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Seit dem 1. März dürfen wir wieder einkaufen.
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Bild: sda
Analyse

Kommt jetzt der grosse Boom?

Das amerikanische Corona-Hilfspaket könnte der Startschuss für eine kräftige Erholung der Weltwirtschaft sein.
13.03.2021, 13:32

Geht es darum, aussergewöhnliches Glück zu veranschaulichen, wird gerne der Spruch verwendet: Das ist, wie wenn Weihnachten und Ostern am gleichen Tag stattfinden. Für den Schweizer Detailhandel ist dies derzeit mehr als ein Spruch. Seit dem 1. März sind die Läden wieder offen – und die Ware fliegt förmlich von den Gestellen. Die «NZZ» spricht von einem zweiten Weihnachtsgeschäft und berichtet von einem Umsatz, der über 40 Prozent des Vorjahres liege.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) revidiert derweil die Wachstumsprognosen nach oben. Obwohl die Wirtschaft im ersten Quartal Corona bedingt noch leicht schrumpfen wird, sollte das jährliche Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) im laufenden Jahr auf 3 Prozent klettern. Nächstes Jahr sollten es gar 3,3 Prozent sein. Das ist rund doppelt so viel wie das durchschnittlich BIP-Wachstum seit der Jahrhundertwende.

Die Bahnhofstrasse in Zürich belebt sich wieder.
Die Bahnhofstrasse in Zürich belebt sich wieder.
Bild: keystone

Weil wir uns bereits auf einem sehr hohen Wohlstandsniveau bewegen, sehen diese Zahlen im internationalen Vergleich eher mickrig aus. So hat die OECD, der wirtschaftliche Thinktank der reichen Länder, ihre Prognose für das Wachstum der Weltwirtschaft auf 6,2 Prozent heraufgeschraubt.

Noch optimistischer sind die Wachstumsprognosen für die amerikanische Wirtschaft. Eine Umfrage des «Wall Street Journal» hat ergeben, dass US-Ökonomen im Durchschnitt von einem BIP-Wachstum von 5,95 Prozent ausgehen. Einzelne Banken wie etwas Goldman Sachs gehen sogar von einem Wachstum von rund 8 Prozent aus.

Sollten diese Prognosen eintreffen, dann werden die USA ihre Stellung als Konjunkturlokomotive der Weltwirtschaft einmal mehr eindrücklich untermauern. Nach wie vor sind die Amerikaner nämlich der «Konsument in letzter Instanz», will heissen, wenn sie in die Shopping Mall strömen oder ihre Bestellungen Amazons Alexa diktieren, breiten sich die segensreichen Folgen weltweit aus.

In den USA hat sich mit dem Amtsantritt von Joe Biden ein erstaunlicher Mentalitätswandel vollzogen. Die Lehrbücher von Milton Friedman und Friedrich Hayek können einstweilen entsorgt, die Schriften von John Maynard Keyes wieder entstaubt werden. Der Staat wird nicht mehr als Störenfried des Marktes empfunden. Er greift stattdessen der Wirtschaft unter die Arme und klotzt dabei, als gäbe es kein Morgen.

Steht hinter ihrem Präsidenten: US-Finanzministerin Janet Yellen.
Steht hinter ihrem Präsidenten: US-Finanzministerin Janet Yellen.
Bild: keystone

Das nun vom Präsidenten unterzeichnete 1,9-Billionen-Dollar-Hilfspaket ist nur die Kirsche auf der Torte. Im vergangenen Jahr hatte der Kongress bereits Corona-Hilfen in der Höhe von rund 4 Billionen Dollar verabschiedet. «So etwas hat es noch nie gegeben», erklärt Gregory Daco von Oxford Economics gegenüber dem «Wall Street Journal».

Die für die Wirtschaft verantwortlichen Akteure haben die Lehren aus den vergangenen Krisen gezogen. Finanzministerin Janet Yellen war bis 2017 Präsidentin der US-Notenbank. Sie gilt als gemässigt. Trotzdem lässt sie keinen Zweifel daran, dass die Hilfspakete auch in diesem Umfang gerechtfertigt sind.

Ebenso hat der von Trump ernannte Fed-Präsident Jerome Powell mehrmals bekräftigt, dass er nicht daran denke, ein kurzfristiges Ansteigen der Inflation mit einer Erhöhung der Leitzinsen zu bekämpfen.

Anders als nach der Finanzkrise haben die Amerikaner alle Sparhemmungen abgelegt und ein Experiment gestartet, das der «Economist» wie folgt umschreibt:

«(Das Experiment) steht auf drei Beinen: einem historischen Ausmass an staatlicher Ankurbelung der Wirtschaft, einer toleranten Haltung der Notenbank gegenüber einer zeitlich begrenzten Inflation und einem gewaltigen Sparüberschuss der privaten Haushalte.»

Nebst den Corona-Hilfspaketen ist dieser Sparüberschuss weltweit der wichtigste Treiber des sich abzeichnenden Booms. Gemäss «Economist» beträgt dieser Überschuss in den reichen Ländern rund drei Billionen Dollar. Das entspricht etwa einem Zehntel der Summe, die jährlich von den Konsumenten ausgegeben wird.

Wird dieses angesparte Kapital zu rasch ausgegeben, dann könnte die Inflation in den nächsten Monaten tatsächlich anziehen. So hat Lawrence Summers, der ehemalige Finanzminister unter Barack Obama, kürzlich in der «Washington Post» gewarnt: «Es gibt die reale Wahrscheinlichkeit, dass wir uns innert Jahresfrist mit dem schlimmsten Inflationsproblem seit 40 Jahren herumplagen müssen.»

Fed-Präsident Powell indes winkt ab. Er schliesst zwar einen kurzen Inflationsschub nicht aus, verweist aber gleichzeitig darauf, dass in den letzten Jahren zu wenig und nicht zu viel Inflation das Problem gewesen sei. Powell ist daher gewillt, die Teuerung kurzfristig bis drei Prozent ansteigen zu lassen. Langfristig glaubt er nicht an eine Wiederholung der 70er-Jahre, als die Inflation gegen 20 Prozent kletterte. «Die langfristige Inflationsdynamik ändert sich nicht plötzlich», so Powell.

Vor rund hundert Jahren verlor die Spanische Grippe ihren Schrecken. Auf die Pandemie folgten die «wilden Zwanzigerjahre», einem von Wirtschaftsboom, technischen Innovationen und grenzenlosem Optimismus geprägten Jahrzehnt. Wiederholt sich die Geschichte? Wenn ja, ist zu hoffen, dass wir auch die Lehren daraus gezogen haben. Die wilden Zwanzigerjahre endeten in einem Börsencrash und einer wirtschaftlichen Depression.

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