Wirtschaft
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epaselect epa04622456 A figure depicting Russian President Vladimir Putin on a carnival float as part of the 'Rosenmontag' carnival parade in Duesseldorf, Germany, 16 February 2015. His muscular arm reads 'Military', while his skinny arm reads 'Economy'.  EPA/FEDERICO GAMBARINI

Der doppelte Putin: Wirtschaftlich ein Zwerg, militärisch ein Riese. Bild: EPA/DPA

Das grosse Polit-Rätselraten

Was nun? Ist Putin der grosse Sieger von Minsk – oder der grosse Verlierer?

In der Beurteilung des Friedensabkommens von Minsk gehen die Meinungen diametral auseinander. Die einen sehen in Putin einen Meisterstrategen, der den Westen kalt ausgetrickst hat. Die anderen belächeln ihn als einen alternden Macho, dem das Geld ausgeht. 



Der Waffenstillstand in der Ukraine scheint bisher mehr oder weniger zu halten. Der Konflikt ist jedoch alles andere als bewältigt. Im Gegenteil, die Situation in der Ukraine ist brandgefährlich, gefährlicher noch als der Kalte Krieg. «Selbst während der Kuba-Krise 1962 waren die Sowjet-Führer in ihren Entscheiden eingeschränkt durch das Politbüro und die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg», schreibt der «Economist». Heute hingegen könne Präsident Wladimir Putin als diktatorischer Alleinherrscher nach eigenem Gutdünken schalten und walten.

Tatsächlich besteht ein grosser Unterschied zwischen Stalin und Putin: Stalin und seine Entourage waren die Sieger des Zweiten Weltkrieges, und selbst wenn sie die USA abgrundtief verachteten, sie waren die Alliierten der Amerikaner. Putin und sein KGB hingegen sind die Verlierer des Kalten Krieges und daher getrieben von Hass und Rachegefühlen.

Der Hybridkrieg des Wladimir Putin

In der Ukraine führt Putin einen Hybrid-Krieg. Er operiert mit Zuckerbrot und Peitsche, oder wie man es im Jargon sagt: mit hard und soft power. Das bedeutet einerseits, dass er im Begriff ist, die marode russische Armee massiv aufzurüsten. Bis 2020 will er sie auf dem modernsten Stand haben. 

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Die «grünen Männchen»: Russische Elitesoldaten auf der Krim. bild: shutterstock

Das zeitigt bereits erste Erfolge. Die berühmt-berüchtigten «grünen Männchen» auf der Krim waren in Wirklichkeit russische Elitetruppen, die äusserst diszipliniert gehandelt und auch die Achtung der westlichen Militärexperten errungen haben. 

«Die russischen Piloten schalten ihren Transponder aus und werden so für den Radar unsichtbar.»

Eonomist

Russische Kampfjets provozieren derweil immer häufiger Zwischenfälle mit westlichen Zivilflugzeugen. «Das ist gefährlich», stellt der «Economist» fest. «Die russischen Piloten schalten ihren Transponder aus und werden so für den Radar unsichtbar.»  

Die Putin-Versteher reichen von der «Weltwoche»bis zur Syriza

Auch an der Soft-Power-Front kann Putin Erfolge verbuchen. Weil er die EU als seinen Hauptfeind bezeichnet und gleichzeitig noch Erinnerungen an die alte UdSSR weckt, ist er für Rechtsnationale und Linksextreme gleichermassen attraktiv. Das schafft seltsame Bettgefährten: In Frankreich wird Putin vom rechtsextremen Front National, in Ungarn von der neofaschistischen Jobbik verehrt. Hierzulande profiliert sich die «Weltwoche» als Putinversteher. In Griechenland jedoch ist es die linke Syriza und in Spanien die neue, ebenfalls weit links stehende Podemos-Bewegung. 

Aus dieser Sicht scheint Putins Rechnung also aufzugehen. In Russland ist er der unangefochtene starke Mann, der die Ukraine im Würgegriff hält und ihrem Präsidenten gerade eine Lektion erteilt hat. Mit einem raffinierten Coup hat er die Krim – fast – unblutig nach Russland geholt. Wenn jetzt der Westen aufjault und von Völkerrecht jammert – wen kümmert’s?

Putin entzweit den Westen

Schliesslich gelingt es Putin auch, den Westen auseinander zu dividieren. Die Atmosphäre zwischen Deutschland und den USA kühlt sich ab, die Amerikaner streiten sich darüber, ob man Waffen in die Ukraine schicken soll oder nicht. Die Republikaner sind neidisch auf den entschlossenen Macher im Kreml, der sich so vorteilhaft vom verhassten Zögerer im Weissen Haus unterscheidet. Nach Minsk gilt daher: Game, Satz und Match für Putin. 

epa01091304 Russian President Vladimir Putin enjoys fishing on the Khemchik River in Republic of Tuva 15 August 2007.  EPA/DMITRY ASTAKHOV RIA NOVOSTI/KREMLIN POOL

Starker Führer oder lächerlicher Macho? Wladmir Putin beim Angeln. Bild: EPA

Oder doch nicht? Im renommierten Magazin «Foreign Affairs» kommt Alexander J. Motyl zu einer diametral entgegengesetzten Einschätzung. Sie lässt sich wie folgt zusammenfassen: Putin mag sich nach wie vor als viriler Führer sehen, in Tat und Wahrheit ist er mit 62 ein in die Jahre gekommener Macho, der nur noch lächerlich wirkt. 

Das persönliche Vermögen soll 45 Milliarden Dollar betragen

Er mag sich auch in den letzten Jahren in einem fast unvorstellbaren Mass bereichert haben – Motyl geht davon aus, dass Putins persönliches Vermögen in der Höhe von 45 Milliarden Dollar liegt –, doch seine Macht steht auf tönernen Füssen. 

Wie alle Diktatoren ist Putin umgeben von einer persönlichen Schutzmacht, machthungrigen Männern, die den inneren Kreis im Kreml bilden. Sie werden «Siloviki» genannt und wurden bisher für ihre Loyalität mit üppigen Geschenken belohnt. Der Zerfall des Ölpreises und die westlichen Sanktionen haben dieser Herrlichkeit jedoch ein jähes Ende bereitet. 

Im Westen wird Putin mit Hitler verglichen

Auch die gefeierte Annexion der Krim ist wirtschaftlich gesehen ein Desaster. Politisch sind die Langzeitfolgen verheerend: Im Westen hat Putin jegliche Glaubwürdigkeit verloren und wird nun regelmässig mit Hitler verglichen. In Russland wird ein richtiger Krieg gegen die Ukraine ebenfalls nicht auf grosse Begeisterung stossen. 

Gemäss Motyl sitzt Putin daher in der Falle:

«Putin hat keine Möglichkeit, die Ukraine zu besiegen ohne einen globalen Konflikt zu provozieren. Er hat auch keine Möglichkeit, die Ukraine wirtschaftlich auszuhebeln ohne gleichzeitig die russische Wirtschaft zu ruinieren.»

Alexander J. Motyl, «Foreign Affairs»

Russian President Vladimir Putin addresses the media after taking part in peace talks on resolving the Ukrainian crisis in Minsk, February 12, 2015. Putin said on Thursday leaders had agreed on a deal to end fighting in eastern Ukraine. REUTERS/Alexei Druzhinin/RIA Novosti/Kremlin (BELARUS - Tags: POLITICS CIVIL UNREST CONFLICT TPX IMAGES OF THE DAY) ATTENTION EDITORS - THIS IMAGE HAS BEEN SUPPLIED BY A THIRD PARTY. IT IS DISTRIBUTED, EXACTLY AS RECEIVED BY REUTERS, AS A SERVICE TO CLIENTS

Wer lächelt zuletzt? Putin bei der Pressekonferenz in Minsk. Bild: RIA NOVOSTI/REUTERS

Wann wird der marode Damm brechen?

Putins Uhr ist demnach bald abgelaufen. Wenn er seine Prätorianer-Garde der «Siloviki» nicht mehr bei Laune halten kann, und sollte es dem Mann von der Strasse wegen der eingebrochenen Wirtschaftslage spürbar schlechter gehen, dann könnte die Lage sich sehr schnell gegen ihn wenden. «Wenn der verrottete russische Damm brechen wird, und das ist unausweichlich, dann wird nur eine stabile Regierung zusammen mit den Nachbarn in der Lage sein, die Flut einzudämmen und die Welt vor den Folgen des desaströsen Erbes Putins zu bewahren», prophezeit Motyl. 

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