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Fedpol-Verweis auf Korsen-Clans: Mehrere Zufälle in Moretti-Umfeld

epa12726036 The owners of 'Le Constellation' bar in Crans-Montana, Jacques (L) and Jessica Moretti of France, arrive to a hearing before the public prosecutor of the canton of Valais, follow ...
Weiterhin viele Fragezeichen rund um ihr Geld: Jacques und Jessica Moretti auf dem Weg zu einer Befragung.Bild: keystone

Fedpol-Verweis auf Korsen-Clans – mehrere Zufälle um Moretti-Ziehsohn

Das Bundesamt für Polizei schliesst nicht aus, dass in Crans-Montana auch Gelder krimineller Herkunft gewaschen wurden. Erwähnt werden mögliche Verbindungspunkte zu korsischen Clans – allerdings ohne, dass konkrete Hinweise genannt werden.
11.03.2026, 06:1211.03.2026, 06:12
Henry Habegger
Henry Habegger

Der Fedpol-Bericht ist brisant. Wie mehrere Medien in den letzten Tagen berichteten, analysierte das Bundesamt für Polizei aufgrund von Geldwäsche-Verdachtsmeldungen der Walliser Kantonalbank und der UBS vom Januar 2026 die privaten und geschäftlichen Konten von Jacques und Jessica Moretti. Also dem Betreiberpaar der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana, wo es in der Neujahrsnacht zur Brandkatastrophe mit 41 Toten und über 100 Verletzten gekommen war.

Der watson-Bericht:

Fedpol stiess laut der «NZZ» auf ein «mutmasslich kriminelles Finanzkonstrukt, das mit einem Ponzi-Schema verglichen werden kann». Das Imperium der Morettis in der Schweiz beruhe «ausschliesslich auf der Vergabe mutmasslich unrechtmässig erlangter Kredite». Laut «Tages-Anzeiger» besteht gemäss Fedpol-Analyse der Verdacht auf ungetreue Geschäftsführung, Urkundenfälschung, Versicherungsbetrug, schwere Steuerdelikte und möglichen Sozialversicherungsbetrug.

Ponzi-Schema
Ein Ponzi-Schema ist ein betrügerisches Anlagesystem, das keine echten Gewinne erwirtschaftet. Renditen für frühere Investoren werden durch Gelder neuer Anleger finanziert, anstatt durch tatsächliche Gewinne. Der Betrüger gibt sich als genialer Investor aus, der hohe Renditen erzielt, wodurch er weitere Anleger anlockt. Es ist damit eine Art Schneeballsystem, bei dem der Betrüger jedoch nicht durch aktive Anwerbung neuer Teilnehmer Geld generiert, sondern indem er als Mittelsmann agiert. Benannt ist das Schema nach dem US-italienischen Betrüger Charles Ponzi, der in den 1920er-Jahren in den USA ein gewaltiges Kartenhaus mit Postscheinen schuf und damit Millionär wurde – ehe alles aufflog.

Ist aber auch Geldwäscherei im Spiel? Konkrete Hinweise darauf hat Fedpol offensichtlich nicht. Laut «Tages-Anzeiger» sprach Fedpol aber von Bewegungen auf Bankkonten mit ungewöhnlichen Merkmalen. Mehrfach seien Durchlaufkonten verwendet worden, was die Nachverfolgung der finanziellen Ströme erschwere. Zudem gebe es Bareinzahlungen, «die zwar nicht ungewöhnlich sind, jedoch nicht vollständig frei von einer möglichen kriminellen Herkunft erscheinen».

Wie die «NZZ» schreibt, bezog sich eine der Bankenmeldungen auf den Gesetzespassus zu Geldwäscherei und Vermögenswerten, «welche womöglich der Verfügungsmacht einer kriminellen Organisation unterliegen». Fedpol erwähne im Bericht Gruppierungen des organisierten Verbrechens auf Korsika, allerdings nur vage. So stelle die Bundespolizei fest, dass korsische kriminelle Organisationen im Unterhaltungsbereich (Bars, Restaurants, Kasinos) tätig seien und auch Moretti seit Jahren in der Schweiz und in Frankreich in diesem Sektor aktiv sei.

Auf welche Organisationen Fedpol anspielt, ist unklar. Es kann Zufall sein und muss nichts bedeuten: Aber Jean-Marc G., der Ziehsohn Morettis, deutete in sozialen Medien einst eine persönliche Verbindung zu einem mächtigen korsischen Familienclan an. Das zeigen Recherchen von CH Media.

Jean-Marc G. kommt eine zentrale Rolle in Morettis Umfeld zu. Moretti bezeichnet ihn als Ziehsohn und Vertrauten. Laut «Figaro» sagte er bei Befragungen durch die Walliser Justiz über G.: «Ich habe ihn seit dem Alter von elf Jahren bis heute grossgezogen.» Moretti übertrug ihm auch die Leitung seines liebsten Restaurants, dem «Vieux Chalet» in Lens bei Crans. Laut «Figaro» hält sich der Ziehsohn mittlerweile in Frankreich auf.

Erinnerungen an die «French Connection»

Der erwähnte Social-Media-Beitrag datiert von Ende 2016. Der Ziehsohn postete ihn aus seinem Geburtsdorf auf Korsika. Damals wurde dort ein religiöses Denkmal gesegnet. Im Post markierte er fünf Personen, mit denen er sich im Dorf aufhielt, darunter seine Mutter und sein Vater. Er taggte aber auch ein Geschwisterpaar aus der Familie F., die das Dorf seit Jahren politisch dominiert.

Facebook Moretti
Ein Facebook-Eintrag des Ziehsohns von Moretti.Bild: screenshot facebook

Die Familie F. hat eine bewegte Vergangenheit. In den internationalen Fokus geriet sie in den 1970er Jahren, als die USA die «French Connection» zerschlugen. Ein Onkel des Geschwisterpaars war laut amerikanischen Ermittlern einer der wichtigsten korsischen Paten und eine Leitfigur der «French Connection». Der Mann wurde deswegen nie angeklagt. Er bestritt die Vorwürfe stets.

Bei der «French Connection» handelte es sich um massgeblich von Korsen geprägte kriminelle Banden mit Zentrum in Marseille, die insbesondere die USA mit hochreinem Heroin überschwemmten. Seit dem Zweiten Weltkrieg standen die Korsen mit dem US-Geheimdienst CIA auf gutem Fuss, da sie die Alliierten unterstützt hatten. Auch nach dem Krieg unterstützte man sich gegenseitig: Amerikanische und französische Geheimdienste finanzierten Operationen teilweise mit Einnahmen aus dem Drogenhandel.

Ab Mitte der 1960er Jahre und verstärkt Anfang der 1970er-Jahre unter Richard Nixon drehte in den USA der Wind für die «French Connection». 1972 ging das «Time»-Magazin unter dem Titel «Das Milieu der korsischen Paten» auf eine Zeugenaussage vor einem Subkomitee des US-Senats im Jahr 1964 ein. F., «einer der korsischen Paten», sei «ein bekannter einstiger Kriegsheld, dessen Geschäftsinteressen das Casino-Business in Grossbritannien, Frankreich und dem Libanon umfassen». Gemeint war der Onkel des Geschwisterpaars aus der Familie F.

Angeblicher Pate 1982 in Paris erschossen

1968 sei dieser Pate beinahe bei einer Banden-Vendetta in einem Hinterhalt erschossen worden. Vier Monate später seien die Angreifer in einem Pariser Restaurant von Bewaffneten getötet worden. 1982 traf es auch den Patron der Familie F.: Der Abgeordnete der gaullistischen Partei und einstige Widerstandskämpfer wurde in Paris erschossen, als er seinen Jaguar parkieren wollte. Die Täter wurden nie gefasst.

Der Patron hinterliess ein Glücksspielimperium, das Brüder und Neffen weiterführten. Der Familie gehörten lukrative Spielclubs in Paris. Ob dort Geld gewaschen wurde, beschäftigte die Justiz: Der letzte dieser Clubs wurde 2014 wegen Verdachts auf Schwarzarbeit und Geldwäscherei geschlossen. Patron war damals jener F. aus dem korsischen Dorf, den Morettis Ziehsohn markiert hatte.

Ist diese Glücksspielwelt und die alte Verbindung zur «French Connection» einer der Hintergründe, auf die Fedpol anspielt? Möglich, aber offen.

Brisante Urteile in Marseille

Gerichtsfest ist, dass im vergangenen Jahr ein Sprössling der Familie F. in Marseille im Prozess gegen die korsische Mafiabande «Petit Bar» zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde. Laut dem TV-Sender France 3 leitete der Mann ein Familiencasino in Agadir (Marokko), bevor er vor der Justiz abtauchte. Ihm werden demnach schwere Geldwäscherei im Rahmen einer organisierten Vereinigung und Beteiligung an einer kriminellen Organisation vorgeworfen.

Der Mann ist laut Medienberichten der Cousin von Jacques Santoni, dem Boss der Petit-Bar-Bande. Im Kern ging es im Prozess in Marseille darum, dass die Bande über Strohleute und nahestehende Geschäftsleute Millionen in Immobilien im Wintersportort Courchevel investiert hatte. Verurteilt wurde auch ein wohlhabender korsischer Geschäftsmann, der in Genf lebte und sich nach Dubai absetzte. Dieser Mann stammt ursprünglich aus dem gleichen Dorf wie Morettis Vater. Auch das kann ein bedeutungsloser korsischer Zufall sein.

Morettis Ziehsohn G. (33) wiederum, der sein Profil auf Facebook kürzlich stark säuberte, gab 2013 an, in Agadir zu leben. Auch dies bloss ein korsischer Zufall? Ebenfalls der Umstand, dass der Vater des Ziehsohns vor Jahren angab, Manager eines Spielcasinos in Bulgarien zu sein?

Moretti-Anwalt hinterfragt Fedpol-Bericht

Sicher ist, dass dubioses korsisches Geld vor Jahrzehnten in Strömen in die Schweiz floss. Auch die Glücksspielfamilie F. deponierte unversteuerte Millionen auf hiesigen Konten. 2015 kamen nach einem Datenleck bei der Bank HSBC Millionen zum Vorschein. Das Geld gehörte offenbar dem Vater des in Marseille verurteilten Casino-Managers aus Agadir.

Die Anwälte der Morettis reagierten bis Redaktionsschluss nicht auf eine Anfrage von CH Media zum Fedpol-Bericht. Das Westschweizer Fernsehen zitiert einen von ihnen mit der Aussage, wonach die Geldwäscherei-Meldestelle keine Strafverfolgungsbehörde sei. In der Praxis führe «nur ein sehr kleiner Prozentsatz der Meldungen zu einer Verurteilung».

Es gilt die Unschuldsvermutung. (aargauerzeitung.ch)

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32 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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MadPad
11.03.2026 06:23registriert Mai 2016
Die Banken merken zufällig genau nach dem Brand, dass etwas mit den Konten nicht stimmt. Die Jahrzehnte davor haben sie entweder ihren Job nicht gemacht oder beide Augen zugedrückt.
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Gina3
11.03.2026 06:28registriert September 2023
Bevor die WeWo wieder zu schreien beginnt: „Alles ist die Schuld des Korsen“:
Die Mafia richtet sich in der Schweiz gemütlich ein, weil unser Parlament und unser Bundesrat ihr feierlich den roten Teppich ausrollen!
Siehe Gesetze gegen Geldwäsche: keine Kontrollen für Immobilientransaktionen unter 4 (5?) Millionen. (Im September 2025 im Parlament abgestimmt!!)
Diese Tragödie ist die Gelegenheit, darüber nachzudenken, was sich ändern muss!
Und tja: Große Kriminalität fällt nicht immer sofort auf! Sind nett und reich!!!
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Pontifax
11.03.2026 06:55registriert Mai 2021
Das ist ja schön, dass Verdachtsfälle bestehen. ABER: WAS hat man unternommen, nachdem der Verdacht aufgekommen ist? Hat man wieder mal nach Bundeshaus-Manier "beobachtet"?
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