Affäre Moretti und der späte Alarm der Banken – Nationalrat verlangt Aufklärung
Warum kamen die Geldwäsche-Verdachtsmeldungen im Fall Crans-Montana erst, nachdem es zur Katastrophe gekommen war? Das will der Waadtländer Nationalrat Benoît Gaillard (SP) in einer Interpellation wissen, die er dieser Tage im Bundeshaus einreichen wird.
«Staunt auch der Bundesrat über die plötzlichen Meldungen verschiedener Banken einige Tage nach dem Brand», fragt Gaillard. Ob es zutreffe, dass diese Meldungen damals nicht auf neuen Elementen beruhten, «sondern lediglich auf einer – erstmals durchgeführten? – Analyse bereits vorhandener Informationen und Daten.»
Wenn ja, würde das heissen, dass die Banken zuvor bei den Morettis nicht besonders genau hingeschaut hatten.
Beim Brand in der Bar «Le Constellation» des Ehepaars Jacques und Jessica Moretti kamen 41 Menschen ums Leben, 115 wurden teils schwer verletzt. In den Tagen nach der Katastrophe gingen bei der Meldestelle für Geldwäscherei (MROS) im Bundesamt für Polizei mehrere Verdachtsmeldungen von Banken ein. Zuvor konnte in Frankreich vorbestrafte und als praktische mittellos geltende Barbetreiber während rund zehn Jahren ein kleines Imperium aufbauen.
Eine zentrale Frage lautet: Warum haben die Banken bei den Morettis nicht schon viel früher Alarm geschlagen, wenn doch offensichtlich etwas mit den Finanzen nicht stimmte?
In den Augen des Nationalrats verdichten sich die Indizien für mögliche Verbindungen zum organisierten Verbrechen. Er verweist darauf, dass laut Medienberichten bei Hausdurchsuchungen unter anderem eine Faustfeuerwaffe und Munition gefunden worden seien.
Fedpol S leitete im Zug der Bankmeldungen eine Untersuchung ein, wie kürzlich bekannt wurde. Sie stiess auf zahlreiche Auffälligkeiten und Ungereimtheiten. Im daraus resultierenden Fedpol-Bericht ist laut Medienberichten von Geldwäschereiverdacht und von Verdacht auf Vermögensdelikte die Rede.
Die Morettis sollen ein Schneeballsystem aufgebaut haben, so der Verdacht. Bankkrediten in Millionenhöhe lägen zweifelhafte, möglicherweise gefälschte Sicherheiten für diverse Immobilienkäufe zugrunde. Gaillard will unter anderem wissen, ob der Bundesrat den Fall als Beleg für Lücken in der Schweizer Gesetzgebung zur Geldwäschereibekämpfung ansieht.
Auch Frankreichs Finanzpolizei untersucht
Inzwischen ist auch die französische Finanzpolizei Tracfin auf der Spur des Ehepaars Moretti, wie der Fernsehsender France 3 berichtet. «Sie werden der Geldwäscherei verdächtigt.» Zwar gebe es derzeit keinerlei Bestätigung dafür, dass Jacques Moretti Gelder aus der korsischen Unterwelt gewaschen habe, betont der Sender. Aber Tracfin interessiere sich, aufgeschreckt durch den Schweizer Fedpol-Bericht, «für die Vermögenswerte von Jacques Moretti in Korsika».
Hier setzt auch Gaillard mit seinem Vorstoss an. Er will vom Bundesrat wissen, ob es im Zusammenhang mit dem Dossier Crans-Montana und der Bekämpfung der Geldwäscherei eine Zusammenarbeit mit Frankreich und Italien gibt.
Die Anwälte der Morettis reagierten zuletzt nicht auf Anfragen zur Sache von CH Media. Für alle Beschuldigten gilt bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung. (aargauerzeitung.ch)

