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Analyse

Der kommende Wirtschaftsabschwung schmerzt Trump mehr als das Impeachment

Die US-Wirtschaft befindet sich am Ende eines schmerzhaften Schulden-Zyklus. Mit seiner verfehlten Politik hat der Präsident alles noch schlimmer gemacht.
04.10.2019, 20:02

Ray Dalio ist einer der erfolgreichsten Hedge-Fund-Manager der Welt. Er hat an den Finanzmärkten Milliarden verdient – und er versteht auch sehr viel von Ökonomie. (Wahrscheinlich ist er deswegen so reich geworden.)

Vor rund einem Jahr hat Dalio ein Buch mit den Titel «Big Debt Crisis» veröffentlicht. Darin zeigt er sehr einleuchtend auf, wie sich Volkswirtschaften in Zyklen bewegen und weshalb es dabei zu Krisen kommt.

Er unterscheidet dabei zwischen Deflations- und Inflations-Schulden-Zyklen. Was wir derzeit in den entwickelten Industrienationen erleben, ist ein Deflations-Schulden-Zyklus. Und das geschieht dabei:

Interview mit Ray Dalio.

In einer gesunden Volkswirtschaft wächst das Einkommen schneller als die Schulden. Am Beginn eines Zyklus ist das kein Problem. Die Wirtschaft boomt. Obwohl die Banken willig Kredite erteilen, besteht keine Gefahr. Die Kredite machen die Wirtschaft produktiver, der Wohlstand wächst. Alle sind glücklich.

In der zweiten Phase beginnen sich Blasen zu bilden. Jetzt wachsen die Schulden schneller als das Einkommen. Zum Glück schreitet jedoch die Notenbank ein. Sie senkt die Zinsen und sorgt so dafür, dass die Schulden weiterhin bedient werden können. Der Boom geht weiter.

In der Blasen-Phase verdienen sich Spekulanten dumm und dämlich. Das verstärkt die Blasenbildung zusätzlich. Es kommt zu einer Vermögens-Inflation. Diese ist jedoch nicht so einfach zu erkennen, und die Notenbanken können sie – anders als die Geldinflation – nur begrenzt bekämpfen.

In diesem Video erklärt Dalio den Schuldenzyklus. (Es hat deutsche Untertitel.)

In der Blasen-Phase werden mit Schulden Vermögenswerte gekauft. Immer öfters können diese Schulden jedoch nicht mehr bedient werden. Die Gläubiger bekommen es mit der Angst zu tun und fordern Rückzahlung oder mehr Sicherheiten ein.

Nun setzt die Verelendungsspirale ein. Um ihre Schulden zu bedienen, müssen die Spekulanten verkaufen. Die Preise sinken, die Spekulanten müssen noch mehr verkaufen, etc. Es kommt zu einem schmerzvollen Entschuldungsprozess.

Die Notenbanken versuchen, die Schmerzen des Entschuldungsprozesses (oft wird auch der englische Begriff «deleveraging» verwendet) zu lindern. Zuerst senken sie die Leitzinsen, dann greifen sie zu Massnahmen wie dem Quantitativen Easing (Notenbanken kaufen im grossen Stil Vermögenswerte wie Staatsanleihen, Unternehmensobligationen oder Aktien auf.)

Denkt laut über Helikopter-Geld nach: Philipp Hildebrand, ehemaliger Präsident der Schweizerischen Nationalbank.
Denkt laut über Helikopter-Geld nach: Philipp Hildebrand, ehemaliger Präsident der Schweizerischen Nationalbank.
Bild: KEYSTONE

Diese Massnahmen beginnen jedoch allmählich ihre Wirkung zu verlieren. Um einen Absturz in die Depression zu verhindern, werden nun extreme Massnahmen diskutiert: «Helikopter-Geld» beispielsweise, will heissen: Die Notenbanken verteilen Geld direkt an die Bürger, um einen Einbruch der Nachfrage zu verhindern. Oder sie finanzieren beispielsweise ein allgemeines Grundeinkommen.

Vieles deutet daraufhin, dass sich die westlichen Industrienationen an diesem Punkt befinden. Die Schulden wachsen schneller als die Einkommen. Weltweit sitzen wir auf dem höchsten Schuldenberg aller Zeiten. Die Notenbanken haben ihr Pulver verschossen: Die Leitzinsen befinden sich auf einem Rekord-Tiefpunkt.

Das Wiederbeleben des Quantitativen Easing der Europäschen Notenbank wurde heftig kritisiert, weil es wirkungslos geworden sei. Namhafte Experten der Geldpolitik wie Philipp Hildebrand, der ehemalige Präsident der Schweizerischen Nationalbank, denken laut über «Helikopter-Geld» nach.

Schulden-Zyklen führen gemäss Dalio bis zu einem gewissen Grad ein Eigenleben. Sie können jedoch besser oder schlechter gemanagt werden. Präsident Trump hat sich als äusserst unfähig erwiesen. Dabei hatte er alles Glück der Welt: Er konnte eine Wirtschaft übernehmen, die sich in einer robusten Aufschwungsphase befand.

Mit unnötigen Steuergeschenken hat er diesen Aufschwung weiter aufgeheizt und die Blasenbildung verstärkt. Dabei hat er ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum von vier Prozent des Bruttoinlandprodukts versprochen. Für eine entwickelte Wirtschaft ist das unrealistisch.

US-Farmer und Trump-Fan. Auch sie leiden unter der Handelspolitik des Präsidenten.
US-Farmer und Trump-Fan. Auch sie leiden unter der Handelspolitik des Präsidenten.
Bild: EPA/UPI POOL

Gleichzeitig hat Trump mit seiner Handelspolitik die weltweiten Supply Chains der Unternehmen empfindlich gestört. Das erweist sich als Bumerang: Der amerikanische industrielle Sektor wächst nicht, wie Trump es versprochen hat. Er schrumpft, weil den Unternehmen oft Teile fehlen, die sie von Zulieferern aus Schwellenländern beziehen.

Auch die amerikanischen Farmer leiden. Sie sind auf Exporte angewiesen, doch China, der wichtigste Kunde, hat auf Trumps Strafzölle mit Gegenmassnahmen reagiert und bezieht Soja und andere Landwirtschaftsprodukte aus anderen Ländern wie Brasilien.

Fassen wir zusammen: Die Wirtschaft der entwickelten Nationen nähern sich dem Punkt, an dem sie sich einem schmerzhaften Entschuldungsprozess unterziehen müssen. Mit seiner verfehlten Wirtschafts- und Handelspolitik hat Trump diesen Prozess verschärft.

Paul Krugman, mit dem Nobelpreis geadelter Ökonom.
Paul Krugman, mit dem Nobelpreis geadelter Ökonom.
Bild: EPA/EPA POOL

Oder wie es Nobelpreisträger Paul Krugman in der «New York Times» formuliert: «Es sieht so aus, als hätte Trump etwas Einmaliges erreicht: Er könnte der erste Präsident werden, der es geschafft hat, dass nicht Pech zu einem Abschwung geführt hat, sondern dass er direkt dafür verantwortlich gemacht werden kann.»

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