Wirtschaft
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epa08175494 (FILE) - An aerial view of Boeing 737 Max 8 aircraft parked at Boeing Field in Seattle, Washington, USA, 21 July 2019 (reissued 29 January 2020). Boeing on 29 January 2020 published their full year and 4th quarter 2019 results saying they suffered 636 million USD losses, its first full-year loss since 1997. Boeing also said they expect the costs related to the crisis of grounding their new 737 Max passenger planes to continue to climb.  EPA/GARY HE   EDITORIAL USE ONLY *** Local Caption *** 55353867

Wegen eines globalen Flugverbots stehen hunderte Boeing 737 Max-8 Flugzeuge auf Rollfeldern, Flugplätzen und Firmenparkplätzen herum. Bild: EPA

Interview

Erneutes Problem mit der Boeing 737 Max-8: «Der Schaden ist immens»

Bei Routinekontrollen wurden in den Treibstofftanks mehrerer Boeing 737 Max-8 Flugzeuge «Fremdkörper» gefunden. Doch die Max-8 ist nicht das einzige Problem bei Boeing, sagt ein Experte im Gespräch. Und: Die Fehler kosten den US-Flugzeugbauer die Vorherrschaft.

Kevin Capellini / ch media



Die Probleme beim US-Flugzeughersteller Boeing wollen nicht enden. Schon wieder kommt es beim Flugzeugtyp 737 Max-8 zu Problemen. Während Wartungsarbeiten wurden in Treibstofftanks einiger Flugzeuge, die wegen des globalen Flugverbots zwischengelagert werden müssen, Fremdkörper gefunden.

Wie Boeing bestätigt, soll es sich bei den gefundenen Teilen um sogenannte «foreign object debris» gehandelt haben. Also Teile und Unrat, die von verbauten Bauteilen oder von Werkzeugen stammen könnte, die von Arbeitern in den Tanks zurückgelassen worden waren. Für die Problembehebung beim Krisenflugzeug 737 Max-8 muss diese erneute Entdeckung für Boeing eine Ernüchterung sein.

Seit März 2019 ist der bestverkaufte Flugzeugtyp des amerikanischen Flugzeugherstellers nach zwei Abstürzen mit insgesamt 346 Toten mit einem globalen Flugverbot belegt. Um die 780 Maschinen stehen seit jenem Zeitpunkt gegroundet auf dem Boden. Seither versuchte Boeing abermals Probleme per Software-Update zu beheben. Doch die Mängelliste wurde immer länger. Neben der fehlerhaften Software wurden auch defekte Bauteile, mangelhafte Verbauung, falsch verlegte Kabel, Kurzschluss-Risikos und nun eben auch Fremdkörper gefunden. Zudem sorgte auch die fehlende Simulator-Ausbildung der Piloten für Diskussionen.

Für die 54 Airlines, welche den Flugzeugtyp bestellt haben, wurde die Boeing 737 Max-8 so zum Krisenflugzeug, mit einem verheerend schlechten Image bei den Reisenden. Rund 43 der 54 Fluggesellschaften haben daher ihre Max-8 Maschinen umbenannt. Darunter etwa die irische Billig-Airline Ryanair, die ihren Flugzeugen die Aufschrift 737-8200 verpasst hat.

Doch reicht es, der Boeing 737 Max-8 einfach eine neue Zahl auf den Bug zu pinseln? Diese Fragen haben wir Jens Flottau gestellt. Flottau ist Ressortleiter für Zivilluftfahrt bei der Aviatik-Zeitschrift «Aviation Week».

Bild

Jens Flottau.

Seit gut einem Jahr hat Boeing mit der 737 Max-8 technische Schwierigkeiten. Alle paar Wochen hört man von neuen Problemen. Warum eigentlich? Boeing galt ja als zuverlässiger Flugzeugbauer.
Jens Flottau: Es besteht offenbar kein Zusammenhang zwischen dem jüngsten Problem und den anderen. Boeing hat wenige Details dazu veröffentlicht. Boeing hatte zuletzt auch in anderen Programmen Qualitätsprobleme, bei der Boeing 787-Fertigung in Charleston und beim Tankflugzeug KC-46. Auch hier ist nicht klar, ob es einen grösseren Zusammenhang gibt.

Kam es zu diesen Produktionsfehlern, weil Boeing im engen Konkurrenzkampf mit Airbus steht und so auf Geschwindigkeit setzen musste?
Das kann ich so nicht beantworten. Es geht aber wohl eher um Produktionsprozesse, als um Konkurrenzdruck.

Momentan macht die 737 Max-8 Schlagzeilen. Muss man davon ausgehen, dass auch bei anderen Baureihen Probleme vorliegen, man diese einfach noch nicht gefunden hat, da man nicht danach gesucht hat?
Die eigentlichen Probleme der 737 Max-8 sind sehr spezifisch für das Modell, man kann keine Rückschlüsse auf andere ziehen.

Wie kann man diesbezüglich der amerikanischen Flugaufsichtsbehörde FAA vertrauen? Die stand im Zusammenhang mit der Max-8 ebenfalls mehrfach in der Kritik.
Die Flugaufsichtsbehörde FAA hat in der Vergangenheit die Aufsicht von Boeing vernachlässigt. Im vorliegenden Fall geht es aber um einen Produktionsfehler, und nicht um die Zertifizierung, für die die FAA dann wieder zuständig ist.

Kann man einschätzen, wann die Max-8 wieder fliegen darf?
Boeing sagt, im Verlaufe des Sommers werde die Max-8 wieder zugelassen. In der Branche gilt diese Ankündigung als einigermassen glaubwürdig, vorausgesetzt, es kommen nicht noch zusätzliche Probleme ans Licht. Von da an wird es aber noch Monate dauern, bis die Airlines das Modell wieder einsetzen können. Viele haben daher Max-Flüge bis zum Herbst aus den Flugplänen gestrichen.

epa08076014 (FILE) - An American Airlines Boeing 737 Max 8 (Tail Number N323RM) lands at LaGuardia Airport in New York, New York, USA, 12 March 2019 (reissued 16 December 2019). According to reports on 16 December 2019, Boeing will suspend production of 737 MAX planes starting January 2020. The planes were grounded in March 2019 after two fatal crashes on 29 October 2018 and 10 March 2019 in the Java Sea and Ethiopia respectively.  EPA/JUSTIN LANE *** Local Caption *** 55301103

Eine Boeing 737 Max-8: Noch dieses Jahr sollen die Maschinen wieder abheben. Bild: EPA

Ist nach all diesen Schwierigkeiten und den beiden Crashs der Name Max-8 als «Marke» nicht tot?
Darüber wird heftig diskutiert. Der neue Boeing-Chef David Calhoun hat sich festgelegt und will Max behalten. Ich tendiere dazu, das für sinnvoll zu halten, denn nicht der Name muss geändert werden, sondern die Unternehmenskultur und die Technik.

Braucht es ein Rebranding oder sogar einen neuen Release mit einer leichten technischen Modifikation, als «neues» Flugzeug?
Das wird es offenbar nicht geben und es wäre auch nicht wirklich glaubwürdig.

Kann man den Schaden einschätzen, den Boeing durch die Max-8-Probleme erlitten hat? Auch auf Ebene der Wahrnehmung als vertrauenswürdiger Flugzeugbauer.
Der Schaden ist immens. Bislang hat Boeing Kosten in Höhe von 18 Milliarden Dollar verbucht, es wird wahrscheinlich sogar noch deutlich mehr sein, weil viele Entschädigungsverhandlungen mit Kunden noch nicht begonnen haben. Der Image-Schaden ist ebenfalls riesig, andererseits zeigt die Erfahrung, dass solche Phasen im Laufe der Jahre in Vergessenheit geraten. Es deutet allerdings vieles darauf hin, dass Boeing mit der Max dauerhaft Marktanteile gegenüber Airbus verliert und dies nur mit einem völlig neuen Flugzeug korrigieren kann. Dieses wird aber, weil heute die Technologie nicht so weit ist, nicht vor 2030 erwartet. (aargauerzeitung.ch)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Brodius 20.02.2020 07:12
    Highlight Highlight Wenn Manager, Ingenieur spielen
  • DrDeath 20.02.2020 00:58
    Highlight Highlight Was man noch sagen sollte ist dass "foreign objects" in den Tanks, obwohl das natürlich nicht sein sollte, kein unmittelbares Problem darstellen. Auch die Turbinen von Flugzeugen haben Treibstofffilter, sogar gehr gute. Was zu gross ist um da hinein zu geraten, ist für dasFlugzeug erst mal keine unmittelbare Gefahr. Trotzdem wirft das natürlich kein gutes Licht auf deren Qualitätskontrolle
    • Heinzbond 20.02.2020 05:14
      Highlight Highlight Nun trotzdem möchte ich nicht in einen Flieger einsteigen, in dessen Tank Lumpen und Werkzeuge herumschwimmen... Egal wie gut die Filter sind...
      Hab auch schon von einer vergessen Leiter gelesen, aber bei einem anderen Modell... Was wird dadann sonst noch vergessen?
  • Der Rückbauer 20.02.2020 00:45
    Highlight Highlight Schrottkisten, abwracken. Make America great again!
  • Victor Paulsen 20.02.2020 00:26
    Highlight Highlight Wollen die noch fliegen oder nicht?
    Aktuell sieht es nicht danach aus
    • MartinZH 20.02.2020 00:53
      Highlight Highlight Es gibt eine ganze Menge Boeing-Flieger, die tagtäglich ihre Arbeit zuverlässig verrichten. Ich bin erst kürzlich mit einer Boeing geflogen – ein ganz normaler Flug. ✈👍😉
  • Triple 20.02.2020 00:08
    Highlight Highlight Ich habe lange in der Luftfahrt gearbeitet. Und es war normal, bei der ersten 1200 Stunden Inspektion, da werden die Treibstoffbehälter geöffnet, Späne aus der Produktion rauszuputzen. Es gibt Locations im Flügel wo bei der Herstellung Späne anfallen die nicht zugänglich sind. Sie werden erst mit dem Treibstoff in Regionen gespült die zugänglich sind. Dafür hat es aber auch entsprechende Filter im System.
    Foreign object debris ist ein allgemeiner Begriff. Um zu beurteilen ob problematisch oder nicht muss man wissen was genau gefunden wurde.
  • In vino veritas 19.02.2020 23:46
    Highlight Highlight Tja, das kommt halt dabei raus, wenn das Management den Hals nicht voll genug kriegt. Zahlreiche Techniker, Ingenieure, Informatiker und Piloten haben auf die Probleme dieses Flugzeuges hingewiesen. Aber sie wurden ignoriert. Wird schon gut gehen. Oder auch nicht. Das Management sollte man wegen vorsätzlicher, oder zumindest grobfahrlässiger Tötung zur Rechenschaft ziehen.
  • MartinZH 19.02.2020 23:38
    Highlight Highlight Bis jetzt bin ich immer davon ausgegangen, dass der EFQM-Level (Qualitätsmanagementsystem) von Boeing auf dem höchstem Niveau liegt – vielleicht ganz knapp hinter der NASA.

    Wenn jetzt aber berichtet wird, dass in Treibstofftanks einiger Flugzeuge Fremdkörper («foreign object debris») gefunden worden sind, dann hat Boeing ein systematisches Problem.

    In diesem gravierenden – und fast schon tragisch-simplen – Fall, könnte es sich aber durchaus auch um gezielte Sabotage handeln..!

    Es gibt leider zahlreiche Akteure, die davon profitieren, wenn Boeing mit Negativ-News in der Öffentlichkeit steht.
    • Amboss 20.02.2020 07:30
      Highlight Highlight Jaja, Sabotage also.... Natürlich kann man sowas nie ausschliessen. Aber wenn es so ist, ist es ja ein leichtes, dies rauszubekommen.

      Aber bei dem, was Boeing im Moment bietet, sind Verschwörungstheorien eher nicht angebracht... Da ist es wahrscheinlicher, dass Boeing, einfach mal wieder nicht gut gearbeitet...
    • MartinZH 20.02.2020 14:03
      Highlight Highlight @Amboss: Weisst Du, mit der "Verschwörungstheorie-Keule" zu kommen, ist etwas simpel...

      Offensichtlich hast Du keine Ahnung, was QM in der Flugzeug-Industrie bedeutet!

      Darum habe ich geschrieben: "systematisches Problem". So etwas kann gar nicht passieren, wenn alle Prozesse und Regeln befolgt werden. Und schon gar nicht mehrfach!

      Mit so einer Nachricht kann ein Spekulant (Derrivate, Call- und Put-Optionen) Millionen verdienen. Er muss nur einen Saboteur einschleusen und bezahlen.

      Ein einbrechender Aktienkurs mit solchen News macht Boeing zur Übernahmekandidatin ("unfriendly takeover"). 😉
  • Trinitrotoluol 19.02.2020 22:31
    Highlight Highlight Es ist ein klassische Manager vs. Qualitätengineering Geschichte. Leider haben die Manager wieder eine super Firma gegroundet. Wenn nur noch Profit zählt, kann es einfach nicht gut kommen.

    https://qz.com/1776080/how-the-mcdonnell-douglas-boeing-merger-led-to-the-737-max-crisis/
  • DrDeath 19.02.2020 21:37
    Highlight Highlight Der Starliner hat ein Problem nach dem anderen, die 737 hat ein Problem nach dem anderen, und für jedes was geflickt wird treten zwei neue auf. Was zum Teufel läuft schief bei dieser Firma? Und wie viele andere Produkte von Boeing fliegen jetzt gerade mit ähnlichen Zeitbomben herum, die nur noch keiner gefunden hat?
    • Astrogator 19.02.2020 22:18
      Highlight Highlight Nun, Boeing hat sich von einem Ingenieur-getriebenen Unternehmen zu einem BWL-getriebenem Unternehmen gewandelt.
      Ein Boeing CEO wurde Legendär mit dem Spruch, auch Boeing könne den Aktionären 2-stellige Rendite abliefern. Geht schon, nur auf Kosten der Sicherheit und Qualität. Siehe bei uns SBB oder Swisscom...
    • kdlxusd 19.02.2020 23:52
      Highlight Highlight Dreamliner nicht Starliner 😉
    • Trinitrotoluol 20.02.2020 06:39
      Highlight Highlight Generell wurde die Firmenkultur seit der Fusion mit McDonnell von Qualität Richtung Profit ausgerichtet. Siehe auch die neue Geschäftsführung (=Manager) , die die technische Aspekte nicht wahrnehmen konnten und wollten.

      “It is a great engineering firm, but people invest in a company because they want to make money.”


      https://qz.com/1776080/how-the-mcdonnell-douglas-boeing-merger-led-to-the-737-max-crisis/


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