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Die Geschäftsleitung von Oxygen at WorK: Manuel Winter, Erfan Haghighi, Joel Bloch und Rita Salathé (von links).
Die Geschäftsleitung von Oxygen at WorK: Manuel Winter, Erfan Haghighi, Joel Bloch und Rita Salathé (von links).
Interview

Zürcher Start-up will Büropflanzen mit KI kombinieren: «Pflanzen können zu uns sprechen»

12.09.2021, 11:1712.09.2021, 17:27

Büropflanzen werden oft lieblos in einen Topf mit künstlicher Erde gesteckt oder als Aschenbecher missbraucht. Übereifrige Mitarbeitende ertränken sie mit viel zu viel Wasser. Das muss nicht so sein. Kombiniert mit künstlicher Intelligenz können Büropflanzen das Klima im wahrsten Sinne des Wortes verbessern, die Produktivität und das Wohlbefinden der Mitarbeiter steigern und Energie sparen.

Das Zürcher Start-up-Unternehmen Oxygen at Work hat entdeckt, wie man Biologie und Hi-Tech im Büro sinnvoll miteinander verbinden kann – und dass nicht nur Menschen, sondern auch Pflanzen miteinander kommunizieren.

Der Sci-Fi-Film «Avatar» verbindet Naturverbundenheit mit Hi-Tech. Ist das auch das Ziel von Oxygen?
Manuel Winter: Ich habe den Film leider nicht gesehen, deshalb kann ich dazu nichts sagen. Aber grundsätzlich stimmt der Vergleich: Wir wollen die natürliche und die Hi-Tech-Welt miteinander verbinden.

Normalerweise werden diese beiden Welten als natürliche Feinde betrachtet. Der Bio-Gärtner und der Computer-Nerd haben – zumindest in unserem Vorstellungsvermögen – wenig gemeinsam.
Winter: Pflanzen haben sehr viel mit Maschinen gemeinsam. Warum das so ist, kann Ihnen Erfan Haghighi stundenlang erklären.

Leben mit der Natur in Einklang: die «Wilden» im Film «Avatar».
Leben mit der Natur in Einklang: die «Wilden» im Film «Avatar».
Bild: AP/20th Century Fox

Was ist Ihnen wichtiger? Die Ökologie oder die Technologie?
Winter: Beide sind gleich bedeutend. Sonst würde unser Konzept nicht funktionieren.

Zeit zu fragen: Was ist eigentlich Ihr Konzept?
Winter: Wir wollen eine Büroatmosphäre schaffen, in der sich die Menschen wohlfühlen. Pflanzen spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie sind nicht nur schön anzuschauen, kombiniert mit intelligenter Software können sie auch das Klima im wahrsten Sinne des Wortes verbessern und dabei Energie sparen. Wir besitzen das Knowhow, wie man das machen kann.

Das heisst, Sie besitzen gar keine Gärtnerei oder ein Gewächshaus?
Winter: Nein, wir besorgen die Pflanzen bei Gärtnereien. Wir stellen die Sensoren auf und errichten ein System, das die Gesundheit der Pflanzen überwacht und aufzeigt, wie der Büroraum, die Menschen und die Pflanzen miteinander agieren. Was wir bieten, ist eine Dienstleistung. Unsere Kunden bezahlen eine monatliche Flatrate und müssen sich um nichts kümmern.

«Wir benutzen Algorithmen, um die Pflanzen richtig auf einen Raum und die darin arbeitenden Personen abzustimmen.»

Warum braucht es diese Dienstleistung? Einer Pflanze gelegentlich Wasser zu geben ist ja nicht gerade Quantenphysik.
Rita Salathé: Es ist absolut zentral für das Konzept, dass sich diese Pflanzen stets in einem Top-Zustand befinden. Deshalb stehen sie in richtiger Erde und nicht in künstlichen Kugeln, wie sie früher oft verwendet wurden. Damit das alles richtig funktioniert, braucht es professionelle Gärtner-Hände.

Welche Rolle spielt die künstliche Intelligenz dabei? Sie wird in der Regel mit Robotern, nicht mit Pflanzen in Verbindung gebracht.
Winter: Möglicherweise weckt der Begriff künstliche Intelligenz falsche Vorstellungen. Wir benutzen Algorithmen, um die Pflanzen richtig auf einen Raum und die darin arbeitenden Personen abzustimmen. Wir legen fest, wann und wie oft man die Fenster zum Lüften öffnen darf, etc.

Erfan Haghighi: Lassen Sie mich zuerst klarstellen: Wir benützen keine Gen-Tech, wir verändern die Pflanzen in keiner Art und Weise.

Co-Founder Joel Bloch zeigt ein richtig bepflanztes Büro.
Co-Founder Joel Bloch zeigt ein richtig bepflanztes Büro.

Keine Frankenstein-Pflanzen, also.
Haghighi: Richtig. Wir errichten ein Kommunikationssystem. Auch Pflanzen kommunizieren, wie man inzwischen weiss. Über das Kommunikationssystem von Wäldern ist ja inzwischen viel geschrieben worden.

Ein Büro ist ja kein Wald.
Haghighi: Wir sind vor allem daran interessiert, wie Pflanzen mit ihrer Umwelt kommunizieren, vor allem mit ihrem Büro- Umfeld. Das können wir messen. Das gilt auch für die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit, etc. Aus diesen Daten können wir schliessen, wie gesund eine Pflanze ist und wie sie das Büroklima beeinflusst. Indem wir die Pflanzen mit Sensoren verbinden, geben wir ihnen – im übertragenen Sinne – eine Stimme. So können die Pflanzen zu uns sprechen. Diese Sprache zu verstehen ist nicht so einfach. Das ist ein weiterer Grund, weshalb wir die Pflege der Pflanzen in unsere Hände nehmen müssen.

Was dem Laien als eine zufällige Anordnung aus zufällig ausgewählten Pflanzen erscheint, ist also in Wirklichkeit ein hochkomplexes System?
Winter: Wir müssen die Pflanzen auf das Lüftungssystem, die Menschen, die Teppiche auf dem Boden und die Farbe anpassen. Indem sie Luftfeuchtigkeit abgeben und CO2 aufnehmen, tragen die Pflanzen ihren Teil zum Büroklima bei. Die einzelnen Teile wie etwa das Lüftungssystem haben die Spezialisten im Griff. Wir können dazu beitragen, wie man das gesamte Ökosystem eines Büros beeinflussen und steuern kann.

Hat dies einen messbaren Einfluss auf die Gesundheit und die Produktivität der Mitarbeiter?
Winter: Das zu quantifizieren ist nicht so einfach, aber wir versuchen es natürlich. So haben wir ermittelt, dass zwei von drei Personen sich entspannter fühlen, seit wir die Pflanzen in ihrem Büro aufgestellt haben. Sie gaben an, das Klima unter den Mitarbeitern habe sich signifikant verbessert. Was wir genau messen können, ist die Verminderung des Energieverbrauchs.

Hat einen soliden Businesscase: CEO Manuel Winter.
Hat einen soliden Businesscase: CEO Manuel Winter.

Sind die Mitarbeiter auch weniger krank?
Winter: Eine direkte Verbindung zu ziehen ist schwierig. Aber wir können uns das gut vorstellen. Und das ist sehr bedeutend. Verringert sich die Krankheitsabsenz in einem Betrieb auch nur um eine Stunde, hat dies bereits signifikante Auswirkungen auf die Kosten.

Es geht also nicht nur um das körperliche Wohlbefinden der Mitarbeiter, es geht auch um das finanzielle Wohlbefinden des Unternehmens.
Winter: Heutzutage können Sie nur mit soliden Business-Vorschlägen Erfolg haben. Aber warum nicht das Schöne mit dem Nützlichen verbinden? Wir wissen, dass gerade die Millenials Pflanzen lieben. Deshalb ist es auch sinnvoll, wenn sich Unternehmen diesem Wunsch anpassen.

Die Liste Ihrer Kunden liest sich ja wie ein Who is Who der Schweizer Wirtschaft: Credit Suisse, Microsoft, SRG, Lindt & Sprüngli, ABB. Sind Sie nur an den ganz Grossen interessiert?
Winter: Tatsächlich sind 80 Prozent unserer Kunden Grosskonzerne. Bei den Kleinen handelt es sich vorwiegend um Start-ups, welche mit den Grossen um die besten Talente konkurrieren wollen.

«Wir wissen, dass gerade die Millenials Pflanzen lieben. Deshalb ist es auch sinnvoll, wenn sich Unternehmen diesem Wunsch anpassen.»

Natürlich müssen wir nun über Covid sprechen. Hat das Ihrem Geschäft genützt oder geschadet?
Winter: Wir wissen noch nicht ganz genau, ob Covid ein Beschleuniger war oder nicht. Was wir wissen, ist, dass wir um 130 Prozent gewachsen sind. Aber vielleicht wären wir ohne Covid noch rascher gewachsen. Tatsache ist auch, dass die Pandemie bei allen Unternehmen bewirkt hat, dass sie sich Gedanken darüber machen, wie das Büro der Zukunft aussehen wird. Uns ist auch nicht entgangen, dass die Unternehmen in den nächsten Jahren grosse Anstrengungen unternehmen werden, ihre Büros neu zu gestalten. Selbstverständlich hoffen wir, dass wir dabei eine Rolle spielen werden.

Auch weil es Covid verhindern kann?
Haghighi: Wir preisen unsere Pflanzen nicht als Virus-Killer an. Wir haben jedoch Grund zur Annahme, dass wir mit der Verbesserung der Indoor-Qualität der Luft auch dazu beitragen können, dass sich das Virus nicht so rasch verbreiten kann.

Werden Sie Ihre Dienstleistungen bald ausweiten? Auf Restaurants beispielsweise oder gar auf Privatwohnungen?
Winter: Wir haben ein paar Projekte mit Hotels, aber derzeit sind 99 Prozent unserer Kunden Unternehmen.

Ist für das Gärtnerinnen-Handwerk zuständig: Rita Salathé.
Ist für das Gärtnerinnen-Handwerk zuständig: Rita Salathé.

Eine Frage an die Gärtnerin: Wie wohl ist es Ihnen in dieser Hi-Tech-Umgebung?
Salathé: Ich bin stolz darauf. Eine Pflanze ist ja schon für sich allein genommen Hi-Tech. Dank unserem System können wir nun ablesen, was sie wirklich bewirken. Mir macht es zudem grossen Spass, dass Wohlgefühl von der Natur in die Büros zu übertragen.

Mehr als 100 Prozent Wachstum, das schreit nach Nachahmern. Haben Sie schon Konkurrenz?
Winter: Es gibt kein konkurrenzloses Geschäft. Es gibt die traditionellen Anbieter, die Büros mit Pflanzen bestücken. Aber unsere Kombination ist meines Wissens bisher in der Schweiz einmalig.

Sind eigentlich auch die Pflanzen aus der Schweiz?
Salathé: Das geht leider nicht. Sie kommen aus der ganzen Welt, vor allem aus den Tropen. Es ist uns dabei gelungen, Zierpflanzen zu Nutzpflanzen zu machen. Damit erhalten sie auch einen ganz neuen Respekt in den Büros. Es kommt niemandem in den Sinn, Kaffee in ihre Töpfe zu schütten oder sie gar als Aschenbecher zu missbrauchen.

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quelle: keystone / jean-christophe bott
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