Wirtschaft
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Helicopters fly in formation during a military parade in preparation for the annual Haj pilgrimage in Mecca September 17, 2015.  REUTERS/Ahmad Masood

Helikopter an einer Militärparade.
Bild: AHMAD MASOOD/REUTERS

Der neue Weg aus der Krise: «Helikopter-Geld»

Der Rohstoff-Superzyklus ist zu Ende, das mit Krediten finanzierte Wachstum lässt sich nicht mehr weiter aufrecht erhalten. Greifen die Zentralbanken bald zur nächsten Wunderwaffe, dem Helicopter-Money?



Ben Bernanke, der ehemalige Präsident der US-Notenbank, hatte einen Übernamen: «Helicopter Ben». Und das kam so: Bernanke ist ein überzeugter Anhänger von Milton Friedman, dem Begründer des Monetarismus. Dieser hatte einst empfohlen, die Zentralbanken sollten doch in einer Krise notfalls ganz einfach Geld unter den Menschen verteilen, um so zu verhindern, dass die Nachfrage einbricht und die Wirtschaft kollabiert.

16583 - Dr. Milton Friedman of the University of Chicago, who won the 1976 Nobel Prize for economics, is a recognized leader of the conservative Chicago School of Economics, shown Nov. 29, 1976. He is associated with laissez-faire, or hands-off policy toward business and trade. (AP Photo/Eddie Adams)

Vom ihm stammt der Ausdruck «Helicopter Money: Milton Friedman.
Bild: AP NY

Friedman pflegte diese Nothilfe scherzhaft «Helicopter money» zu nennen, denn die Geldspritze an alle lässt sich damit vergleichen, dass Helikopter über eine Stadt fliegen und Banknoten abwerfen.   «Helicopter money» heisst im Fachjargon «direct monetary funding», und die Möglichkeit, dass die Zentralbanken tatsächlich die Helikopter steigen lassen könnten, besteht tatsächlich.

James Grant, einer der bedeutendsten US-Finanzspezialisten erklärte jüngst in einem Interview mit der «Finanz und Wirtschaft»:

«Die nächste Idee könnte darin bestehen, dass man Geld nicht mehr via dem Bankensystem unter die Leute bringt, sondern direkt Schecks an die Menschen verteilt.»

Hintergrund dieser Prognose ist der Zustand der Weltwirtschaft. Der keineswegs grandiose Aufschwung nach der Krise war einerseits getrieben von den Rohstoffpreisen. Schwellenländer wie Brasilien und Argentinien, aber auch Erdölproduzenten profitieren vom so genannten «Superzyklus» und der scheinbar unbegrenzten chinesischen Nachfrage nach Kupfer, Öl und Landwirtschaftsprodukten. Dies wiederum führte dazu, dass eine wachsende Mittelschicht Konsumgüter wie Smartphones aus den entwickelten Staaten importierte und Unternehmen Maschinen und Software.  

Der Rohstoff-Superzyklus ist vorbei

Damit ist Schluss. Der Superzyklus ist zu Ende, die Rohstoffe sind massiv eingebrochen. Brasilien beispielweise, noch vor kurzem das Boomland schlechthin, befindet sich in einer schweren Rezession. Im laufenden Jahr wird das Bruttoinlandprodukt wahrscheinlich um 2,8 Prozent einbrechen, nächstens Jahr voraussichtlich um 1 Prozent. Der Internationale Währungsfond korrigiert derweil seine Wachstumsprognosen für die Weltwirtschaft laufend nach unten.

Auch die zweite Wachstumsmaschine der Weltwirtschaft, die Gewährung von Krediten, ist ins Stottern geraten. Obwohl das Geld so billig ist wie kaum jemals, greifen weder Konsumenten noch Unternehmen zu. Nach wie vor ist «Deleveraging» angesagt, das Abtragen eines riesigen Schuldenberges, sei es bei Privaten oder bei der öffentlichen Hand. Spielraum für neue Kredite besteht nicht mehr. Die Beratungsfirma McKinsey hat kürzlich in einer Studie vorgerechnet, dass sich seit 2008 weltweit der Schuldenberg nochmals um 57 Billionen Dollar erhöht hat. Zum Vergleich: Das entspricht fast hundert Mal dem Schweizer Bruttoinlandprodukt.  

«Quantitative Easing hat Bonus-verwöhnten Banker aus der Patsche geholfen und die Reichen noch reicher gemacht.»

Paul Marshall, Hedge-Fund-Manager

Bisher haben die Zentralbanken die Wirtschaft mit dem so genannten Quantitativen Easing (QE) über Wasser gehalten, dem Aufkauf von staatlichen und privaten Vermögenswerten, mit den Ziel, die Zinsen zu drücken. Diese Politik des billigen Geldes stösst nun an ihre Grenzen. Die Fed tut sich äusserst schwer, die Leitzinsen wieder zu erhöhen, und sei es nur ein Viertelprozent.

Die Finanzwirtschaft hat ein sehr grosses Stück vom QE-Kuchen erhalten

Sozialpolitisch gesehen ist QE eine äusserst fragwürdige Angelegenheit. Paul Marshall, Vorsitzender des gleichnamigen Hedge Funds, erklärte jüngst in der «Financial Times» unverblümt: «Quantitative Easing hat Bonus-verwöhnten Banker aus der Patsche geholfen und die Reichen noch reicher gemacht.»  

Tatsächlich hat die Finanzwirtschaft ein viel grösseres Stück vom QE-Kuchen bekommen als Otto Normalverbraucher. Nochmals Paul Marshall: «Vermögensverwalter und Hedge Funds haben ebenfalls profitiert. Immobilieneigentümer haben abgezockt wie Banditen. Kurz: Jedermann mit Vermögenswerten ist viel reicher geworden. Alle von uns, die auf den Finanzmärkten tätig sind, sind dem QE etwas schuldig.»

Die bessere Lösung: In die Infrastruktur inverstieren

Die ungleiche Behandlung war nur deshalb möglich, weil Geldpolitik für Normalsterbliche ein Schloss mit sieben Siegeln ist. Auch das beginnt sich zu ändern. Inzwischen weiss selbst meine Katze, was Fiat-Money ist, und der Widerstand gegen das Gelddrucken wächst in allen politischen Lagern.  

Aus all diesen Gründen ist «Helicopter Money» tatsächlich zu einer Option geworden. Schecks unter die Menschen zu verteilen ist dabei nicht die einzige, und auch nicht die optimale Option. Die öffentliche Hand könnte jedoch das mittels QE kreierte Geld nicht ins Bankensystem stecken, sondern damit dringend benötigte Infrastrukturen finanzieren. Dann hätte alle etwas davon.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Roger Gruber 01.10.2015 14:55
    Highlight Highlight Was wir wirklich brauchen ist eine Verstaatlichung der Notenbanken, und zwar weltweit. Oder kann mir jemand erklären, warum private Bankiers mit Zinsen vollgestopft werden, für Kredite, die sie per Knopfdruck aus dem nichts erzeugen? Das Zinsgeldsystem hat nur einen Zweck: alles und jeden in die Schuldensklaverzei zu treiben. Wer jetzt denkt: "mir egal, ich habe keine Schulden" soll sich mal überlegen, wieviel Zins in den Preisen allen Gütern, Dienstleistungen und Steuern steckt. All diese Zinsen sind nichts als Geld, das von unten (fleissig) nach oben (reich) fliesst.
    • TheRabbit 01.10.2015 18:34
      Highlight Highlight Verstaatlichung der Notenbanken?
      Die Notenbanken waren der Hauptgrund für viele Depressionen bzw. Hyperinflationen. Deshalb sind die Notenbanken unabhängige Institute. Sie sollen die Schwankungen der Wirtschaft glätten.

      Eine Verstaatlichung würde wohl oder übel wieder in einer Hyperinflation enden. (Deutschland 2. WK)
    • Roger Gruber 02.10.2015 06:58
      Highlight Highlight Und wo sehen Sie den Unterschied zwischen Deutschland vor dem 2. WK und dem, was die privaten Notenbanken jetzt gerade tun? Mit Verstattlichung ist übrigens nicht gemeint, die Geldschöpfung in die Hände der gerade aktuellen Regierung zu legen, sondern es soll eine gleichberechtigte "4. Macht" geschaffen werden, neben Legislative, Exekutive und Judikative.
  • Wilhelm Dingo 01.10.2015 06:34
    Highlight Highlight Helikoptergeld ist ein weiterer Finanz-Blödsinn, es runiniert das Vertrauen in das Geld. Auch die Banken haben das Geld übrigens nicht gratis bekommen, sie müssen dafür Wertpapiere hinterlegen. Die beste Art Geld unter die Leute zu bringen sind anständige Löhne. Anständige löhne sind nur realistisch wenn das lokale Angebot an Arbeit begrenzt ist. Dieses Angebot muss qualitativ hochwertig und flexibel sein. Klingelts?
  • Maya Eldorado 01.10.2015 00:10
    Highlight Highlight Ueber Helikopter-Geld wird doch schon gesprochen - nur wird ein anderes Wort verwendet - BGE (das bedingungslose Grundeinkommen).
    Es muss wirklich über sowas gesprochen werden. Durch die rasant zunehmende Automatisierung und Roboterisierung werden wir sowieso immer mehr von der Arbeit befreit.
  • CreatorsWolf 30.09.2015 19:09
    Highlight Highlight Solange ein verschwindender Prozentsatz der Menschen weiterhin ein riesigen Teil des Geldes blockiert (hortet) wird auch diese Methode nichts ändern. Die strukturierte Umverteilung durch Zinsen (Geld arbeitet) wird in einigen Jahren dafür sorgen, dass auch dieses Geld sich zu den Gläubigern gesellt. Das ironische dabei ist, dass die Gier dieser Menschen das Ende des Kapitalismus sein kann.
  • Henrix 30.09.2015 17:47
    Highlight Highlight Geld funktioniert eben nur solange alle dran glauben. Wehe, wenn der Glaube mal zu bröckeln beginnt. Dann brechen die Dämme ziemlich schnell weg. Hyperinflation a la Simbabwe lässt grüßen. Gut wenn man dann noch etwas Gold beiseite liegen hat.
    • Formalutaion 01.10.2015 01:03
      Highlight Highlight Der Wert von Gold ist schliesslich absolut und darum kann man darauf zählen, dass immer Leute daran glauben werden...
    • Roger Gruber 01.10.2015 14:58
      Highlight Highlight Formalutaion, schon richtig. Auch Gold geniesst nur den Wert, der ihm beigemessen wird. Allerdings ist Gold historisch gesehen noch nie entwertet worden, Fiat-Money hingegen noch immer.
  • Statler 30.09.2015 17:35
    Highlight Highlight Man könnte auch «bedingungsloses Grundeinkommen» dazu sagen... *hust*
  • Tsunami90 30.09.2015 17:04
    Highlight Highlight Vorweg: Danke Herr Löpfe für diesen Artikel! Ich kann immer etwas lernen. Könnten Sie vielleicht einen Artikel zu Milton Friedmann bringen? Sein Name und taucht immer häufiger auf, doch bin ich nicht in der Lage ihn einzuordnen.

    Ich stelle mir die Frage schon lange. Warum nicht Infrastruktur bauen? Man versuche sich mal Infrastrukturprojekte für 60 Mrd. Euro vorzustellen. Und das ist der Betrag den die EZB monatlich für das QE aufwendet...

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