DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Die US-Notenbank verpasst Donald Trump eine kalte Dusche

Fed-Präsident Jay Powell sieht keine rasche Erholung der amerikanischen Wirtschaft voraus. Trotzdem zockt die obere Mittelschicht wie blöd an den Aktienbörsen.
11.06.2020, 13:3111.06.2020, 15:51

Am vergangenen Freitag wartete der amerikanische Arbeitsmarkt mit überraschend guten Zahlen auf: 2,5 Millionen neue Jobs wurden im Mai geschaffen. Der Präsident war euphorisch. Die Wirtschaft sei nicht nur zurück, sie werde nun «abheben wie eine Rakete». «Wir werden ein V haben. Ich denke, es wird umwerfend sein», jubelte Trump.

Nicht so schnell, Mr. President, tönt es jedoch nun von der US-Notenbank, der Fed. Ihr Präsident Jay Powell hat gestern erstmals seit dem vergangenen Dezember Zahlen vorgelegt. Sie sind ernüchternd: Trotz der guten Mai-Daten werde Ende Jahr die US-Arbeitslosenquote immer noch bei 9,3 Prozent liegen, so Powell.

Selbst im Jahr 2022 würden voraussichtlich noch 5,5 Prozent aller Erwerbstätigen ohne Job sein, führte Powell weiter aus. Zum Vergleich: Vor der Coronakrise pendelte die US-Arbeitslosenquote auf einen rekordtiefen Niveau zwischen 3 und 4 Prozent.

Skeptisch: Fed-Präsident Jay Powell.
Skeptisch: Fed-Präsident Jay Powell.Bild: AP

Auch das Wachstum wird so rasch nicht zurückkehren. Die Fed geht davon aus, dass das amerikanische Bruttoinlandprodukt (BIP) im laufenden Jahr zwischen 4 bis 10 Prozent schrumpfen wird. Die überraschend guten Mai-Daten seien eine «willkommene Überraschung gewesen», so Powell. «Hoffentlich werden wir noch mehrere davon erleben. Doch wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass es ein langer und beschwerlicher Weg wird.»

Derzeit sind mehr als 20 Millionen Erwerbstätige ohne Job. «Es könnte Jahre dauern, bis sie wieder Arbeit finden», sagte Powell. Deshalb legte er auch das Versprechen ab, die Leitzinsen bis 2022 nicht anzuheben. «Wir denken nicht einmal darüber nach, die Zinsen zu erhöhen», sagte der Fed-Präsident.

Gleichzeitig will die Fed weiterhin viel Geld in die Märkte pumpen. Am Mittwochabend verkündete die Notenbank, sie werde zwischen dem 12. Juni und dem 13. Juli Staatsanleihen im Wert von rund 80 Milliarden Dollar aufkaufen.

Die amerikanische Börse lässt sich durch die Coronakrise nicht erschüttern.
Die amerikanische Börse lässt sich durch die Coronakrise nicht erschüttern.Bild: keystone

Die Finanzmärkte reagierten umgehend auf die negativen Prognosen der Fed. Weltweit sanken die Kurse der Aktien. Die Rendite der T-Bonds, der 10-jährigen amerikanischen Staatsanleihen, ging wieder von rund 0,9 auf rund 0,7 Prozent zurück. Die Rendite der T-Bonds ist der wichtigste Indikator für die Finanzmärkte.

Wie aber werden sich die Aktienmärkte längerfristig entwickeln? Positiv, glaubt das «Wall Street Journal». Das Versprechen, die Zinsen nicht anzutasten und die Tatsache, dass die Fed mittlerweile sogar Junk-Bonds aufkauft, dürfte für die Bullen – Investoren, die auf steigende Kurse setzen –, ein positives Signal sein.

Tatsächlich haben sich die Aktienmärkte in den letzten Wochen – milde ausgedrückt – nicht sehr rational verhalten. Obwohl die Coronakrise zum grössten Schock für die Weltwirtschaft seit der Grossen Depression geworden ist, befinden sich die Aktienkurse wieder beinahe auf dem Niveau vor Krisenausbruch. (Die Obligationen sind eine andere Geschichte.)

Wie ist das zu verstehen? Eine mögliche Erklärung hat kürzlich die «Financial Times» geliefert. Das weltweit führende Finanzblatt hat festgestellt, dass seit Ausbruch der Coronakrise bei den drei wichtigsten amerikanischen Brokerhäusern gegen 800’000 neue Konten eröffnet wurden. Das heisst: Viele Angehörige der oberen Mittelklasse, die zum Homeoffice verbrummt wurden, sind kurzfristig zu Day-Tradern mutiert.

Während die professionellen Investoren und Analysten dem Aktienboom skeptisch bis ablehnend gegenüber stehen, langweilen sich viele gut situierte Amerikaner zuhause und zocken wie blöd. Angetrieben von Fomo (fear of missing out) treiben sie so in die Kurse in die Höhe. Das führt zu teilweise absurden Zuständen.

Steigende Börsenkurse trotz Pleite beim Autovermieter Hertz.
Steigende Börsenkurse trotz Pleite beim Autovermieter Hertz.Bild: AP

Ebenfalls die «Financial Times» hat das Phänomen der «Zombie-Aktien» entdeckt. Dabei handelt es sich um Wertpapiere von Unternehmen wie beispielsweise Hertz. Der bekannte Autovermieter hat seine Bilanz deponiert. Trotzdem ist der Kurs der Hertz-Aktien weiter gestiegen.

Ein mit billigem Notenbank-Geld angetriebener Börsenboom endet in der Regel in Tränen. Dieser Boom könnte zudem auch unberechenbare politische Folgen haben. Im «Wall Street Journal» hat James Mackintosh festgestellt, es sei «beunruhigend zu beobachten, wie die Wall Street eine Party feiert, während die Main Street (die gewöhnlichen Leute) mit Tränengas eingenebelt werden».

Polizeieinsatz in Washington: Tränengas für die Armen, Börsenparty für die Reichen.
Polizeieinsatz in Washington: Tränengas für die Armen, Börsenparty für die Reichen.Bild: keystone

Tatsächlich zeichnet sich eine unschöne Entwicklung ab: Die Angehörigen des oberen amerikanischen Mittelstandes kommen relativ ungeschoren durch die Coronakrise. Sie können ihre Arbeit im Homeoffice verrichten und besitzen Aktien, die sogar an Wert zulegen. Die Angehörigen des unteren Mittelstandes hingegen haben ihre Jobs verloren, müssen um ihre Zukunft bangen und besitzen null Ersparnisse.

Wegen des brutalen Totschlags an George Floyd ist die politische Situation bereits am Siedepunkt. Ende Juli laufen die Hilfsprogramme der Regierung aus. Wenn sich die Regierung nicht bald etwas einfallen lässt, könnte die Situation ausser Kontrolle geraten. Die Fed allein wird es nicht richten können, selbst wenn sie niedrige Zinsen bis zum Ende aller Tage verspricht.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Proteste in Minneapolis

1 / 48
Proteste in Minneapolis
quelle: keystone / john minchillo
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Was struktureller Rassismus ist und warum es ihn auch in der Schweiz gibt

Video: watson

Abonniere unseren Newsletter

45 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
bernd
11.06.2020 14:21registriert Februar 2014
"Das heisst: Viele Angehörige der oberen Mittelklasse, die zum Homeoffice verbrummt wurden, sind kurzfristig zu Day-Tradern mutiert.

Während die professionellen Investoren und Analysten dem Aktienboom skeptisch bis ablehnend gegenüber stehen, langweilen sich viele gut situierte Amerikaner zuhause und zocken wie blöd."

Ja klar, 800'000 Retailkonten von Zockern im Homeoffice bewegen die Märkte mehr als die rationalen institutionellen, die skeptisch sind. Sehr plausibel.
18921
Melden
Zum Kommentar
avatar
bcZcity
11.06.2020 14:29registriert November 2016
Da zocken viele an der Börse mit, denn es war gerade Schnäppchen Saison und man erhofft viel Gewinn wenn alles wieder nach oben geht.

Einem richtigen Millionär ist es doch egal wenn er an der Börse mal ein paar Zehntausend verliert, so lange er am Ende Hunderttausend gewinnt. Eine Milliardär ist es doch egal wenn er mal eine Million verzockt, so lange er am Ende 50 Millionen reicher ist.

In einer perfekten Welt wüsste ich nicht was es gibt. Aber ich wüsste was es nicht braucht, Aktienmärkte und Anwälte!
19036
Melden
Zum Kommentar
avatar
Ökonometriker
11.06.2020 15:43registriert Januar 2017
Wenn diese 800‘000 Konten alle im Schnitt 10‘000 USD in SP500-Aktien investieren, können sie den SP500 um 1 Punkt anheben.
Der SP500 ist aber um 1000 Punkte gestiegen. D.h. die hätten alle 10 Mio. investieren müssen.
Nicht gerade die Grössenordnung, die der obere Mittelstand mal schnell als Spielgeld verzockt. Zudem stiegen ja die Märkte andernorts auch.

Aber pro Tipp: schaut mal die Zusammensetzung des SP500 an. Dann versteht man, warum der trotz Lockdown gestiegen ist.
1203
Melden
Zum Kommentar
45
«Spitzenfachkräfte»: Weshalb SVP-Bundesrat Maurer mehr Zuwanderung aus Drittstaaten will
Finanzminister Ueli Maurer schlägt mehr Zuwanderung aus Staaten ausserhalb der EU vor, um Lücken in der Forschung und Informatik zu schliessen. Doch trotz Fachkräftemangel zeichnet sich kurzfristig noch keine Erhöhung der Kontingente ab.

Die Aussage, die Finanzminister Ueli Maurer an der Pressekonferenz zur Umsetzung der OECD-Mindestbesteuerung für grosse Unternehmen gemacht hat, wurde kaum wahrgenommen. Dabei hat ausgerechnet der SVP-Bundesrat brisante Pläne verkündet: Mehr Zuwanderung zwecks Steigerung der Standortattraktivität, damit die Firmen genügend «absolute Spitzenfachkräfte» erhalten. «Ich denke, dass wir die Drittstaatenkontingente leicht erhöhen müssen, spezifisch für Firmen im Bereich der Forschung und Informatik.» Wann der Bundesrat die Kontingente allenfalls nach oben anpasst, ist noch offen.

Zur Story