Unvergessen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
28 Jul 1984:  General view of the Los Angeles Coliseum Stadium the venue for the 1984 Olympic Games in Los Angeles, USA. \ Mandatory Credit: David  Cannon/Allsport

Bild: Getty Images Europe

Angst um das «Ende der olympischen Idee» unbegründet

Unvergessen

08.05.1984: Die Sowjets boykottieren Olympia. Eine Retourkutsche, die ihre Wirkung komplett verfehlt

8. Mai 1984: Die Sowjetunion und ihre Verbündeten geben bekannt, dass sie die Olympischen Spiele in Los Angeles boykottieren werden. Es scheint wie das Ende der olympischen Idee, doch es ist der Anfang einer grandiosen Entwicklung.



Am 8. Mai 1984 geht die Meldung um die Welt, die von Pessimisten längst erwartet worden ist: «Das Nationale Olympische Komitee der Sowjetunion verzichtet auf die Entsendung von Aktiven nach Los Angeles.» Begründet wird dieser Verzicht mit Verletzungen der olympischen Charta durch die USA und unzureichenden Sicherheitsgarantien für die sowjetischen Athleten.

Den Vorwand liefern einige extreme Organisationen, die antikommunistische und antisowjetische Demonstrationen während der Spiele angekündigt haben. Das ist aber auch alles. Objektiv gesehen längst kein Grund für einen Olympiaboykott.

28 JUL 84:  A GENERAL VIEW OF TODAY's OPENING CEREMONY OF THE 1984 SUMMER OLYMPICS. THE CEREMONY TOOK PLACE AT THE COLISEUM IN LOS ANGELES, CALIFORNIA, UNITED STATES.

Die Eröffnungsfeier im Los Angeles Memorial Coliseum ist auch ohne Sowjets ein riesiges Spektakel. Bild: Getty Images Europe

Diese sowjetische Olympiaabsage ist rein politischer Natur und die Retourkutsche für den US-Boykott der Sommerspiele von 1980 in Moskau. Und doch kommt der Boykott überraschend. Die Sowjets hatten die vorolympischen Wettkämpfe 1983 in Kalifornien bestritten, umfassende Vorbereitungen für die Olympiaexpedition getroffen und ein grosses Kontingent an Olympiatickets angefordert.

Aber die Amerikaner haben sich in falscher Sicherheit gewiegt. Der sowjetische Boykott führt auch zu Absagen der Verbündeten: Die DDR, Ungarn, Polen, die CSSR und Kuba verzichteten auf die Spiele 1984. Aus dem Ostblock ist nur Rumänien dabei.

Ohne Athleten aus dem Ostblock gehen einige Medaillen «billiger» weg als auch schon. Bild: Getty Images Europe

Das Ende der Spiele scheint gekommen. Zahlreiche westliche Kommentatoren sprechen vom «Ende der Olympischen Spiele» und dem «Untergang der olympischen Idee». In den Emotionen des Augenblickes wird übersehen, dass die Olympischen Spiele immer und immer wieder politischen Ränkespielen ausgesetzt und politisch missbraucht worden sind.

Vor und nach dem Ersten Weltkrieg waren gar verschiedene Länder von den Spielen ausgeschlossen worden. 1936 inszenierten die Nationalsozialisten die Spiele in Berlin als grosse Show. 1956 boykottierten die Schweiz, Holland und Spanien die Spiele in Melbourne aus Protest gegen den sowjetischen Einmarsch in Ungarn.

1972 in München erschütterte das Attentat der Palästinenser auf die Mannschaft Israels die Welt. 1976 boykottierten 28 afrikanische Staaten die Spiele in Montreal, weil sich das IOC weigerte, Neuseeland auszuschliessen: Das neuseeländische Rugby-Nationalteam hatte eine Partie gegen eine südafrikanische Mannschaft ausgetragen.

Bild

Eine Übersicht über die Olympiaboykotte. Bild: Wikipedia

1980 boykottierten die Amerikaner aus Protest gegen die sowjetische Invasion in Afghanistan die Spiele in Moskau. Deutschland, Kanada, Norwegen, die Türkei und 37 weitere Länder schlossen sich dem Boykott an.

Die Schweiz hat nur 1956 die Olympischen Spiele aus politischen Gründen nicht bestritten. Für Moskau 1980 war es den einzelnen Sportverbänden und Athleten überlassen, ob sie nach Moskau reisen wollten oder nicht. Christine Stückelberger (1976 in Montreal Olympiasiegerin) und die Dressurreiter-Equipe, die Schützen mit Weltmeister Moritz Minder und die Degenfechter verzichteten – und vergaben wohl Medaillen. 1984 blieb kein Schweizer zu Hause.

28 Jul-12 Aug 1984:  Local sports fans wear patriotic Olympic Rings sunglasses during the 1984 Olympic Games in Los Angeles, California, USA. \ Mandatory Credit: Allsport UK /Allsport

Bei der Vermarktung gehen die Veranstalter völlig neue Wege. Bild: Getty Images Europe

Der von den Sowjets angezettelte Boykott beeinträchtigt den Erfolg der Spiele von 1984 nicht. Ein paar Medaillen gehen ohne die Konkurrenz aus dem Ostblock «billiger» weg – aber es wird ein grandioses Sportfest. Mehr noch: Ausgerechnet diese Spiele markieren den Beginn einer neuen Ära. Die Spiele in Los Angeles sind nämlich die ersten, die ohne staatliche Hilfe privatwirtschaftlich organisiert und finanziert werden. Es ist der Anfang des Umbaus der Spiele in eine riesige Werbe- und Geldmaschine.

OK-Präsident Peter Ueberroth erwirtschaftet einen Gewinn von 215 Millionen Dollar. Das Geld kommt einer Stiftung für die Förderung des Jugendsportes zu Gute. Noch 1976 hatten die Spiele in Montréal mit einem Defizit von sage und schreibe 990 Millionen kanadischen Dollars geendet. 790 Millionen musste die Provinz Quebec und 200 Millionen die Stadt Montréal bezahlen.

Nach Los Angeles hat es nur noch einen kaum beachteten letzten Olympiaboykott gegeben: Nordkorea blieb 1988 den Spielen in Seoul (Südkorea) fern, weil es nicht als Co-Organisator berücksichtigt worden war. Äthiopien, Kuba und Nicaragua schlossen sich der Aktion an. Niemand kümmerte es.

12 Aug 1984:  General view of the Closing Ceremony of the 1984 Olympic Games at the Olympic Stadium in Los Angeles, California, USA. \ Mandatory Credit: Steve  Powell/Allsport

Die Schlussfeier in orangen Tönen. Bild: Getty Images Europe

Inzwischen sind die Olympischen Spiele als Weltbühne des Sportes für jedes Land so wichtig geworden, dass ein Boykott nicht mehr zur Debatte steht. Zudem hat gerade Los Angeles 1984 gezeigt, dass ein Boykott keinerlei Wirkung erzielt. Die düsteren Kommentare nach Bekanntgabe des Boykottes am 8. Mai waren längst vergessen, als die Spiele am 28. Juli eröffnet wurden.

Die Spiele von 1984 sind nicht als Boykottspiele in die Geschichte eingegangen, sondern als rauschendes Sportfest, orchestriert nach allen Regeln der hochentwickelten nordamerikanischen Sport- und Vermarktungskultur. Los Angeles 1984 öffnete den olympischen Funktionären die Augen. Sie erkannten, dass die Spiele das Potenzial zum Milliardenbusiness haben.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote - alles ist dabei.

Das könnte dich auch interessieren:

Lehrer M. zur Pisa-Studie: «Schüler erzählen mir fast triumphierend, dass sie nicht lesen»

Link zum Artikel

Toiletgate im Weissen Haus: Wegen Trumps Klo-Tirade lacht das Internet Tränen

Link zum Artikel

Stell dir deine Pizza zusammen und wir sagen dir, ob du Gourmet oder Banause bist

Link zum Artikel

8 Zeichnungen des ersten Terrorhäftlings, die zeigen, wie die Amerikaner folterten

Link zum Artikel

Glück vor Geld – Island treibt Wirtschaft der Zukunft voran

Link zum Artikel

Shaqiri erhält nach Traum-Comeback ein Sonderlob von Klopp – und eine Entschuldigung

Link zum Artikel

Ho ho ho! Der Bundesrat schnürt das Budgetpäckli: Dafür gibt er am meisten Geld aus

Link zum Artikel

Das beste Kamera-Handy gibt's jetzt in der Schweiz – wir haben es getestet

Link zum Artikel

Diese Schweizer Organisationen erhalten am meisten Spendengelder

Link zum Artikel

TikTok zensiert Videos von Menschen mit Behinderung – um sie vor Mobbing zu schützen 🤔

Link zum Artikel

Wegen «Wildwest-Modell» von Uber & Co. – warum bald Millionen in den AHV-Kassen fehlen

Link zum Artikel

Alphabet Inc. – das macht der Mega-Konzern hinter Google wirklich

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Das könnte dich auch interessieren:

Lehrer M. zur Pisa-Studie: «Schüler erzählen mir fast triumphierend, dass sie nicht lesen»

157
Link zum Artikel

Toiletgate im Weissen Haus: Wegen Trumps Klo-Tirade lacht das Internet Tränen

47
Link zum Artikel

Stell dir deine Pizza zusammen und wir sagen dir, ob du Gourmet oder Banause bist

157
Link zum Artikel

8 Zeichnungen des ersten Terrorhäftlings, die zeigen, wie die Amerikaner folterten

229
Link zum Artikel

Glück vor Geld – Island treibt Wirtschaft der Zukunft voran

102
Link zum Artikel

Shaqiri erhält nach Traum-Comeback ein Sonderlob von Klopp – und eine Entschuldigung

22
Link zum Artikel

Ho ho ho! Der Bundesrat schnürt das Budgetpäckli: Dafür gibt er am meisten Geld aus

58
Link zum Artikel

Das beste Kamera-Handy gibt's jetzt in der Schweiz – wir haben es getestet

33
Link zum Artikel

Diese Schweizer Organisationen erhalten am meisten Spendengelder

15
Link zum Artikel

TikTok zensiert Videos von Menschen mit Behinderung – um sie vor Mobbing zu schützen 🤔

6
Link zum Artikel

Wegen «Wildwest-Modell» von Uber & Co. – warum bald Millionen in den AHV-Kassen fehlen

31
Link zum Artikel

Alphabet Inc. – das macht der Mega-Konzern hinter Google wirklich

0
Link zum Artikel

Das könnte dich auch interessieren:

Lehrer M. zur Pisa-Studie: «Schüler erzählen mir fast triumphierend, dass sie nicht lesen»

157
Link zum Artikel

Toiletgate im Weissen Haus: Wegen Trumps Klo-Tirade lacht das Internet Tränen

47
Link zum Artikel

Stell dir deine Pizza zusammen und wir sagen dir, ob du Gourmet oder Banause bist

157
Link zum Artikel

8 Zeichnungen des ersten Terrorhäftlings, die zeigen, wie die Amerikaner folterten

229
Link zum Artikel

Glück vor Geld – Island treibt Wirtschaft der Zukunft voran

102
Link zum Artikel

Shaqiri erhält nach Traum-Comeback ein Sonderlob von Klopp – und eine Entschuldigung

22
Link zum Artikel

Ho ho ho! Der Bundesrat schnürt das Budgetpäckli: Dafür gibt er am meisten Geld aus

58
Link zum Artikel

Das beste Kamera-Handy gibt's jetzt in der Schweiz – wir haben es getestet

33
Link zum Artikel

Diese Schweizer Organisationen erhalten am meisten Spendengelder

15
Link zum Artikel

TikTok zensiert Videos von Menschen mit Behinderung – um sie vor Mobbing zu schützen 🤔

6
Link zum Artikel

Wegen «Wildwest-Modell» von Uber & Co. – warum bald Millionen in den AHV-Kassen fehlen

31
Link zum Artikel

Alphabet Inc. – das macht der Mega-Konzern hinter Google wirklich

0
Link zum Artikel

Abonniere unseren Newsletter

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Biathlon-Göttin Magdalena Neuner ballert auf die falsche Scheibe

15.01.2012: Es ist der Albtraum jedes Biathleten – Crossfire, der Schuss auf die falschen Scheiben. Dass dieses Unglück sogar den Besten passieren kann, muss Deutschlands Superstar Magdalena Neuner beim Weltcup in Nove Mesto am eigenen Leib erfahren.

Wir wissen nicht mit Sicherheit, ob Magdalena Neuner eine Putzfrau hat – doch davon ist stark auszugehen. Schliesslich ist sie die erfolgreichste Sportlerin der Biathlon-Geschichte und zuhause im oberbayrischen Dörfchen Wallgau gibt es bereits 2012 jede Menge Edelmetall abzustauben. Als Neuner am 15. Januar bei der Verfolgung im tschechischen Nove Mesto auf der Jagd nach ihrem 29. Weltcup-Triumph in Führung liegt, hat sie bereits 17 Medaillen an Grossanlässen gehamstert. Darunter zwei …

Artikel lesen
Link zum Artikel