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Interview

«Es ist noch zu früh für Krypto-ETFs»

BlackRock-Manager Ed Gordon erklärt, warum Finanzgenies wie Warren Buffet bald ausgedient haben. Weshalb die Exchange Traded Funds die Finanzmärkte demokratisieren – und weshalb Finanzprodukte dank künstlicher Intelligenz menschlicher werden.
14.11.2021, 14:40

ETFs sind längst kein exotisches Anlagevehikel mehr. Sie sind bei der Mittelschicht angekommen. Wie gross ist der Markt inzwischen?
Ed Gordon: In dieser Woche ist erstmals die Marke von zehn Billionen Dollar überschritten worden, und zwar Billionen im deutschen Sinn. Der Boom geht weiter, die Industrie wächst nach wie vor im zweistelligen Prozentbereich.

Lässt sich diese Zahl auch auf den Schweizer Markt herunterbrechen?
Auf seriöse Weise leider nicht.

Weshalb nicht?
Ein ETF ist im Grunde genommen nichts anderes als ein Anlagefonds, der einen Index abbildet und wie eine Aktie an einer Börse gehandelt wird. Dieser Handel geschieht an mehreren Börsen, nicht nur in der Schweiz. Der gleiche ETF kann auch in London oder Frankfurt getradet werden. Deshalb gibt es streng genommen gar keinen Schweizer ETF-Markt.

Managt die ETFs bei iShares, einer BlackRock-Tochter: Ed Gordon.
Managt die ETFs bei iShares, einer BlackRock-Tochter: Ed Gordon.bild: pd

Bleiben wir kurz beim Wesen des ETFs. Ist es das gleiche Prinzip, das die Goldschmiede schon im Mittelalter angewandt haben? Sie haben Bezugsgutscheine auf das eingelagerte Gold herausgegeben, und so den Grundstein für die Banknoten gelegt, die dann an Stelle von Gold gehandelt wurden.
Nein, nicht direkt. Ein ETF ist ein Anteilschein, kein Derivativ. Es ist ein Anteilschein an einem Fonds.

BlackRock erwirbt jedoch die Wertpapiere, auf denen ETFs herausgegeben werden.
Natürlich. Bei Aktien ist das kein Problem, bei Obligationen ist es aus mehreren Gründen manchmal ein bisschen komplizierter.

Warum soll ich mir als Konsument nicht direkt einzelne Aktien kaufen? Was bringt der Umweg über den ETF?
Der Vorteil liegt darin, dass man beim ETF Zugriff auf ein breit gestreutes Portfolio hat. Das bedeutet auch, dass das Risiko minimiert wird. Diese Risikostreuung ist sehr kostengünstig zu haben. Deshalb ist der ETF auch ein sehr demokratisches Anlagevehikel. Ein grosser Anleger, beispielsweise eine Pensionskasse, zahlt den gleichen Preis wie Sie und ich. Dazu kann ich diesen ETF jederzeit wieder verkaufen, weil er laufend gehandelt wird.

Früher hat man gerne von «Volksaktien» gesprochen, bei der Swisscom beispielsweise. Ist der ETF in diesem Sinn eine Art moderne Volksaktie?
Das ist ein sehr guter Vergleich. In Deutschland gibt es bereits ETF-Sparpläne, die genau diesen «Volksaktien»-Charakter haben. Man kann sich an diesen Sparplänen mit einer kleinen Summe – schon ein Euro pro Monat – beteiligen.

Als Volksaktie gedacht: die Swisscom-Aktie.
Als Volksaktie gedacht: die Swisscom-Aktie.Bild: keystone/watson

Da muss man jedoch ziemlich lange sparen.
Okay, das ist mehr für Kinder gedacht, der ETF wird dann eine Art modernes Sparschwein.

Volksaktien haben eine durchzogene Erfolgsgeschichte. Immer wieder haben sich Kleininvestoren daran auch die Finger verbrannt. Warum soll dies nicht auch bei ETFs der Fall sein?
Ganz einfach, weil ETFs viel breiter abgestützt sind und daher das Risiko breiter gestreut wird.

«Wer bei sinkenden Kursen in Panik verfällt, wird dies auch mit ETFs tun.»

Trotzdem: Die Verhaltenspsychologie hat x-fach nachgewiesen, dass kleine Investoren an den Börsen wenig Glück haben. Weil sie schwache Nerven haben, kaufen sie zu spät, verkaufen zu früh und stehen am Schluss mit leeren Händen da. Besteht diese Gefahr nicht auch bei ETFs?
Investieren ist stets mit Risiken verbunden. Wie der einzelne Mensch damit umgeht – rational oder irrational – hat nichts mit einem ETF zu tun.

Kann man mit den ETFs die Irrationalität in Schranken halten?
Nein, ETFs werden das Anlageverhalten der Menschen nicht verändern. Wer bei sinkenden Kursen in Panik verfällt, wird dies auch mit ETFs tun.

Angesichts der Klimaerwärmung ist der Druck, ökologisch zu investieren, massiv gestiegen. BlackRock lehnt sich diesbezüglich weit aus dem Fenster. Welche Bedeutung haben die ETFs in puncto Umweltschutz?
BlackRock hat vor zwei Jahren öffentlich erklärt, dass ökologische Risiken auch Anlagerisiken sind. Deshalb haben wir begonnen, diese Risiken mehr und mehr in unsere Investitionsstrategien zu integrieren. Und deshalb haben wir auch eine ganze Palette von «grünen» ETFs kreiert.

Was bedeutet dies konkret?
Wir legen Kriterien fest, die dazu führen, dass wir nicht mehr in Unternehmen investieren, welche diesen Kriterien nicht genügen. Noch wichtiger ist jedoch das Thema «Stewardship». Darunter verstehen wir die Tatsache, dass wir immer stärker Einfluss auf die Unternehmensführung nehmen.

Wie kürzlich bei «Shell» oder «Exxon»?
Genau. Dort treten wir bei Aktionärsverhandlungen aktiv auf und nehmen beispielsweise Einfluss auf die Wahl der Verwaltungsratsmitglieder. Der ETF spielt dabei eine tragende Rolle. Als ETF-Manager können wir nicht einfach davon laufen, wenn uns die Unternehmenspolitik einer Firma nicht mehr passt, denn dieses Unternehmen befindet sich im Index, den wir nachbilden. Als grösster ETF-Anbieter ist BlackRock automatisch ein langfristiger Investor und damit verpflichtet, Einfluss zu nehmen.

Der Verwaltungsrat von Shell hat die Macht von BlackRock zu spüren bekommen.
Der Verwaltungsrat von Shell hat die Macht von BlackRock zu spüren bekommen.Bild: keystone

Als grösster ETF-Anbieter ist BlackRock inzwischen auch sehr mächtig geworden. Wie gehen Sie mit dieser Macht um?
Die Industrie ist immer noch sehr fragmentiert und der Marktanteil von BlackRock befindet sich immer noch im einstelligen Prozentbereich. Wir sehen uns daher nicht als Machtzentrum, sondern als Treuhänder unserer Investoren. Deshalb sind wir auch dabei, Instrumente zu entwickeln, die unseren Kunden erlauben, sich direkt dazu zu äussern, wie wir uns an Generalversammlungen verhalten sollen. Unser grösstes Anliegen besteht darin, nicht nachhaltige Industrien nachhaltiger zu machen, und nicht einfach davonzulaufen.

Themenwechsel: Kryptowährungen stossen gerade bei jüngeren Anlegern auf immer grösseres Interesse. Es gibt bereits ETFs auf Krypton. Wie verhält sich BlackRock in dieser Frage?
Wir beobachten das natürlich intensiv. Bisher haben wir jedoch noch keine Produkte, die sich auf Kryptos beziehen.

Weshalb die Zurückhaltung?
Es gibt verschiedene Gründe. Vor allem ist der Wert einer Kryptowährung sehr schwierig zu bestimmen. Gerade die Werterhaltung ist jedoch eines unserer zentralen Anliegen.

Verpassen Sie da nicht eine Riesenchance bei den Millenials?
Wie erwähnt, wir beobachten die Situation. Doch es ist noch zur früh für Krypto-ETFs. Angesichts der nach wie vor grossen Kursschwankungen halten wir uns zurück. Interessant sind jedoch die Technologien im Hintergrund, die Blockchain und die Tokenisierung. Diese Technologien könnten auch bei uns bald eine tragende Rolle spielen.

«Der Handel und die Beratung werden zunehmend von künstlicher Intelligenz erledigt.»

Das aktuelle Modewort heute lautet De-Fi und steht für eine dezentralisierte Finanzordnung. Wie weit passen ETFs in eine De-Fi-Finanzwelt?
ETFs haben die Finanzwelt verändert, weil sie die Handelbarkeit vereinfacht haben. Sie haben das Investieren effizienter und günstiger gemacht. Blockchains und Tokens könnten vielleicht eine ähnliche Rolle spielen, sofern sie regulatorisch anerkannt werden.

Derzeit sind Kryptos und De-Fi sexy und in aller Munde. Besteht nicht die Gefahr, dass die ETFs dagegen bald alt aussehen?
Ich glaube, wir müssen das in eine Perspektive setzen. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Bei Aktien und Anleihen haben die ETFs wie erwähnt immer noch einen Anteil im einstelligen Prozentbereich. Die Kryptos befinden sich noch weit dahinter.

Trotzdem kann man auch in sehr seriösen Publikationen lesen, dass die Finanzwelt sich im Umbruch befindet und bald ganz anders aussehen wird.
Wie die Finanzmärkte der Zukunft aussehen werden, kann ich nicht sagen. Sicher wird die Transparenz eine grosse Rolle spielen. Das wird die Margen drücken und den Skaleneffekt beschleunigen. Vermögensverwalter müssen immer effizienter arbeiten, und das ist nur mit mehr Technologie möglich.

Was meinen Sie damit konkret?
Der Handel und die Beratung werden zunehmend von künstlicher Intelligenz erledigt. Investitionen und Anlagestrategien werden von Algorithmen beeinflusst. Ebenso wird die Handelbarkeit der Anlagen wichtiger.

Mit anderen Worten, das Zeitalter der genialen Financier, der Stockpicker mit ausgeprägtem Spürsinn für die richtige Aktie, ist vorbei? Warren Buffett & Co. werden von Algorithmen abgelöst?
Das richtige Portfolio, der richtige Risiko-Mix, wird entscheidend, nicht ein einzelner Supertreffer. Interessanterweise wird Investieren dadurch menschlicher.

Wie bitte? Obwohl künstliche Intelligenz das Ruder übernimmt, wird es menschlicher?
Ja, denn damit können die Investitionsprodukte auf die Bedürfnisse des Einzelnen angepasst werden. Jemand will für seine Pensionierung sparen, ein anderer ein Haus kaufen, der Dritte eine Weltreise machen, etc. All dies wird dank künstlicher Intelligenz möglich werden. Auch der Zugang zu den Kapitalmärkten wird viel breiter. Die modernen Technologien machen dort weiter, wo die ETFs begonnen haben.

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