Wirtschaft
Schweiz

Entlassungen und hoher Gewinn in Finanzbranche: Was hat KI damit zu tun?

ARCHIV --- ZUR STUDIE DER UNIVERSITAET ZUERICH ZUR FINANZBRANCHE STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILD ZUR VERFUEGUNG --- Menschen bewegen sich am Freitag, 24. Januar 2014, auf dem Paradeplatz in Zuerich.  ...
Viele Banken und Versicherungen entlassen derzeit Personal – und dies durchgehend bei gleichzeitig hohen Gewinnen.Bild: KEYSTONE

Entlassungen trotz hohem Gewinn: Was das mit KI zu tun hat

Grosse Unternehmen der Schweizer Finanzbranche überraschen dieses Jahr mit hohen Gewinnen, gleichzeitig werden aber zahlreiche Stellen abgebaut. Wie geht das zusammen? Und was hat künstliche Intelligenz wirklich damit zu tun?
13.09.2026, 10:2913.09.2026, 10:50

Die Finanz- und Versicherungsbranche ist keine, die man mit einer hohen Arbeitslosenquote assoziieren würde. Umso mehr erstaunt es, dass die Quote genau dort zurzeit aussergewöhnlich hoch ist. Und obwohl medial prominent, ist die UBS mit ihrer Credit-Suisse-Integration nicht alleine für diesen Umstand verantwortlich: Viele Banken und Versicherungen entlassen derzeit Personal – und dies durchgehend bei gleichzeitig hohen Gewinnen.

Wer baut Stellen ab?

Mehrere grosse Banken und Versicherungen haben im letzten oder im laufenden Jahr einen Stellenabbau verkündet. Es sind dies beispielsweise:

  • Raiffeisen: Die Bank baut bis zu 180 Stellen ab. Damit sollen die «Personal- und Sachkosten in der Zentrale» im kommenden Jahr um rund 60 Millionen Franken sinken. Gleichzeitig meldete Raiffeisen im ersten Halbjahr einen Gewinn, der knapp 19 Prozent über der Vorjahresperiode liegt.
  • UBS: Die Grossbank rechnet im Rahmen der Integration der Credit Suisse (CS) schweizweit mit 3000 Entlassungen, etwas mehr als die Hälfte davon ist bereits erfolgt. Zwar ist die UBS aufgrund der CS ein Spezialfall, doch auch hier steht der Stellenabbau in Kontrast zum verkündeten Gewinn, der in den ersten beiden Quartalen einmal mehr höher als erwartet ausfiel. Mit dem Gewinn tätigt die UBS grossangelegte Aktienrückkäufe, was den Aktienkurs stärken soll.
  • Helvetia Baloise: Nach der Fusion der beiden Versicherungsgesellschaften strebt die Gruppe eine höhere Eigenkapitalrendite an. Einen Grossteil der Effizienzsteigerungen will Helvetia über den Abbau von Jobs erreichen. Schweizweit sollen am Ende bis zu 1800 Stellen verschwinden.
  • Swiss Life: Die Versicherungsgesellschaft verkündete Anfang September die Streichung von 600 der knapp 11'000 Stellen. Der Abbau erfolge je etwa zur Hälfte in der Schweiz und im Ausland, ein Grossteil davon solle über die «natürliche Fluktuation» erfolgen. Auch Swiss Life überraschte mit einem hohen Gewinn im ersten Halbjahr, den der Versicherer um 8 Prozent steigern konnte. Vom Gewinn soll ein weiteres Aktienrückkaufprogramm lanciert werden.

Was vielen sauer aufstossen könnte, ist jedoch sogar für den Schweizerischen Bankpersonalverband SBPV verständlich. Angesprochen auf den Stellenabbau bei Raiffeisen zeigte sich SBPV-Präsident Michael von Felten gegenüber CH Media zwar jüngst noch verärgert: Die Art und Weise, wie der Abbau kommuniziert wurde, sei «schlechter Stil». Aber auch der Personalabbau bei Raiffeisen generell sei «problematisch»: «Er erfolgt ohne jede Not, zeitgleich mit einem Halbjahresgewinn, der höher liegt als im Vorjahr», so von Felten.

Gegenüber watson zeigt der SBPV jedoch grundsätzlich Verständnis für die Arbeitgeber in der Branche: «Hohe Gewinne und Stellenabbau sind nicht zwingend ein Widerspruch», sagt Natalia Ferrara, Vizepräsidentin und Verantwortliche Sozialpartnerschaft beim SBPV. «Schweizer Banken und Versicherungen stehen unter zunehmendem internationalen Wettbewerbs- und Kostendruck und müssen ihre langfristige Wettbewerbsfähigkeit sichern.» Ferrara appelliert aber auch an die Arbeitgeber und für eine langfristige Planung: «Wenn eine Transformation Jahre im Voraus geplant wird, müssen auch ihre Folgen für die Mitarbeitenden geplant werden.»

Hohe Arbeitslosenquoten

Hohe Gewinne sind erfreulich für die betroffenen Unternehmen und das Aktionariat – doch für die Angestellten zahlt das zumindest in diesem Jahr unter dem Strich nicht ein. Das Resultat der laufenden Stellenstreichungen ist in den Statistiken gut sichtbar: Die Finanz- und Versicherungsbranche weist eine vergleichsweise hohe Arbeitslosigkeit auf.

Im August verzeichnete das SECO schweizweit einen Anstieg von 22,2 Prozent an arbeitslosen Bankerinnen und Bankern gegenüber August 2025. Bei den Versicherungen sind es gar fast ein Viertel Arbeitslose mehr.

Dabei ist wichtig zu beachten, dass in derselben Zeit, in der Stellen abgebaut auch stets neue geschaffen werden. Allerdings geschieht dies derzeit nicht im selben Umfang wie die Entlassungen: Wie die Nachrichtenagentur AWP berichtet, ist die Situation für Stellensuchende, gerade für Bankangestellte deutlich schwieriger geworden: Das Stellenangebot liegt heute ein Drittel tiefer als noch vor drei Jahren. Die Arbeitslosenquote von Personen, die bei einer Bank angestellt sind oder waren, ist mit 3,6 Prozent im historischen Vergleich, aber auch verglichen mit der Gesamtwirtschaft, ausgesprochen hoch.

Wo werden die Stellen abgebaut?

Dass gleichzeitig Stellen abgebaut werden und viel Gewinn gemacht wird, ist auch laut Arbeitsmarktökonom Michael Siegenthaler nichts Neues: «Es ist normal, dass sich grosse Unternehmen ihren Eigentümern, also den Aktionären, ausrichten und besonders rentabel sein wollen.» Effizienzprogramme und das Ausrichten auf neue Marktbegebenheiten könnten auch erfolgen, wenn es dem Unternehmen gerade gut läuft, so Siegenthaler. «Innerhalb eines grossen Unternehmens kann es Bereiche geben, die gut laufen, und solche, wo es schlecht läuft. So können Gewinne und Stellenabbau in unterschiedlichen Bereichen erfolgen.»

Besonders gut lief es im letzten sowie bis jetzt in diesem Jahr den meisten Banken und Versicherungen im Bereich der Vermögensverwaltung. Gewachsen ist zudem das Geschäft mit Kommissionen und Dienstleistungen. Beim Versicherer Swiss Life etwa steuerte das Geschäft mit Finanzberatungen, Vorsorgeprodukten und der Vermögensverwaltung massgeblich zum Gewinn im ersten Halbjahr bei.

Das Herz des Schweizer Finanzplatzes, der Zürcher Paradeplatz (Archivbild).
Das Herz des Schweizer Finanzplatzes: der Zürcher Paradeplatz.Bild: KEYSTONE

Der Stellenabbau dürfte hingegen in anderen Bereichen anfallen: im sogenannten Backoffice und der Verwaltung. So heisst es bei Swiss Life, der Abbau werde primär Stellen im Innendienst treffen. Und man habe «interne Reportings, die wir dank der Digitalisierung effizienter machen können», sagte CEO Matthias Aellig gegenüber den Medien. Die Berater müssten sich hingegen keine Sorgen machen, wie das Unternehmen betonte.

William Andreae-Jones ist «Head of Geneva» beim Personalvermittler Robert Walters in der Schweiz und kennt die Finanzbranche seit Jahrzehnten. Er erklärt, es geht um «redeployment of cash»: eine Umverteilung von Geldmitteln. «Kann ein Unternehmen durch seine Geschäftstätigkeit Geld sparen und effizienter arbeiten, gibt es dieses Geld in der Regel für etwas aus. Ja, ein Teil davon fliesst derzeit an die Aktionäre. Aber es wird auch in Wachstumsbereiche investiert», so Andreae-Jones. «Denn wenn Unternehmen nicht wachsen, schrumpfen sie.»

Was heisst das für den Arbeitsmarkt? «Jobs auf der Einstiegsebene verschwinden eher. Das zeigt sich auch bei der UBS: Während die Bank in der Schweiz insgesamt Stellen abbaut, hat sie gleichzeitig angekündigt, im asiatisch-pazifischen Raum zusätzliche Kundenberater einzustellen.» Das Gleiche gelte in Bezug auf Kundenberater für die Deutsche Bank, die derzeit in der Schweiz expandieren will, sagt Andreae-Jones.

Was hat KI damit zu tun?

Das nährt den Verdacht, dass der Stellenabbau auf die zunehmende Anwendung von künstlicher Intelligenz zurückzuführen ist – schliesslich existieren in der Finanz- und Versicherungsbranche viele Jobs, die durch KI als bedroht gelten.

«Die Digitalisierung spielt sicher eine Rolle, aber sie wird manchmal auch überschätzt», sagt Ulrich Krämer. Der Deutsche ist Strategiechef bei Hays, einem weiteren Personalvermittler, und glaubt: «Die meisten Unternehmen sind gar noch nicht so weit, dass sie komplette Stellen eins zu eins aufgrund von KI streichen würden.» Es gehe bislang vielmehr darum, den Angestellten die nötigen Tools näherzubringen und die Zusammenarbeit zwischen KI und Mensch zu stärken. «Viele Unternehmen haben derzeit noch Mühe, das richtig in die Belegschaft zu integrieren – dass die Leute überhaupt stringent und täglich die vorhandenen Optionen nutzen und dadurch auch effizienter werden.»

Natürlich gebe es derzeit auch viele Effizienz- und Kosteneinsparungsprogramme, so Krämer: «Man will das Ergebnis optimieren, Kosten reduzieren und in diese Überlegungen spielen die Digitalisierung und KI definitiv rein.» Er weist aber darauf hin, dass der Stellenabbau in der Schweiz zu einem Grossteil auf Fusionierungs-, Restrukturierungs- oder Integrationsprojekte zurückzuführen sei.

Dem stimmt Natalia Ferrara vom Bankpersonalverband zu. Sie sagt zudem, Entlassungen aufgrund von KI liessen sich nicht einfach so beziffern. Und: «Die Auswirkungen von KI auf die Beschäftigung dürften erst am Anfang stehen. Sie zeigen sich zudem nicht nur in Entlassungen, sondern möglicherweise auch darin, dass freiwerdende Stellen nicht mehr besetzt oder weniger neue Stellen geschaffen werden.»

Man befinde sich am Anfang eines tiefgreifenden Strukturwandels, sagt die SBPV-Vizepräsidentin. «Die Informatik hat das Banking in den letzten 30 Jahren fundamental verändert.» Mit KI könne eine vergleichbare Transformation in wesentlich kürzerer Zeit stattfinden.

Was bedeutet das für die Branche?

Was heisst das für die Finanz- und Versicherungsbranche? William Andreae-Jones ist überzeugt, dass der Faktor Mensch entscheidend bleibt: «In der Finanzbranche ist der vertrauenswürdige Kundenkontakt wichtig. Und auch eher repetitive Aufgaben brauchen heute noch immer einen Menschen, der den Prozess überwacht.» Seine Firma sei noch nie von einem Kunden beauftragt worden, spezifisch im Zusammenhang mit KI eine Stelle zu besetzen. «Ganz im Gegenteil: Sie müssen jemanden finden, der die Aufgaben präzise entsprechend ihren Vorstellungen ausführt.»

Auf der anderen Seite, bei Angestellten oder Jobsuchenden, gilt: sich weiterzubilden, ist unerlässlich. Ulrich Krämer von Hays glaubt: «Wer sich dem komplett verweigert, bleibt irgendwann stehen.» Für die Unternehmen bleibe gerade in der Finanzbranche besonders interessant, wer zwei Dinge vereine: Fachwissen und «die technologische Komponente» – also der Umgang mit KI. Sie suchen laut Krämer zudem vermehrt flexible Anstellungen: zum Teil befristete Verträge, also Leute, die auf spezifischen Projekten arbeiten, und das Unternehmen wieder verlassen, sobald das Projekt beendet ist.

Trotzdem: Die Arbeitslosenzahlen sind real – und auch in weiteren, noch unbekannteren Statistiken erkennbar. KOF-Ökonom und Arbeitsmarktexperte Michael Siegenthaler sagt: «Die Finanzbranche ist nicht alleine. Die Situation von Hochqualifizierten hat sich verschlechtert, mitunter aufgrund von KI. Das sieht man derzeit besonders gut in der Statistik der arbeitslosen Hochschulabgänger.» Tatsächlich hat die Arbeitslosigkeit gerade bei Menschen, die frisch von einer Schweizer Uni oder Hochschule kommen, signifikant zugenommen. Laut Siegenthaler gibt es eine Korrelation zwischen den Branchen mit der höchsten Arbeitslosigkeit bei Hochschulabgängern und denjenigen Branchen, deren Jobs am stärksten der künstlichen Intelligenz ausgesetzt sind.

«Das ist keine Apokalypse, wie es sie Anthropic-Chef Dario Amodei oder Elon Musk prophezeit haben. Aber die Arbeitslosigkeit von Hochqualifizierten hat sich klar erhöht.»

Genau das wird aber zum Problem werden für die Unternehmen, ist sich William Andreae-Jones sicher: «Am Ende werden sie deutlich weniger qualifizierte Angestellte haben, wenn sie das nicht angehen. Wir können uns langfristige Arbeitslosigkeit bei jungen Menschen nicht leisten – sie sind die Zukunft von morgen.»

Und Siegenthaler fügt noch einen weiteren Aspekt hinzu, der in seinen Augen bislang zu wenig Aufmerksamkeit bekam: die Kosten für den Sozialstaat. «Die Arbeitsmarktpolitik ist nicht gut vorbereitet auf die Arbeitslosigkeit von Hochqualifizierten. Sie ist ungleich kostspieliger, da diese Leute in ihrem letzten Job meist viel verdienten. Dieses Thema fängt erst an, uns zu beschäftigen.»

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126 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Pointless Piraña
13.09.2026 10:41registriert Dezember 2019
Gewinne werden privatisiert, Kosten auf die Allgemeinheit abgewälzt, wie immer im Kapitalismus.
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Hans G. Muster
13.09.2026 10:38registriert Januar 2024
genau so, wie die produktivitätssteigerung seit der industrialisierung vor allem den bonzen zu gute kam, nicht der arbeitenden bevölkerung…
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banda69
13.09.2026 10:42registriert Januar 2020
«Die meisten Unternehmen sind gar noch nicht so weit, dass sie komplette Stellen eins zu eins aufgrund von KI streichen würden.»

NOCH. Das ist das wichtigste Wort im ganzen Artikel.

Und ja, es wird noch ein mancher bereuen, der das BGE (Bedingungsloses Grundeinkommen) auf Anraten von SVP (wer den sonnst?) und Konsorten abgelehnt hat.
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