Wirtschaft
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Der Leiter der Internationalen Vermögensverwaltung der Credit Suisse, Iqbal Khan, tritt per sofort ab.

Fliegender Wechsel: Der einstige CS-Starbanker Iqbal Khan arbeitet seit 1. Oktober bei der UBS. bild: zvg

Interview

«Darum sollte wohl auch die Finma aktiv werden»

Suizid, weltweite Häme, Kurssturz, Entlassungen: Die Beschattungs-Affäre um Ex-CS-Banker Iqbal Khan hat bislang in der Schweizer Banken-Szene unbekannte Dimensionen angenommen. Der renommierte Wirtschaftsprofessor Peter V. Kunz fordert im watson-Interview, dass die Finanzmarktaufsicht im Fall aktiv wird. Aus einem guten Grund.



Herr Kunz, die Credit Suisse stellt ihrem Boss Tidjane Thiam in einem Untersuchungsbericht offiziell einen Persilschein in der Beschattungs-Affäre aus. Ist das glaubwürdig?
Peter V. Kunz: Eine durch eine private Anwaltskanzlei durchgeführte interne Untersuchung ist kein unabhängiges Gutachten wie bei einer staatlichen Untersuchung. Die CS versucht sicherlich auch, sich damit reinzuwaschen und in der Öffentlichkeit Imagepflege zu betreiben. Das Vorgehen ist legal und legitim. Die Aufgabe des Gutachtens war wohl in erster Linie, intern Licht ins Dunkel zu bringen und dem CS-Verwaltungsrat mögliche rote Ampeln aufzuzeigen: «Hat Thiam einen derart gravierenden Fehler gemacht, dass man ihn sofort freistellen muss?» Das scheint nicht der Fall zu sein. Kommen in den nächsten Tagen aber neue Fakten zum Vorschein, dann hätte die CS ein grosses Problem.

Die Credit Suisse hat wegen des Skandals den COO und den Sicherheitschef gefeuert. Sind das mehr als Bauernopfer?
Ja, durchaus. Die Verantwortlichen haben rasch reagiert und mit Pierre-Olivier Bouée die Nummer 2 der Bank entlassen. Bouée ist nach dem CEO der operative Chef des Unternehmens und mitnichten ein Bauernopfer. Das ist ein Zeichen, dass der Verwaltungsrat nicht einfach die Augen vor der Beschattungs-Affäre verschliesst. Anders wäre dies, wenn das Aufsichtsorgan einfach den Sicherheitschef und irgendein Midlevel-Kader geschasst hätte. Abzuwarten bleibt nun die Untersuchung der Staatsanwaltschaft zur Beschattungsaktion. Die Behörden werden sich gewisse CS-Manager ganz genau anschauen müssen.

«Es scheint fast unumgänglich, dass Khan in Interessenskonflikte wegen Geschäftsgeheimnissen gerät.»

ARCHIVBILD ZUR BEKANNTGABE DES SALAERS 2016 VON CREDIT SUISSE CEO TIDJANE THIAM, AM FREITAG, 24. MAERZ 2017 - Tidjane Thiam, CEO du Credit Suisse Group, parle lors de la douzieme edition du Forum des 100, organise par l'Hebdo ce jeudi 19 mai 2016 sur le site de l'Universite, UNIL, a Lausanne. Comme chaque annee, Le Forum des 100 ouvre le debat sur des questions essentielles a la prosperite et au dynamisme de la Suisse romande avec de prestigieux orateurs. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Im Gegenwind: CS-Chef Thiam. Bild: KEYSTONE

Hintergrund des Skandals ist der abrupte Wechsel des CS-Shootingstars Iqbal Khan zum Hauptkonkurrenten UBS, wo dieser seit 1. Oktober im genau gleichen Geschäftsfeld tätig ist wie zuvor. Stinkt das nicht zum Himmel?
Der Wechsel wirft Fragen auf, die unbeantwortet sind. Als Top-Kader bei einer Bank haben Sie normalerweise eine Kündigungsfrist von ein bis zwei Jahren, und danach folgt meist noch ein mehrjähriges Konkurrenzverbot. Wie ist es nun möglich, dass Khan als CS-Geschäftsleitungsmitglied und Leiter der Vermögensverwaltung innerhalb von wenigen Wochen zum Hauptkonkurrenten UBS wechseln darf? Und dort ebenfalls die Vermögensverwaltung übernimmt? Das gab es noch nie in der Schweiz. Als Chef der Finanzmarktaufsicht Finma würde ich sicherlich bei beiden Banken Informationen darüber verlangen. Denn es scheint fast unumgänglich, dass Khan in Interessenskonflikte wegen Geschäftsgeheimnissen gerät. Er weiss alles über die Firma und kann bei der UBS nicht immer in den Ausstand treten. So einen eigenartigen Job-Wechsel eines Banken-Topkaders mit so vielen potenziellen Interessenskonflikten ist eine einzigartige Situation, das hat es in der Branche noch nie gegeben.

Es steckt also mehr dahinter als die persönliche Fehde zwischen Khan und Thiam?
Im Kern der Geschichte geht es vermutlich nicht um den Streit in der Villa von Thiam oder die hohen Bäume im Garten. Das dürften bloss von PR-Leuten geworfene Nebelpetarden sein. Sondern es geht um viel Geld, es geht um Milliarden für die beiden Banken. Wenn nur die persönliche Fehde zwischen Khan und Thiam wäre, hätte es nie so ein Chaos auf den Finanzmärkten gegeben. Denn Khan arbeitete im lukrativsten Bereich der Credit Suisse. Da sind enorme Geldbeträge im Spiel. Es geht im Kern also ums Geschäft. Darum sollte wohl auch die Finma aktiv werden, die Hintergründe abklären und der Sache genau auf den Grund gehen.

Das sagt die Finma

Leitet die Finma wegen der Beschattungs-Affäre eine Untersuchung gegen die CS und UBS ein? «Wie bei Personalwechseln auf hoher Ebene üblich sind wir informiert und stehen diesbezüglich mit den Banken in Kontakt», so Finma-Sprecher Tobias Lux. Wie üblich kommentiere man die Aufsichtstätigkeit nicht weiter. (amü)

CS-Verwaltungsratspräsident Rohner hat mit Khan die Abgangsmodalitäten persönlich geregelt. Trotzdem wurde er danach beschattet. Wie beurteilen Sie die Aktion?
Wichtig ist, festzuhalten: Stand heute war die Beschattungsaktion völlig legal. Es gab weder ein heimlich montiertes Mikrofon, das Gespräche aufzeichnete, noch wurde unerlaubt der Computer von Khan durchsucht. Rechtlich dürfte der Beschattungsauftrag kein Problem sein, wenn die aktuellen Informationen zutreffen. Es würde mich nicht erstaunen, wenn die Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellen würde, weil keine strafbaren Handlungen vorliegen. Darum ist der Suizid des Mittelsmannes umso tragischer. Derzeit gibt es keine Anhaltspunkte, dass die CS und der zurückgetretene COO gegen geltende Gesetze verstossen haben. Der COO musste seinen Rücktritt vermutlich einreichen, weil er eigenmächtig gehandelt hatte und sich gegen oben nicht abgesichert haben dürfte.

Sind Beschattungsaktionen in der Banken-Branche verbreitet?
Überwachungen zum Schutz eines Unternehmens können durchaus legitim sein. Strassenbeschattungen, wie im aktuellen Fall, kommen in der Praxis aber sehr selten vor. Dies, weil die Erfolgswahrscheinlichkeit sehr gering ist, jemanden auf frischer Tat bei der Anwerbung von Personal zu ertappen.

Bild

Peter V. Kunz. bild: zvg

Zur Person

Peter V. Kunz (54), Professor für Wirtschaftsrecht an der Uni Bern, geschäftsführender Direktor am Institut für Wirtschaftsrecht und Ordinarius für Wirtschaftsrecht und für Rechtsvergleichung. Er sass für die FDP im Solothurner Kantonsparlament und gehört zu den profiliertesten Wirtschaftsrechtlern der Schweiz.

UBS-Chef Ermotti werden Abgangsgelüste nachgesagt. Will sich Khan mit dem Wechsel als neuen UBS-Chef in Stellung bringen?
Khan galt schon bei der CS als möglicher Nachfolger von Thiam. Denn Khan ist jung, macht einen prima Job und hat in der Vermögensverwaltung zentrale Erfahrung. Dann kamen anscheinend die persönlichen Unverträglichkeiten von Khan und Thiam auf. Nun kann sich Khan bei der UBS als möglicher Nachfolger von Sergio Ermotti aufdrängen, der schon acht Jahre im Amt ist. Oder zumindest ins Gespräch bringen.

«Es wurde noch nie mit so viel Schadenfreude über eine Schweizer Bank berichtet.»

Die hollywoodreife Beschattungs-Affäre der CS sorgt international für Schlagzeilen. Wie gross ist der Schaden für den Bankenplatz Schweiz?
Ob auf Bloomberg, in der «Financial Times», im «Handelsblatt» oder im «Wall Street Journal»: Es wurde noch nie mit so viel Schadenfreude über eine Schweizer Bank berichtet. In epischer Breite wurden süffisant alle Details ausgebreitet. Das sind zwar im Ausland amüsante Anekdoten, aber für den Bankenplatz Schweiz hat dies langfristig keine negativen Konsequenzen. Dafür haben die Banker bei den Apéros in Übersee etwas zu lachen. Für die CS haben die Medienberichte aber durchaus Folgen gehabt.

Inwiefern?
Die CS ist schon lange keine eigentliche Schweizer Bank mehr. Viele Grossinvestoren stammen aus dem Ausland, etwa dem arabischen Raum. Für die CS wurde der Fall erst richtig zum Problem, als sich die internationalen Medien darauf gestürzt haben. Da brach im Verwaltungsrat das grosse Grübeln aus. Denn die Grossinvestoren wollen nicht, dass ihre Investments als Lachnummer qualifiziert werden. Darum hat der Skandal auch Auswirkungen auf den Aktienkurs.

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