Wirtschaft
Euro

Merkel kann den «Grexit» so gut gebrauchen wie ein Loch im Kopf

«Merkel muss weg»: Parole an einem Pegida-Marsch in Dresden.
«Merkel muss weg»: Parole an einem Pegida-Marsch in Dresden.Bild: FABRIZIO BENSCH/REUTERS
Die nicht so harmlose neue Krise in Griechenland

Merkel kann den «Grexit» so gut gebrauchen wie ein Loch im Kopf

Wirtschaftlich droht eine Deflation und politisch ein Comeback der Rechten. Die neue Griechenlandkrise bringt die deutsche Kanzlerin in Bedrängnis. 
06.01.2015, 14:5307.01.2015, 09:45
Mehr «Wirtschaft»

Angela Merkel lässt sich bekanntlich nicht so leicht aus der Fassung bringen. Auf die Neuauflage der Griechenkrise reagiert sie mit gewohnter Gelassenheit. Man werde nicht vom bisherigen Kurs abweichen, betont die Kanzlerin, und im Übrigen alles unternehmen, um zu verhindern, dass Griechenland die Eurozone verlässt. 

TV-Zuschauer verfolgen die Neujahrsansprache der Kanzlerin.
TV-Zuschauer verfolgen die Neujahrsansprache der Kanzlerin.Bild: EPA/DPA POOL

Die Ruhe täuscht. Wie im Frühling 2010 und im Sommer 2012 ist Griechenland einmal mehr auch zum Sorgenkind von Angela Merkel geworden; und zwar gleich doppelt: ökonomisch und politisch. 

Die grosse Angst vor der Deflation

Die wirtschaftliche Situation in Europa ist prekär, die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor gravierend, das Wachstum weit unter den Erwartungen. Die grösste Gefahr droht nun von einer Deflation. In Deutschland ist die Inflation im Dezember auf 0,1 Prozent gesunken, in einigen Ländern sinken die Preise bereits und in anderen experimentieren die Zentralbanken mit Negativzinsen. Jetzt droht der dramatische Einbruch des Ölpreises, die deflationären Tendenzen noch zu verstärken. 

Wie die Ärzte bei Tumoren unterscheiden die Ökonomen zwischen harmloser und gefährlicher Deflation. Harmlos ist sie dann, wenn die Preise wegen Produktivitätsfortschritten sinken, wenn Computer oder Autos billiger werden, weil sie kostengünstiger hergestellt werden können. Gefährlich ist sie dann, wenn die Preise sinken, weil generell keine Nachfrage mehr besteht, sei es, weil die Konsumenten auf sinkende Preise hoffen oder schlicht kein Geld mehr haben. 

Der Streit um ein europäisches QE

Die meisten Ökonomen gehen davon aus, dass derzeit in Europa eine Deflation der gefährlichen Sorte droht. 

Die krebsartige Deflation fürchten die Zentralbanker noch mehr als die Inflation, denn sie führt in eine Verelendungsspirale: Bei sinkenden Preisen wird weder investiert noch konsumiert, und die Schuldenlast drückt immer schwerer.

Um dies zu verhindern, weiten die Zentralbanken die Geldmenge aus. 

Die amerikanische und die englische Notenbank haben diese Geldmengenausweitung in den letzten Jahren mit Erfolg betrieben. (Die Schweizerische Nationalbank übrigens auch, wenn auch unfreiwillig zur Stützung der Frankenuntergrenze gegenüber dem Euro.) Jetzt will auch die Europäische Zentralbank mit dieser Geldpolitik – im Fachjargon Quantitative Easing (QE) genannt – der Wirtschaft unter die Arme greifen. Und damit beginnen die politischen Probleme. 

«Bild» fordert die rote Karte für Griechenland

Was von der EZB als Verhinderung einer drohenden Deflation gesehen wird, wird im deutschen Verständnis als unerlaubtes Bail-out der Defizitländer betrachtet. Ein QE ist nämlich nur dann wirksam, wenn im grossen Stil Staatsanleihen aufgekauft werden. 

Die Versprechen der Vergangenheit holen die CDU ein und werden für das Griechen-Bashing eingesetzt. Verschwiegen wird dabei, dass sich Ende der 1990er Jahre die europäische Wirtschaft noch im Gleichge ...
Die Versprechen der Vergangenheit holen die CDU ein und werden für das Griechen-Bashing eingesetzt. Verschwiegen wird dabei, dass sich Ende der 1990er Jahre die europäische Wirtschaft noch im Gleichgewicht befand. Bild:

Die EZB muss daher auch spanische, italienische und griechische Anleihen kaufen. Für die Deutschen stellt dies eine Vermischung von Staatsschulden aus verschiedenen Ländern und damit einen gravierenden Verstoss gegen die Maastricht-Verträge dar. 

Aus diesem Grund ist Jens Weidmann, der Präsident der deutschen Bundesbank, ein entschiedener und lautstarker Gegner eines QE in Europa. Er stösst auf breite Unterstützung, nicht nur bei den ordoliberalen Ökonomen, sondern auch in der breiten Öffentlichkeit. 

In Deutschland wird die Griechenlandfrage mehr zur emotionalen Gretchenfrage im Sinne von: Willst du den Griechen helfen? 

Die «Bild»-Zeitung beispielsweise schiesst auf alles, was nach deutscher Hilfe an die Defizitsünder riecht und fordert neuerdings die «rote Karte» für Hellas, will heissen: den Ausschluss aus der Eurozone.  

Der Fluch der Vergangenheit

Das Griechen-Bashing passt nur zu gut in die aktuelle Stimmung in Deutschland. Lange hat man geglaubt, die Deutschen seien wegen ihrer Nazi-Vergangenheit immun gegen faschistoide Tendenzen. 

Nun zeigt der Wirbel um die Pegida-Demonstrationen und der anhaltende Erfolg der AfD, dass diese These revidiert werden muss. Auch Deutschland ist vom nationalistischen Virus angesteckt worden, und renitente Griechen werden so zum idealen Sündenbock. 

Die Situation ist paradox: Ein tiefer Ölpreis und ein schwacher Euro sind an sich gute Voraussetzungen, um endlich auch die europäische Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Ökonomisch gesehen ist Griechenland relativ unbedeutend. 

Im aufgeheizten politischen Klima wird es aber zunehmend unmöglich, das Problem vernünftig zu lösen. Stattdessen werden neue Popanzen aufgeblasen und populistische Scheinlösungen angeboten. Mit Gelassenheit allein dagegen anzukämpfen wird schwierig – selbst wenn man Angela Merkel heisst.  

Griechenland – ein Land am Abgrund

1 / 17
Griechenland
Gegen die Krise: In Athen versuchen Händler, ihre Ware billig zu verkaufen. Die Regierung hat in Aussicht gestellt, die Hypotheken bis zu 15 Jahre lang tief zu halten, um die Wirtschaft des Landes wieder in Schwung zu bringen.
quelle: ap/ap / thanassis stavrakis
Auf Facebook teilenAuf X teilen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
0 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Und gleich nochmal: Familie Hayek kauft Swatch-Aktien für weitere 11 Millionen
Die Titelkäufe der Familie Hayek beim Uhrenkonzern Swatch gehen weiter. Nachdem Nayla, Nick und Marc Hayek sich am Montag mit Namenaktien im Wert von gut 20,6 Millionen Franken eingedeckt hatten, griffen sie am (gestrigen) Dienstag noch einmal zu.

Gemäss einer am Mittwoch auf der Meldeseite der Schweizer Börse veröffentlichten Management-Transaktion wechselten am Vortag 321'033 Swatch-Namenaktien für gut 10,9 Millionen die Hand. Laut der Meldung haben drei meldepflichtige Personen die Transaktion gemeinsam getätigt.

Zur Story