Wirtschaft
Schweiz

Studie: Auch Männer werden am Arbeitsmarkt diskriminiert

«Männer, die eine Teilzeitstelle wollen, erscheinen Rekrutierenden als suspekt»

Stereotypen, verfestigte Rollenbilder: Wenn Männer ihnen nicht entsprechen, werden auch sie bei der Jobsuche benachteiligt. Für den Gewerkschaftsbund hat das keine Priorität, aus gutem Grund.
08.09.2021, 07:1108.09.2021, 08:55
Niklaus Vontobel / ch media
Sind Arbeitgebern suspekt: Männer, die nicht nur Haupternährer der Familie sein wollen.
Sind Arbeitgebern suspekt: Männer, die nicht nur Haupternährer der Familie sein wollen.Bild: Shutterstock

Zwei Prozent mehr Lohn sollen es sein. Mit dieser Forderung geht der Schweizerische Gewerkschaftsbund in die nächsten Lohnverhandlungen, wie er gestern bekannt gab. Hoch oben auf der Liste steht auch wie schon seit Jahren: Der Lohnrückstand der Frauen müsse weg. Frauen würden immer noch 19 Prozent weniger verdienen als Männer. Zur Diskriminierung von Männern sagte der Gewerkschaftsbund dagegen nichts. Dabei gibt es sie.

Das zeigt eine Studie der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, verschickt wenige Tage vor der Pressekonferenz des Gewerkschaftsbundes. «Männer, die eine Teilzeitstelle wollen, erscheinen Rekrutierenden offenbar als suspekt», schreibt Studienautor Daniel Kopp. Sie würden dem traditionellen Männerbild widersprechen, demzufolge sie der Haupternährer zu sein haben. Darum würden sie von Rekrutierenden abgestraft, seltener kontaktiert. Absicht muss das nicht sein. Kopp: «Es kann sich um eine unbewusste Reaktion handeln.»

Klischees sind in der Arbeitswelt allgegenwärtig

Die Studie passt ins Bild, was auch die Schweizer Harvard-Ökonomin Iris Bohnet zeichnet. «Verfestigte Rollenbilder, wir können auch von Klischees sprechen, sind im beruflichen und privaten Alltag allgegenwärtig. Niemand ist frei davon», erklärte sie ihre Forschung in einem Interview.

«Erfahren wir das Geschlecht einer Person, werden automatisch Rollenbilder aktiviert. Das führt zu Ungleichbehandlungen, auch wenn diese gar nicht beabsichtigt sind.»
Die Schweizer Harvard-Ökonomin Iris Bohnet.
Die Schweizer Harvard-Ökonomin Iris Bohnet.Bild: zvg

So würden etwa Männer wie Frauen tendenziell in Berufen diskriminiert, die vom anderen Geschlecht dominiert werden. Im Falle von Männern seien es Berufe wie Pfleger oder Kindergärtner. Dort passt das stereotypische Männerbild nicht zu jenen Eigenschaften, die für diese Berufe als erforderlich gelten. Normen würden verletzt, wie Bohnet sagt. «Das missfällt den Menschen generell.»

Das kann üble Folgen haben, für Männer wie für Frauen. «Wegen unserer Vorurteile reagieren wir auf beruflich erfolgreiche Frauen ähnlich wie auf unehrliche Männer: Wir mögen sie nicht, und wir wollen lieber nicht mit ihnen arbeiten.» Was Männern passieren kann, zeigt nun die KOF-Studie. Wenn sie nicht Vollzeit arbeiten wollen, signalisieren sie damit, nicht der «Haupternährer» sein zu wollen, und machen sich bei Rekrutierenden suspekt. Sie werden gar nicht erst kontaktiert.

Es genügt, nur 90 Prozent arbeiten zu wollen – und schon ist man dem Rekrutierenden suspekt. Da war es zweitrangig, was sie für eine Ausbildung oder auch Arbeitserfahrung vorweisen konnten: Sie wurden gleich viel weniger oft kontaktiert. Und sie wurden viel seltener kontaktiert als Frauen, die gleich viel arbeiten wollten.

Zu diesem Schluss kam KOF-Ökonom Kopp, als er einen gewaltigen Datenberg ausgewertet hatte: die digitalen Spuren, die über 43'000 Personalverantwortliche hinterlassen hatten auf der Online-Arbeitsmarktplattform des Staatssekretariats für Wirtschaft. Sie klickten sich durch die Profile von mehr als 200'000 Stellensuchenden und entschieden sich dabei vier Millionen Male für oder gegen Kandidatinnen oder Kandidaten.

Die Gewerkschaften winken ab

Die Diskriminierung zementiert traditionelle Geschlechterrollen: Frau macht Hausarbeit, Mann bringt Geld heim. Denn Männer würden daran gehindert, ihr Arbeitspensum zu senken und mehr Hausarbeit zu übernehmen. Ist das so, können die Frauen nicht mehr Geld nach Hause bringen. Und es bliebe dabei: Bezahlte und unbezahlte Arbeit ist sehr ungleich verteilt auf die Geschlechter in der Schweiz. Frauen erledigen 60 Prozent der unbezahlten Arbeit, Männer etwa 60 Prozent der bezahlten Arbeit. KOF-Autor Kopp: «Will man das ändern, müssten auch die Unternehmen umdenken.»

Daniel Lampart, Chefoekonom und Sekretariatsleiter SGB, spricht waehrend einer Schweizerischer Gewerkschaftsbund (SGB) Medienkonferenz ueber die Lohnforderungen der Gewerkschaften fuer 2022, am Dienst ...
Daniel Lampart, Chefökonom und Sekretariatsleiter des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB).Bild: keystone

Eine solche Studie müsste den Gewerkschaften gelegen kommen. Doch Daniel Lampart, Chefökonom beim Gewerkschaftsbund, winkt ab. Wie Arbeitgeber ihre Mitarbeitenden auswählen, steht nicht weit oben auf der Prioritätenliste. «Es braucht nicht nur Stellen, sondern man muss sich auch beruflich weiterentwickeln können.» Das sei bei Pensen um 50 Prozent nicht gewährleistet.

Aufgrund von Umfragen, Diskussionen und Beschlüssen der Mitgliederverbände halte man ein anderes Problem für weit wichtiger: Die Kinderbetreuung sei vielerorts zu teuer und zu wenig ausgebaut. Arbeiten Frau und Mann nur 50 Prozent, sei in manchen Städten die Miete nicht mehr finanzierbar. Lampart sagt darum: «Die Kinderbetreuung muss besser und bezahlbarer werden. Männer und Frauen sollten beide zu 70 oder 80 Prozent arbeiten können.» (aargauerzeitung.ch)

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