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2 Jahre Ukraine-Krieg: Oksana erzählt von ihrem Leben seit der Flucht

Video: alina kilongan, nico bernasconi

«Ich stelle mein Handy nie auf lautlos» – Oksana erzählt von ihrem Leben seit der Flucht

Oksana und ihre Familie flüchteten aus der Ukraine in die Schweiz. Nun lebt die Familie schon fast zwei Jahre in Winterthur. Oksana erzählt, wie sich ihr Leben mittlerweile gestaltet.
23.02.2024, 12:0423.02.2024, 14:03
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«Wir waren in Cherson, als der Krieg ausbrach», erzählt uns Oksana Liefter, «und noch immer sind viele unserer Freunde und Familie dort.» Die 36-Jährige flüchtete im Mai 2022 mit ihren zwei Kindern und ihrer Mutter aus dem Kriegsgebiet in die Schweiz. Zwei Monate später folgte auch ihr Mann Oleksandr. In Winterthur findet die Familie bei Oksanas Cousine Zuflucht, welche bereits vor ihnen aus Cherson geflüchtet war. Zuerst lebten sie alle gemeinsam bei der Cousine, bis Oksana und ihre Familie mithilfe des Vereins Ukraïna Support ein eigenes Zuhause fanden.

Nun lebt die Familie Liefter schon fast zwei Jahre in der Schweiz, auch Oksanas Eltern sind mittlerweile hier. Trotzdem haben sie immer noch Kontakt zu den Menschen in der Ukraine: «Jeder Tag startet mit Anrufen in die Ukraine. Ich stelle mein Handy nie auf lautlos.»

«Ich stelle mein Handy nie auf lautlos»
Oksana
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Eine Weile nach ihrer Ankunft hatten Oksana als leidenschaftliche Köchin und Oleksandr als Lebensmitteltechnologe das Bedürfnis, ihren Berufen wieder nachzugehen. So entstand an einem Ukraine-Treffen des Vereins Ukraïna Support die Idee eines Foodtrucks, aus welchem Oksana und Oleksandr ukrainische Spezialitäten verkaufen wollten. Gemeinsam mit dem Verein konnten Oksana und Oleksandr diesen Wunsch tatsächlich realisieren – «FAINO» war geboren.

Oksana und Oleksandr aus der Ukraine in FAINO Küche
Oleksandr und Oksana in der Küche, in welcher sie jeweils ihre Spezialitäten vorbereiten.

FAINO bedeutet cool, fein, wunderbar

Mit «FAINO» bringen geflüchtete Ukrainerinnen und Ukrainer aus Winterthur unter der Obhut von Oksana und Oleksandr die kulinarischen Spezialitäten aus ihrem Heimatland zu uns in die Schweiz. So zum Beispiel Sirniki, kleine süsse Quarkküchlein oder die Teigtaschen Wareniki.

«Wareniki sind wie Ravioli, einfach mit mehr Füllung. Das macht viel mehr Spass zum Essen!» Mit geübten Händen greift Oksana nach einem der Fladen, die vor ihr auf der Arbeitsfläche liegen, und faltet daraus innert Sekunden eine kleine Teigtasche – ein Warenik. Das traditionelle Gericht erinnert tatsächlich an Ravioli. Oder Momos. Jede Woche falten Oksana und ihr Mann Oleksandr Hunderte von diesen Teigtaschen.

Oksana Oleksandr Wareniki FAINO ukrainisches Essen
Diese Wareniki sind mit Quark und Dill gefüllt.

Wenn viel Arbeit ansteht, erhalten die beiden Unterstützung von den Ukrainerinnen und Ukrainern in der Umgebung. Deshalb ist «FAINO» für Oksana und Oleksandr nicht nur eine Aufgabe und Arbeit, sondern zu einem Ort der Begegnung geworden. «Wareniki falten ist wie Meditation für uns. Wir können uns beim Kochen austauschen und über unser Leben sprechen», erklärt Oksana. Eine Art Therapie, welche die Schwere im Leben der Geflüchteten für einen Moment etwas leichter wirken lässt.

Es gäbe so viel zu sagen

Im Gespräch ist spürbar: Oksana möchte viel erzählen. Sie hat sich auch im Vorfeld des Interviews viele Notizen gemacht. Während dem Gespräch blättert sie immer wieder in ihrem Notizbuch, spricht Ukrainisch, ihr Kollege Andrii übersetzt. Und doch kann Oksana nicht ganz das sagen, was sie möchte. Oksanas Deutsch ist gebrochen, sie versteht vieles, doch ihr fehlen immer wieder die Worte, um sich auszudrücken. Aber das ist irgendwie auch nicht nötig, ihre Emotionen sind auch ohne perfektes Deutsch spürbar.

Fragen zu «FAINO», den Wareniki und welche Unterstützung sie in der Schweiz erhalten haben, fallen Oksana leichter zu beantworten. Ruhiger wird sie, wenn es um die Flucht und ihre Gefühle dabei geht. Manchmal bricht sie die Antwort ab. Und das ist okay so.

Grosse Ambitionen mit dem Foodtruck

Noch bis Ende April steht der Foodtruck jeden Montagmittag vor dem Letzipark. Viele administrative Arbeiten für den Foodtruck laufen über Nicole Schnetzer, Vorstandsmitglied des Vereins Ukraïna Support. Sie arbeitet eng mit Oksana und Oleksandr zusammen. «Die beiden haben mit FAINO ihre Aufgabe in der Schweiz gefunden. Das ist wichtig für sie und wunderbar für uns zu sehen, dass sie so in ihrer Arbeit aufgehen.»

Ab dem Frühling haben Oksana und Oleksandr vieles vor. «Im März hoffen wir, dass wir noch einen oder zwei Standplätze mehr haben für unseren Food Truck», erzählt Oksana begeistert. Ab April soll es dann mit den Streetfood Festivals in der ganzen Schweiz so richtig losgehen.

Nach unserem Treffen habe ich verstanden: «FAINO» gibt den Leuten Halt und eine Aufgabe in ihrem sonst so durcheinandergewirbeltem Leben. Ukrainisches Essen zuzubereiten und den Menschen näher zu bringen, gibt ihnen allen ein Stück Heimat zurück und auch die Möglichkeit, einen kleinen Teil dieser Heimat mit uns zu teilen.

(aki)

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11 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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MartinZH
23.02.2024 12:33registriert Mai 2019
Ein sehr schönes Portrait. Bitte mehr solche Storys. Ich wünsche Oksana und ihrer Familie alles Gute – und selbstverständlich auch allen anderen Ukrainerinnen und Ukrainer, ob im Ausland oder zuhause im Heimatland.
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Peter Miese
23.02.2024 12:58registriert August 2018
Grossartiges und feinfühliges Portrait, sowohl Text wie Video – danke Alina & Nico! Dem Paar wünsche ich alles erdenklich Gute, und wäre Winterthur nicht so weit weg, würde ich jetzt schon vor diesem Foodtruck stehen – das sieht alles so ungemein fein aus 😋🥰
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Wie ich dem Tod von der Schippe sprang
Ich muss weg. Einfach mal raus in die Natur. Abschalten. Kein Internet. Kein Netflix. Nur ich und ich. Klingt theoretisch super. Praktisch erlebe ich mein eigenes Blair Witch Project.

Ich bin genervt. Von Sandros Rastlosigkeit, von meinem Vermieter, vom Wohnungsmarkt, vom Wetter, von Cleo und von meiner Cellulitis. Also eigentlich macht mich die ganze Welt hässig. Sogar die Teenies, die an der Bushaltestelle Deutsch-Rap hören und auf den Boden spucken. Und dann bin ich genervt davon, dass mich das nervt.

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