DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Händler an der Börse von New York.
Händler an der Börse von New York.Bild: keystone
Interview

«Der Aktienmarkt könnte das Jahr positiv beenden»

Seit Wochen ist an den Finanzmärkten die Hölle los. Die reale Wirtschaft droht, in eine Rezession zu verfallen. Trotzdem werde sich die Stagflation der 70er Jahre nicht wiederholen, sagt Brian Mandt, Chefökonom der Luzerner Kantonalbank und erklärt, weshalb man jedoch mit dem Zukauf von neuen Aktien noch zuwarten sollte.
21.05.2022, 15:01

An den Finanzmärkten herrscht derzeit ein perfekter Sturm. Einverstanden?
Zumindest wird das von den Finanzteilnehmern so wahrgenommen. Es fallen tatsächlich verschiedene negative Ereignisse zusammen: hohe Inflationsraten, nicht nur in den USA, sondern auch in Europa. Selbst bei uns ist die Teuerung deutlich angestiegen. Gleichzeitig geht die Furcht um, das Wirtschaftswachstum könnte wegen der hohen Energiepreise und den Lieferengpässen einbrechen. Schliesslich erhöhen auch die Zentralbanken die Leitzinsen, was im schlimmsten Fall zu einer Rezession führen könnte. So gesehen ist es berechtigt, von einem Sturm zu sprechen.

Beim Lockdown vor gut zwei Jahren tobte ebenfalls ein solcher Sturm. Er zog jedoch sehr rasch wieder ab. Können wir auch diesmal darauf hoffen?
Diesmal wird es wohl länger dauern. Wir haben nicht nur Wachstums-, sondern vor allem Inflationssorgen. Das erinnert an die 70-er und 80-er Jahre, wo wir ebenfalls hohe Inflation zusammen mit schwachem Wachstum hatten.

Bleibt optimistisch: Briand Mandt, Chefökonom der Luzerner Kantonalbank.
Bleibt optimistisch: Briand Mandt, Chefökonom der Luzerner Kantonalbank.

Sie sprechen die Stagflation an.
Ja, es gibt Parallelen. Deshalb sind die Finanzmärkte zu recht nervös, und daher wird die derzeit herrschende Volatilität nicht so schnell abklingen.

Die Stagflation wurde seinerzeit mit einer künstlichen Rezession bekämpft, mit hohen Leitzinsen und hoher Arbeitslosigkeit. Müssen wir uns auch heute darauf gefasst machen?
Das befürchte ich nicht, denn die wirtschaftliche Situation hat sich seit den 70er Jahren deutlich verändert. So waren die Arbeitsmärkte damals weit weniger flexibel als heute. Die Löhne sind nicht mehr an die Inflation gekoppelt, das nimmt Druck von den Unternehmen weg. Auch die Preisanpassungen erfolgen schneller als damals. Noch letztes Jahr sind beispielsweise die Preise für Occasionsautos explodiert, vor allem in den USA. Jetzt fallen sie wieder. Das gilt auch für Güter, die während des Lockdowns stark nachgefragt waren, Laptops, Einrichtungsgegenstände, etc. Die gefährliche Lohn-Preis-Spirale dreht sich bisher zum Glück noch nicht.

Nicht alle werden von den Stürmen an den Finanzmärkten gleichermassen betroffen. Besonders übel hat es die Tech-Aktien erwischt. In den USA spricht man bereits von einem «Bärenmarkt», will heissen, einem Einbruch von 20 Prozent und mehr. Droht ein solcher Bärenmarkt auch bei uns?
Eher nicht. Der Schweizer Aktienmarkt ist weniger krisenanfällig, vor allem, weil wir einen starken Pharmasektor haben.

Wenn die Aktien kriselt, flüchten sich die Anleger in der Regel in die sicheren Obligationen. Sollten sie dies auch derzeit tun?
Das ist aktuell keine gute Idee. Obwohl die Rendite in jüngster Zeit stark gestiegen ist, stehen sie immer noch bei knapp einem Prozent. Bei langjährigen Staatsanleihen stehen wir gar nach Abzug der Teuerung immer noch im negativen Bereich. Kommt dazu, dass ich nicht mit einer Rezession rechne. Es ist deshalb durchaus möglich, dass die Aktienmärkte das Jahr positiv beenden.

«Grundsätzlich finde ich die Idee des «buy the dip» gut. Im Moment jedoch rate ich zur Vorsicht, denn es ist noch nicht ganz klar, wohin die wirtschaftliche Reise gehen wird.»

Vom aktuellen Mini-Crash seien vor allem Junge betroffen, hört man. Sie würden vor allem in Tech-Aktien und Kryptos investieren. Stimmt das?
Tech-Aktien sind wahrscheinlich bei jungen Leuten sexy, aber ich habe keine Daten, welche diese These untermauern würden.

Junge Anleger haben keine Erfahrung mit einem längeren Bärenmarkt. Sie handeln nach der Devise «buy the dip», will heissen, sie benützen fallende Aktienpreise als Einstiegsmöglichkeit. Damit sind sie in den letzten Jahren gut gefahren. Gilt das immer noch?
Grundsätzlich finde ich die Idee des «buy the dip» gut. Im Moment jedoch rate ich zur Vorsicht, denn es ist noch nicht ganz klar, wohin die wirtschaftliche Reise gehen wird. Vor allem die Daten der Auswirkungen des Krieges in der Ukraine fehlen noch. Bisher scheint es jedoch so, dass die Effekte – allen Unkenrufen zum Trotz – begrenzt sind.

Wie hoch schätzen Sie die Gefahr ein, dass die jungen unerfahrenen Investoren in einem längeren Bärenmarkt in Panik geraten und so einen richtigen Crash auslösen?
Die Gefahr besteht dann, wenn die Wirtschaftszahlen schlechter als erwartet ausfallen, und die Zentralbanken ihre Leitzinsen trotzdem weiter anheben. Dann gerät der Glaube, dass die Zentralbanken die Finanzmärkte ohne Ende unterstützen, ins Wanken.

Bisher gibt es kaum Meldungen von Panikverkäufen und Zwangsliquidationen. Wie ist das zu erklären? Sind es die jungen Investoren, die noch keine Familien ernähren müssen und daher gefahrlos zocken können? Oder ist einfach noch zu viel Geld vorhanden?
Die Ausgangslage ist eine andere. Das Wohlstandsniveau ist deutlich höher als in früheren Zeiten. Zudem hat die Pandemie die Menschen zum Sparen gezwungen. Vor allem aber sind die Beschäftigungsaussichten intakt. Die Angst vor Arbeitslosigkeit ist gering. Das gilt nicht nur für die Schweiz, sondern auch für Europa und die USA. Das war beispielsweise beim grossen Börsencrash von 1929 ganz anders.

Im roten Bereich: der Kurs des Bitcoins.
Im roten Bereich: der Kurs des Bitcoins.Bild: google finance

Am schlimmsten hat es die Kryptos erwischt. Bitcoin hat rund die Hälfte verloren, andere noch mehr. Ist dies der Anfang vom Ende der Kryptos – oder ein gesundes, reinigendes Gewitter?
Ich gehöre zur Reinigendes-Gewitter-Fraktion. Kryptos bleiben ein interessantes Thema. Selbst die Zentralbanken machen sich zunehmend Gedanken dazu.

Trotzdem gibt es Stimmen, welche die aktuellen Schwierigkeiten bei den sogenannten Stablecoins mit dem Lehman-Crash im Herbst 2008 vergleichen. Alles Hype, oder was?
Dieser Vergleich scheint mir an den Haaren herbeigezogen. Bei der Lehman-Pleite herrschten ganz andere Umstände – und vor allem ging es um ganz andere Beträge.

Sprechen wir von einem leidigen Thema, von der Inflation. Zunächst ging die Mehrheit der Ökonomen davon aus, dass sie vorübergehend sein werde. Nun erweist sie sich als ziemlich hartnäckig. Müssen wir uns an eine hohe Teuerungsrate gewöhnen?
Ich sehe mich immer noch im Vorübergehenden-Lager. Wie bereits erwähnt, funktioniert der Preis-Anpassungsprozess auch nach unten. In den USA haben wir den Inflations-Zenit wahrscheinlich bereits überschritten, bei uns dürften wir ihn bald erreicht haben. Ich will damit nicht leugnen, dass sich die Inflationserwartungen der Unternehmer und der Arbeitnehmer verfestigten könnten. Im Moment sehe ich das jedoch noch nicht. Deshalb dürfte die Teuerungsrate fallen, allerdings nicht auf das Niveau bevor der Krise.

«Die hohen Energiepreise und die Angst vor einer Versorgungssicherheit stellen auch eine grosse Chance dar.»

Inflation und Putins Krieg gelten derzeit als grösste Gefahrenherde. Doch ist der Elefant in der guten Stube nicht China?
Die Ukraine und Russland sind für die Weltwirtschaft nicht so entscheidend. Es sind vor allem Rohstoffproduzenten. China ist viel wichtiger, China ist die Werkstatt der Weltwirtschaft, wo Dinge produziert werden, die stark nachgefragt sind. Das gilt für Velos genauso wie für Smartphones.

China hat eine Immobilien- und eine Schuldenkrise. Jetzt läuft ihnen auch Covid aus dem Ruder. Wie gefährlich ist das?
Die Null-Covid-Strategie der Regierung hat dazu geführt, dass die Menschen in China weniger konsumieren. Deshalb ist die Binnennachfrage deutlich geschwächt worden. Der für die Weltwirtschaft so bedeutsame Industriesektor funktioniert jedoch nach wie vor. Die Regierung unterstützt die Wirtschaft zudem mit punktuellen Massnahmen, sei es im Immobilienmarkt oder bei privaten Haushalten.

Container stapeln sich im Hafen von Hongkong.
Container stapeln sich im Hafen von Hongkong.Bild: keystone

Mit anderen Worten: Die Chinesen haben es im Griff?
Mehr oder weniger. Die Probleme bei den Immobilien sind seit langem bekannt – und verschuldet haben sich die Chinesen in ihrer eigenen Währung. Deshalb glaube ich, dass das Wachstumsziel von fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr erreicht werden wird.

Das grösste Problem bleibt die Klimaerwärmung. Ist ein Green New Deal nicht auch die Chance, eine Stagflation zu verhindern? Oder ist dies grünes Wunschdenken?
Überhaupt nicht. Die hohen Energiepreise und die Angst vor einer Versorgungssicherheit stellen auch eine grosse Chance dar. Wir müssen mehr in Effizienz investieren und unabhängiger von fossilen Brennstoffen werden.

Ohne die menschliche Tragödie zu verharmlosen, ist Putins Krieg somit auch ein Katalysator für einen ökologischen Umbau unserer Wirtschaft und Gesellschaft?
Sie haben mir das Wort aus dem Mund genommen. Dieser Krieg ist ganz klar ein Katalysator. Leider braucht es solche Katalysatoren. Solange das Öl so billig war, blieben die Umbaupläne in den Schubladen. Jetzt ist der Leidensdruck da. Deshalb werden vielleicht teurere, aber langfristig effizienter Maschinen gekauft.

Zuerst Pandemie, nun Putins Krieg. Ist die Zeitenwende mehr als ein Schlagwort?
Es ist eine Zeitenwende. Vor der Pandemie war Homeoffice noch kein Thema, jetzt ist es in vielen Unternehmen bereits Normalität geworden. Anpassungsprozesse können sehr schnell gehen, und die Wirtschaft reagiert viel flexibler auf Schocks, als man ihr zutraut. Deshalb schaue ich insgesamt recht zuversichtlich in die Zukunft.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Russischer Ökonom trinkt im TV auf den «Tod der Börse»

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

26 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
26
Wirtschaftskrise im Libanon trifft Kinder hart – Hunderttausende hungern

Die schwere Wirtschaftskrise im Libanon hat nach Angaben der Vereinten Nationen dramatische Auswirkungen auf das Leben der Kinder.

Zur Story