Wirtschaft
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Jaron Lanier, partner architect in eXtreme computing group for Microsoft Corp., speaks at an advertising conference at company headquarters in Redmond, Washington, U.S., on Thursday, March 31, 2011. Microsoft Corp. has delivered 1.5 million downloads of a tool kit to make applications for Windows Phone 7, a sign the operating system may be winning over developers even as it gains traction slowly with consumers. Photographer: Kevin P. Casey/Bloomberg via Getty Images

Computerwissenschaftler Jaron Lanier half mit beim Aufbau des Internets und prägte den Begriff «Virtual Reality». Heute kritisiert er die Datensammelwut von Geheimdiensten und IT-Konzernen wie Apple, Facebook und Google. Bild: Bloomberg

Netzkritiker Lanier

«Facebook soll uns für die Daten bezahlen»

Facebook und sogar Geheimdienste könnten schon bald unser Sackgeld aufbessern. Jedenfalls, wenn es nach Jaron Lanier geht. Der amerikanische Computerwissenschaftler fordert ein radikales Umdenken zwischen Grossfirmen und uns als Nutzer.



Philipp Bürkler

«Die Idee des freien Internets war schlicht zu einfach und naiv.»

Jaron Lanier, die ganze Welt erklärt uns, Informationen sollen im Netz frei verfügbar sein. Und jetzt kommen Sie und schreiben in ihrem Buch, das sei ein Irrtum. Was ist denn schief gelaufen? 
(lacht) Die Idee des freien Internets war schlicht zu einfach und naiv. Es war eine ziemlich romantische Vorstellung von Anarchie. Wir haben eine Denkweise entwickelt, die so stark ist, dass wir die Realität gar nicht erkennen. Aber wenn man die Realität anschaut, erkennt man, es funktioniert nicht. Beispielsweise gibt es Millionen von Menschen, die immer noch glauben, dass es Hunderttausende Musiker gibt, die von der Open Source-Entwicklung leben können. Aber versuchen sie solche Musiker zu finden. Es gibt sie nicht. Ein weiteres Problem ist die ungleiche Macht. Frei verfügbare Informationen im Netz bedeuten nicht automatisch eine gleichmässige Verteilung von Macht. Manche Leute können mehr mit den Informationen anfangen als andere. 

Sie meinen grosse Firmen, die Wissen und Macht konzentrieren? 
Ja, genau. Die Zukunft gehört jenen Organisationen mit den grössten und stärksten Computern. Ich nenne sie im Buch «Sirenenserver». Das ist eine Analogie zur griechischen Mythologie. In den Geschichten des antiken Dichters Homer gibt es Sirenenfrauen. Das sind Fabelwesen, die Seemänner anlocken, um sie zu töten. Nicht nur Facebook oder Google sind Sirenenserver. Grosse Computer sind auch bei den weltweiten Geheimdiensten im Einsatz. Supercomputer ermöglichen eine flächendeckende Überwachung. Als drittes sind grosse Computer in der Finanzindustrie von entscheidendem Vorteil, um den Gewinn zu erhöhen.

Diese «Supercomputer» sammeln Daten über die Nutzer und erstellen in Sekundenbruchteilen anhand von Algorithmen Profile und individuelle Werbung.
Wer mit einem grossen Computer Daten auswerten und analysieren kann, ist im Vorteil. Mit künstlichen Algorithmen, lässt sich gezielte und individuelle Werbung schalten. Mit dem früheren Verständnis von Marktforschung hat das allerdings nichts mehr zu tun. Automatische Algorithmen sind eigentlich nicht aussagekräftig, sie dienen eher dazu, Menschen zu manipulieren. Nehmen Sie als Beispiel eine Online-Partnervermittlung. Dort berechnen Algorithmen angeblich, welcher Partner zu wem passt. Tatsächlich funktionieren diese Algorithmen gar nicht. Solange die Kunden für den Dienst bezahlen, ist die Wissenschaftlichkeit dahinter egal. 

«Geheimdienste sollen uns bezahlen, wenn sie uns überwachen.»

In Ihrem Buch plädieren Sie dafür, dass Unternehmen wie Facebook oder Google ihren Nutzern eine Entschädigung zahlen für die Daten, die sie hinterlassen.
Ja sogar Geheimdienste sollen uns bezahlen, wenn sie uns überwachen. Ja, das wäre die ideale Lösung. Bei Geheimdiensten funktioniert das natürlich nur bei Personen, die nicht verdächtigt werden, kriminelle Handlungen zu begehen. Aber normale Bürger sollten dafür entschädigt werden, wenn sie vom Staat überwacht werden. Gerade bei Facebook oder Google ist schon komisch, dass Menschen ihre Daten freiwillig abgeben, ohne dafür etwas zurückzuverlangen. Wir leben in einer Informationswirtschaft. Es wäre angebracht, die Menschen mit einer Nanozahlung für ihre Daten zu entschädigen. Ansonsten schaffen wir eine Einkommens-Ungleichheit, in der nur jene mit dem grossen Computer Geld verdienen und alle anderen Daten und Inhalte nur teilen aber nichts davon haben. 

Das müssen Sie genauer erklären.
In der Vergangenheit haben Industrielle stets dafür gesorgt, dass ihre Mitarbeiter und die Kunden über genügend Geld verfügten, um ihre Produkte auch zu kaufen. Der amerikanische Automobil-Pionier Henry Ford ist ein sehr gutes Beispiel. Ford zahlte seinen Angestellten ein entsprechendes Gehalt, mit dem sie sich seine Fahrzeuge leisten konnten. Kapitalismus war immer verantwortlich, auch die Kunden erfolgreich zu machen. Heute ist es so, dass Geld bei Grossunternehmen konzentriert wird und gleichzeitig Volkswirtschaften schrumpfen. 

Kann man es in einer freien Marktwirtschaft denn jemanden verübeln, im Internet Geld zu verdienen?
Das Problem heute sind die Unternehmer. Diese denken - im Gegensatz zu den Henry Fords früherer Generationen – nicht mehr längerfristig. Das liegt auch daran, weil viele der Internet-Unternehmer so jung sind. Denken sie an Instagram-CEO Kevin Systrom oder Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Beide sind erst um die 30 Jahre alt. Aus meiner Erfahrung ändert sich das, sobald solche Leute älter werden und eigene Kinder haben.

In Ihrem Buch «Wem gehört die Zukunft?» warnen Sie vor einer möglichen Massenarbeitslosigkeit, weil im Informationszeitalter immer mehr Menschen durch Maschinen und Roboter ersetzt werden.
In der früheren Welt wurden auch Jobs vernichtet, diese wurden aber jeweils durch neue ersetzt. Das Problem heute ist, dass Jobs ganz wegfallen, weil sie in der Produktionskette nicht mehr gebraucht werden. Beispielsweise, wenn wir Fotos auf unseren Tablets und Smartphones anschauen und nicht mehr auf Papier, dann braucht es auch niemanden mehr, der die Fotografie auf Papier entwickelt, nicht einmal eine Maschine. Der Job ist also völlig überflüssig. Ein gutes Beispiel ist das amerikanische Fotounternehmen Kodak. Bis zur Jahrtausendwende beschäftigte Kodak weltweit Zehntausende Mitarbeiter. Im Zuge der Digitalisierung wurde Kodak bedeutungslos. Heute ist Instagram das Kodak des 21. Jahrhunderts. Instagram erwirtschaftet Milliarden, beschäftigt aber nur etwas mehr als ein Dutzend Mitarbeiter. 

«Es wurde noch nie ein Terroranschlag dank Überwachung verhindert.»

Lassen Sie uns über den NSA-Skandal sprechen. Waren Sie von den Abhörpraktiken und dem Ausmass der NSA überrascht?
Teilweise schon. Allerdings kenne ich einige Leute, die bei der NSA arbeiten. Ich glaube nicht, dass die grundsätzlich böse sind und die Absicht hatten, die Welt zu kontrollieren. Ich denke, die glaubten einfach, dass nach 9/11 das Sammeln von möglichst vielen Daten automatisch zu mehr Sicherheit führt. Aber das ist eine Illusion, im Gegenteil, es macht die Welt schlechter. Es funktioniert überhaupt nie. Probleme lassen sich nicht mit Technologie lösen. Der einzige Weg, Probleme zu lösen besteht darin, wenn Menschen mit einander sprechen.  

Bild: Getty Images North America

Die NSA und die US-Regierung argumentieren, mit der Überwachung würden Terroranschläge verhindert. 
Das ist Unsinn. Es wurde noch nie ein Terroranschlag dank Überwachung verhindert. Das wird es auch nie geben. Terrorattacken können nur verhindert werden, wenn man sich gesellschaftlich genügend engagiert, damit Terroristen ihre Taten nicht ausführen können. 

Über Jaron Lanier

Der 53-jährige Jaron Lanier ist ein Koloss von einem Mann. Mit seiner Rastafrisur sieht er aus wie ein Althippie. Tatsächlich ist Lanier auch Musiker. Er hat eine der weltweit grössten Sammlungen an historischen Musikinstrumenten. 1998 spielte Lanier am Jazz Festival Montreux als Opener für Bob Dylan. 

Lanier ist ein Branchen-Insider. Bereits in den Siebzigerjahren arbeitete er im Sillicon Valley für Atari und andere Firmen. Er half mit beim Aufbau des Internets. Ab den Achtzigerjahren forschte er an virtueller Realität und prägte den begriff «Virtual Reality». Heute unterrichtet er an der University of California in Berkeley. Ausserdem ist er Berater bei Microsoft und Speaker bei weltweiten Veranstaltungen zu den Themen Internet und Technologie. Bis vor wenigen Jahren war Lanier brennender Befürworter eines offenen Internets, in dem alle die gleichen Chancen haben. Immer mehr habe er bemerkt, dass das eine Illusion sei, da sich Wissen und Kapital zunehmend bei wenigen Grossunternehmen konzentrieren.

In seinem neusten Buch, «Wem gehört die Zukunft?», geht er der Frage nach, wie unsere Gesellschaft verhindern kann, dass einige wenige Grossunternehmen Wissen und Macht konzentrieren können und die breite Masse mit Daten ausbeuten. Nicht nur Geheimdienste, auch Unternehmen wie Facebook, Apple oder Google haben gemerkt, dass persönliche Nutzerdaten – die von den Menschen oft freiwillig und bedenkenlos gegeben werden - Milliarden wert sind. Geld, das nur diesen Unternehmen, nicht aber der breiten Gesellschaft zugute kommt.

Buch: «Wem gehört die Zukunft?», erschienen im Hoffman und Campe Verlag.





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