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Juha Jarvinen in seinem Atelier: Dank des Bedingungslosen Grundeinkommens konnte er endlich seine eigenen Projekte lancieren.  bild: zvg

Interview

«Wir sind die grössten Loser – wenn das BGE mit uns klappt, dann klappt es überall»

Im Zuge eines Experiments darf der Finne Juha Jarvinen zwei Jahre von einem Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) leben. Nach nur einem halben Jahr geht er bereits seinem Traumjob nach – und arbeitet mehr als zuvor.



Bereits im Januar haben wir mit Juha Jarvinen gesprochen. Damals steckten seine Projekte noch in den Kinderschuhen. Das Intverview findest du hier:

Herr Jarvinen, wie geht es Ihnen?
Ausgezeichnet, ich komme gerade vom Blaubeeren pflücken. Die haben hier Saison. 

Sie erhalten seit über einem halben Jahr ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Im Januar waren Sie voller Tatendrang und hatten diverse Projekte im Kopf. Was hat sich seither getan?
Das Bedingungslose Grundeinkommen hat es mir ermöglicht, meine eigene Firma zu gründen. Es hat zwar eine Weile gedauert, ich bin kein Fan der finnischen Bürokratie, doch seit zwei Monaten bin ich nun offiziell Besitzer meines eigenen Unternehmens. 

Was machen Sie?
Ich will Ferienhäuser anbieten und den Gästen gleichzeitig Kunst beibringen. «Artbnb» heisst das Projekt. Die Region hier ist bekannt für das Holzschnitzen. Bis vor einigen Jahren hatten wir im Dorf sogar eine Schule, in der man dieses Handwerk lernen konnte. Diese wurde jetzt jedoch geschlossen. Ich hoffe, dass ich durch meine Arbeit einen Teil dazu beitragen kann, damit diese Tradition nicht vergessen geht. Doch das ist nicht mein einziges Projekt. Ich will für Firmen Filmprojekte umsetzen, Clips für «Youtube» etc. produzieren.

Sie waren bereits vor Erhalt des Bedingungslosen Grundeinkommens mehrere Jahre arbeitslos. Weshalb konnten Sie ihre Projekte erst jetzt umsetzen?
Ein eigenes Unternehmen zu starten, ist immer mit Risiko
verbunden. Es braucht einige Zeit, bis man damit zum ersten Mal Geld verdient. Hätte ich bereits vor einem Jahr meine Firma gegründet, wären mir die Arbeitslosengelder gestrichen worden. Verdient hätte ich dann aber vielleicht noch monatelang nichts. Das konnte ich mir nicht leisten, ich habe sechs Kinder, die ernährt werden müssen.

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Juha Jarvinen mit seinen Kindern in der Küche. bild: zvg

Das BGE-Experiment

Finnland versteht sich bereits seit der Nachkriegszeit als ausgeprägter Wohlfahrtsstaat. Arbeitslose erhalten eine Unterstützung in Form von Taggeldern, die nicht vom früheren Einkommen abhängig sind. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 erholt sich Finnlands Wirtschaft dank Umstrukturierungen und Investitionen in die Hochschulbildung. Die Arbeitslosenquote lag im Jahr 2016 dennoch noch bei rund 9,1 Prozent – und damit um einiges höher als in Norwegen (4,7 Prozent) und Schweden (6,9 Prozent). Jarvinen ist einer von 2000 arbeitslosen Finnen, die von der Regierung zufällig für ein BGE ausgewählt wurden. Seit Anfang dieses Jahres läuft das Experiment nun. Es soll testen, ob ein BGE das soziale System vereinfachen und mehr Menschen in Jobs bringen kann. Seit mehr als einem halben Jahr bekommt Jarvinen 560 Euro pro Monat statt des Arbeitslosengeldes. Ohne etwas dafür tun zu müssen. (dwi)

Haben Sie mittlerweile etwas verdient?
Nein, mit meiner neuen Firma noch nicht. Aber ich habe meinem Nachbarn mit Malerarbeiten ausgeholfen und so einige Tausend Euro verdient. Vorher hätte ich das nicht tun dürfen, da ich wegen des Erhalts der Arbeitslosengelder keine Aufträge ausführen durfte. 

Sie sind jetzt freier als zuvor.
Das System, wie wir es jetzt kennen, ist eine Show. Die Arbeitslosen müssen regelmässig bei den Behörden antraben und belegen, dass sie sich um Arbeit bemüht haben. Das Problem ist aber, dass es hier in der Region immer weniger Arbeit gibt. Die traditionelle Metallindustrie verschwindet immer mehr. Anstatt, dass die Arbeitslosen kreativ werden, verschwenden sie ihre Zeit mit unzähligen Besuchen auf dem Arbeitsamt. Ich habe das Glück, dass ich das jetzt nicht mehr muss. Ja, ich bin definitiv freier als zuvor.

«Die Stimmung zuhause ist jetzt viel besser.»

Haben Sie auch mehr Zeit für die Kinder?
Ja, mein jüngster Sohn ist noch zuhause. Er kann ohne Probleme mitkommen, wenn ich im Atelier arbeite. Früher hatten wir viel mehr Planungsschwierigkeiten. Die Behörden konnten plötzlich beschliessen, dass ich für mehrere Wochen in ein Beschäftigungsprogramm muss. Da stellte sich dann immer die Frage, wer das Kind betreut. Meine Frau arbeitet ja 80 Prozent. 

Diese Sorgen kennen Sie jetzt nicht mehr.
Die Stimmung zuhause ist jetzt viel besser. Während den Jahren meiner Arbeitslosigkeit haben wir uns oft angeschrien. Jetzt bin ich frei, alles ist viel lockerer.

Führen die Leiter des Experiments denn keine Kontrollen durch?
Nein, wir können machen, was wir wollen.

Was denken eigentlich die Leute aus dem Dorf von Ihnen? Sind sie neidisch auf Sie?
Nein, überhaupt nicht. Ich erhalte ja nur 560 Euro im Monat. Auf so ein kleines Einkommen kann doch niemand eifersüchtig sein. Die Reaktionen sind sehr positiv.

Reichen Ihnen die 560 Euro im Monat aus? Oder sollte das BGE höher sein?
Finnland ist wie die Schweiz ein teures Land. Das Geld, das ich aktuell erhalte, ist eigentlich zu wenig. Mit dem BGE sollte man mindestens eine Wohnung, Kleidung und Essen bezahlen können. 

Dann hat man ja doch schon alles. Weshalb sollte man dann noch arbeiten gehen?
Wenn man eine feste Stelle hat, dann träumt man immer von den fünf Wochen Ferien, die man pro Jahr hat. Das Nichtstun hat einen Seltenheitswert und wird deshalb begehrt. Als Arbeitsloser sieht das umgekehrt aus. Ich habe immer davon geträumt, endlich wieder einer sinnvollen Arbeit nachzugehen. Ich bin mir sicher, deutlich mehr als 90 Prozent der Leute will nicht nur auf der Couch rumhängen. 

«Das weltweite Interesse zeigt auch, dass das BGE ernst zu nehmen ist.»

Ist das Medieninteresse eigentlich nach wie vor ungebrochen? Im Januar haben Sie erzählt, Sie hätten schon über 100 Interviews gegeben.
Ein wenig hat es schon abgenommen. Aber insgesamt habe ich sicher schon über 200 Mal Auskunft gegeben. Die Anrufer kamen von überall aus der Welt. Sogar aus China

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Juha Jarvinen im Skype-Interview. screenshot: watson

China?
Ja, ich war zunächst auch etwas überrascht. Aber das weltweite Interesse zeigt auch, dass das BGE ernst zu nehmen ist. Gerade ein Land wie China, in dem die Technologisierung derart schnell voranschreitet, muss sich überlegen, was mit den Menschen geschehen soll, deren Arbeit vielleicht bald von einem Roboter übernommen wird. 

Wie gross ist eigentlich das Interesse aus der Schweiz? Wir hatten ja kürzlich eine Abstimmung über das BGE.
Auch aus der Schweiz kamen einige Anrufe. Eine Frau kam sogar für eine Woche hier in die Ferien. Sie las in den Medien von meinen Ideen und hat mich darauf kontaktiert. Eigentlich wollte sie eine Trommel bauen. Am Ende half sie mir aber, aufzuräumen und meine Werkzeuge zu flicken. Ich danke euch (lacht). 

Wie sieht das bei Ihnen in der Region aus? Merken Sie die Technologisierung?
Früher stellten hier viele Möbel her und lebten davon. Heute fahren alle in die IKEA. Ich habe nichts gegen IKEA, sie nutzen neue Technologien und können so günstigere Produkte anbieten. Blöd ist doch nur, wenn man den Fortschritt nicht akzeptiert und an alten Gegebenheiten festhält. Denselben Fehler hat schon Nokia gemacht. Als das iPhone aufkam, dachte man sich dort, dass doch niemand diese Smartphones haben wolle. Man hat gesehen, was passiert ist. Die Technologisierung ist doch nichts Schlechtes, nur muss sich dann auch das Sozialsystem anpassen.

Würde die Einführung des BGEs reichen, um das Sozialsystem anzupassen?
Nein, das BGE ist nur ein Teil der Lösung. Ich glaube auch, dass es sinnvoll wäre, nur noch sechs Stunden pro Tag zu arbeiten. Die vorhandene Arbeit würde dann unter den Leuten besser verteilt werden. Die gewonnene Freizeit könnte für kreative Projekte genutzt werden. Oder für soziale Engagements. 

«Ich verwirkliche gerade meinen Traum, dementsprechend Spass macht mir meine Arbeit.»

Glauben Sie, dass es für den Staat günstiger ist, wenn er ein BGE einführt?
Ja, davon bin ich überzeugt. Angesichts der Arbeitslosenzahlen, die aufgrund der Technologisierung zunehmen werden, wird sich auch die Bürokratie weiter aufblähen. Das wird teuer. Zudem ist das BGE für die Wirtschaft eines Landes auch eine Chance. Leute mit einer innovativen Idee werden viel eher versuchen, diese umzusetzen. 

Arbeiten Sie zurzeit mehr oder weniger, als Sie noch fest angestellt waren?
Mehr. Ich verwirkliche mit «Artbnb» und mit meinen Video-Projekten gerade meinen Traum, dementsprechend Spass macht mir meine Arbeit. 

Wer würde eigentlich die unbeliebten Jobs machen, falls das BGE eingeführt würde?
Ich habe mal für eine Reinigungsfirma gearbeitet. Das Problem war eigentlich nicht die Arbeit an sich, sondern der ständige Stress. Überall hatte man nur wenige Minuten Zeit, um sauber zu machen. Dann musste man schon wieder an den nächsten Ort hetzen. Würde man hier Sechs-Stunden-Tage einführen und den Arbeitern zusätzlich ein BGE auszahlen, wären das gar keine «unbeliebten Jobs» mehr.

Glauben Sie daran, dass das BGE in Finnland eines Tages tatsächlich eingeführt wird?
Ich bin sehr gespannt, wie die Resultate des Experiments aussehen werden. Sind sie positiv, denke ich, dass das BGE bald eingeführt werden könnte.

Ist das nicht ein bisschen zu optimistisch? Schliesslich werden zurzeit nur 2000 Leute beobachtet. Kritiker behaupten, das sei viel zu wenig für eine verlässliche Statistik.
Alle Teilnehmer dieses Experiments waren zum Start im Januar bereits seit zwei Jahren arbeitslos. Viele von uns hatten ernsthafte Probleme, wir sind die grössten Loser der Gesellschaft. Wenn es mit uns klappt, dann klappt es überall.


Bedinungsloses Grundeinkommen

Video: watson

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