5 Fragen an Bitcoin-Experten: «Liquidationen wie lange nicht mehr»
Der Bitcoin und die weiteren Kryptowährungen haben in der Nacht auf Freitag einen drastischen Kurssturz erlebt. Die grösste Kryptowährung ist dabei bis auf 60'000 Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit mehr als einem Jahr abgerutscht, bevor er sich bis am Nachmittag wieder etwas auf 67'200 Dollar erholt hat. Denis Oevermann, Investment Stratege des Kryptodienstleisters Bitcoin Suisse, beobachtet so grosse Liquidationen wie seit Jahren nicht mehr.
Herr Oevermann, wo sehen Sie die Gründe für den drastischen Preisrückgang der letzten Tage?
Denis Oevermann: Die Negativbewegung hat eigentlich bereits Ende der vergangenen Woche angefangen. Damals gab es mehrere fundamentale Nachrichten, die an den Finanzmärkten negativ aufgefasst wurden, darunter die Bestätigung des neuen US-Notenbankchefs Kevin Warsh. Im Lauf der Woche kam es dann an den Kryptomärkten zu deutlichen Abflüssen aus den Bitcoin-ETFs und zu umfangreichen Liquidationen von gehebelten Long-Positionen.
Händler warnen vor einer drohenden «Todesspirale». Haben die sogenannten Treasury-Firmen wie etwa das Unternehmen Strategy von Michael Saylor, die oft mit Aufnahme von Schulden in Kryptowährungen investieren, die Lage noch verschlimmert?
Wir haben an einzelnen Handelstagen gesehen, dass durchaus einmal gehebelte Positionen von mehreren Milliarden Dollar liquidiert wurden. Das war dann natürlich wiederum mit weiteren starken Abwärtsbewegungen im Preis verbunden. Regelmässige Liquidationen in solchen Grössenordnungen haben wir zuletzt vor rund dreieinhalb Jahren wegen des Bankrotts der Kryptobörse FTX gesehen.
Wie tief kann der Bitcoin-Preis Ihres Erachtens noch sinken?
DO: Wir haben in den letzten Tagen bereits mehrere Unterstützungslevels nach unten durchbrochen. Dazu gehört die Marke von 75'000 Dollar, der im vergangenen April Bestand hatte, als die Märkte zum «Liberation Day» nach unten korrigiert haben. Der Fall unter diese Marke hat jetzt zum Abverkauf in die tiefen 60'000er Bereiche geführt. Ich denke aber, wir sehen derzeit eine starke Unterstützung in diesem Bereich. Im «Worst Case» wäre dann ein Absacken bis auf 42'000 Dollar möglich.
Müssen sich die Krypto-Anleger auf einen neuen «Kryptowinter» gefasst machen?
Das ist schwierig zu sagen. Beim aktuellen Preisumfeld fühlt es sich aber bereits nach einem Kryptowinter an. Wir haben zwar im letzten Jahr noch ein Bitcoin-Allzeithoch bei 126'000 Dollar erreicht. In der Folge hat der Bitcoin aber als einer der wenigen Vermögenswerte das Jahr 2025 negativ abgeschlossen. Eigentlich könnten wir deshalb schon seit der zweiten Jahreshälfte 2025 von einem Kryptowinter sprechen. Ich sehe die Lage allerdings doch eher als einen Krypto-Frühling an, der uns bevorsteht.
Was wären denn positive Signale, die die Kurse wieder antreiben könnten?
Von wirtschaftlicher Seite bräuchte es anhaltend positive Signale, etwa bezüglich der Inflation oder des Arbeitsmarkts in den USA. Bezogen auf Krypto waren die Narrative zuletzt klar auf der negativen Seite, etwa mit der Bedrohung der Kryptowährungen durch Quantum Computing oder den Verzögerungen bei der US-Regulierung wie dem «Clarity Act». Entsprechend würden gute makroökonomische Daten gemeinsam mit positiven Entwicklungen im Bereich der Quantencomputer oder mit Fortschritten auf der Regulierungsseite also durchaus wieder für positive Impulse sorgen. (sda/awp)
