England am 19. Juli 1966 im Hillsborough-Stadion in Sheffield. Das Spiel Schweiz-Argentinien endet 0:2. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Str)

Gegen Argentinien ist Köbi Kuhn wieder dabei. Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Aber den Beteiligten ist die Sache danach nicht Wurst. Die «Nacht von Sheffield» weitet sich erst nach der WM zum grossen Skandal aus, der die Sportöffentlichkeit monatelang in Atem hält. Der Verband sperrt nämlich die drei fehlbaren Spieler nach der WM «auf Zeit». Die Spieler kontern mit einer Strafanzeige gegen den Zentralvorstand wegen Ehrverletzung.

Zeitung «Sport» kauft die Nati-Spieler frei

Nach einer 20-minütigen Hauptverhandlung am 13. Juni 1967 beim Richteramt VI am Verbandssitz in Bern wird die «Sammelklage» gegen den Zentralvorstand auf die einzelnen Mitglieder des Zentralvorstandes ausgedehnt. 

Die Fronten versteifen sich. Selbst Vermittlungsversuche von Nationalräten zeigen keine Wirkung. Der Verband ist nur gegen eine Aufhebung der Strafanzeigen bereit, die Sperren aufzuheben. Die Spieler wiederum erklären, die Strafanzeigen würden nur dann zurückgezogen, wenn die Sperren aufgehoben seien.

Alfredo Foni (1911-1985), links, Coach der Schweizer Fussballnationalmannschaft, beobachtet ein Spiel am 11. November 1964 mit ernster Miene. Neben ihm Roger Quinche und Pfleger Hari. Foni trainierte die Schweizer Nati von 1964 - 1967. (KEYSTONE/Str) ===  ===

Der damalige Nationaltrainer Alfredo Foni . Bild: KEYSTONE

Am 2. April 1968 geht die «Nacht von Sheffield» nach fast zwei Jahren doch noch zu Ende. Die Fachzeitung «Sport», damals das einflussreichste Medium im Schweizer Sport, hat die Lösung gefunden. Die dreimal wöchentlich erscheinende, Ende der 1990er Jahre eingestellte Zeitung übernimmt sämtliche Anwalts- und Gerichtskosten für beide Parteien und «kauft» so die Spieler frei. Der «Sport» tut es «dem Frieden zuliebe» und weil die Schweiz einen Weltklassespieler wie Köbi Kuhn einfach braucht.

Kuhn hat durch die «Nacht von Sheffield» elf Länderspiele verpasst. Am 18. April 1968 kehrt er in Basel beim 0:0 gegen Deutschland in die Nationalmannschaft zurück, später wird er der erfolgreichste und populärste Schweizer Nationaltrainer der Neuzeit.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei.

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07.03.2007: Johann Vogel droht Köbi Kuhn, in den Flieger zu steigen, um ihm «eins zu tätschen»

7. März 2007: Natitrainer Köbi Kuhn telefoniert mit seinem Captain Johann Vogel und teilt ihm mit, dass er künftig auf ihn verzichten werde. Die Reaktion des Genfers geht in den Schweizer Fussball-Sprachschatz ein.

1626 Kilometer liegen Zürich und Sevilla auseinander. In der Schweiz greift Natitrainer Köbi Kuhn zum Telefon, um Johann Vogel anzurufen, der bei Betis spielt. Er teilt seinem Captain mit, dass er ihn nicht mehr für die Nationalmannschaft aufbieten werde.

Vogel wird laut in diesem Gespräch, weiss der «Blick», der diese Information mit grosser Wahrscheinlichkeit von Kuhn erhalten hat. Ein «Riesen-Fehler» sei es, ihn aus der Nati zu werfen, poltert Vogel. Und es folgt der legendäre Satz:

Nach dieser …

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