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«Alten und Reichen vorbehalten»: Wie jungen Familien der Traum vom Häuschen entglitten ist

Sie würden kaum mehr erstellt, vermehrt abgebrochen: Eine neue Studie des Bundesamts für Wohnungswesen erklärt, wer und was den Traum vom Einfamilienhaus gestohlen hat.

Niklaus Vontobel / ch media



Schon damals war der grosse Traum in weite Ferne gerückt. Im Jahr 2017 sagte der Chef beim Immobilienberater Iazi: «Für junge Paare ist der Zug zum Eigenheim abgefahren.» In Coronazeiten ist endgültig jede Hoffnung entschwunden.

All die Gründe dieser grossen Desillusionierung werden nun im Detail nacherzählt: im Monitor «Personenfreizügigkeit und Wohnungsmarkt», den das Bundesamt für Wohnungswesen neu veröffentlicht hat. Und das Bundesamt nennt überraschend klar, wer und was den jungen Familien ihre geliebten Eigenheimträume geraubt hat.

Ein Einfamilienhaus reiht sich an das naechste in Buchs, Kanton St. Gallen, aufgenommen am Freitag, 5. November 2010. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Einfamilienhaus an Einfamilienhaus: Buchs SG. Bild: KEYSTONE

Doch zuerst wird das ganze Ausmass der Desillusionierung beschrieben. «Für kapitalschwache Familien ist der Einstieg unmöglich geworden», heisst es in der Studie. Und «kapitalschwach» das sind die allermeisten jungen Familien, sofern sie nicht erben. Der Befund sei eindeutig, so die Studienautoren, und könne «etwas plakativ» so zusammengefasst werden:

«Wohneigentum ist zunehmend den Alten und Reichen vorbehalten.»

Und wer sich weigert, die Hoffnung aufzugeben, muss mit einer tristen Realität fertig werden: Einfamilienhäuser, dieser Inbegriff des Traums vom Eigenheim, sind kaum mehr zu haben. «Absolute Mangelware» sind sie mittlerweile, so die Studie. Und was das bedeutet, zeigt sich in einer Grafik (weiter unten) und wird gnadenlos ausgedeutscht: «Das Einfamilienhaus wird kaum mehr erstellt, vermehrt abgebrochen und wer es hat, gibt es nicht her, sondern vermietet es.»

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grafik: ch media

Wer oder was hat den Einfamilienhaus-Traum in weite Ferne rücken lassen? Es gibt sozusagen eine Reihe von Schuldigen, jeder von ihnen hat den Traum ein Stückchen weiter weg geschoben.

Der erste Schuldige ist die globale Schwemme an billigem Geld. Irgendwo muss dieses Geld investiert sein, doch die Flut ist zu immens: Wo auch investiert wird, die Zinsen sind rekordtief. Egal ob Staatstitel, Anleihen von Unternehmen oder auch Hypotheken - überall werden in sämtlichen Industriestaaten rekordtiefe Zinsen bezahlt. In der Schweiz musste die Nationalbank ihre Leitzinsen gar unter null setzen. Als Folge der Schwemme kommt es regelmässig zu Zyklen von Boom und Crash, an Aktienbörsen oder an Immobilienmärkten.

Die verzweifelten Investoren flüchten sich in Immobilien. Wiederum ist in den meisten Industriestaaten dasselbe Phänomen zu beobachten: Immobilien werden teuer, teurer, nochmals teurer. In der Schweiz geht es schon zwei Jahrzehnte so. Teuerung abgezogen, und die Preise sind heute 89 Prozent höher. Damit hat der schweizerische Boom ähnliche Dimensionen erreicht wie ein berühmt-berüchtigter Vorgänger: der Immobilien-Hype in den USA, auf welchen 2008 die Finanzkrise folgte.

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Bild: ch media

Bei solch himmelhohen Preisen ist an sich klar: Die allermeisten jungen Familien können nicht mithalten. Auch ein «sehr gutes Einkommen» reiche schon lange nicht mehr, ohne Vermögen gehe wenig, heisst es in der Studie. Daran werde sich auch nichts ändern, solange das «makroökonomische Umfeld» bleibe, wie es ist.

Und die Investoren lieben heute Mietwohnungen. Die werfen monatlich etwas Geld ab. Einfamilienhäuser dagegen mögen sie nicht mehr. Sie wollen sie nicht länger bauen und verkaufen. Das bringt nur wieder haufenweise Geld, mit dem sie nicht wissen, was sie tun sollen. Der Liebesentzug der Investoren tut dem Einfamilienhaus nicht gut. Seit 2007 kommen ständig weniger davon auf den Markt. Zuletzt sind es dreimal weniger gewesen. Zugleich wird es öfter abgerissen: doppelt so oft (siehe Grafik). Darum heisst es in der Studie:

«Einfamilienhäuser sind absolute Mangelware.»

Und doch: Wohneigentum wurde ständig noch teurer. Warum eigentlich? Wer kauft noch, wenn längst gekauft hat, wer konnte, und die Preise sich dermassen entkoppelt haben? Wer hat den Traum vom Eigenheim zuletzt noch weiter in die Ferne rücken lassen?

Die Antwort lautet gemäss Studie: «Anlegende Käufer». Das sind Menschen, die etwas Vermögen haben, und glauben, etwas damit tun zu müssen. Der Bank wollen sie es nicht geben. Die verlangen «Guthabengebühren» oder «Gebühren für die Liquiditätshaltung». So liegt die Idee nahe, Wohnungen zu kaufen, um sie zu vermieten. «Buy-to-let» nennen es Fachleute und schon vor Jahren gaben sie dazu Warnungen ab wie diese:

«Wer eine Immobilie kauft, der muss an die nächsten zehn oder gar 20 Jahre denken. Da kann viel passieren.»

Die Warnungen haben nicht viel bewirkt. Mittlerweile sind es viele an der Zahl, die alle «Buy-to-let» für sich entdeckt haben, als vermeintlich krisenfestes Investment. Die Studienautoren haben Inserate ausgewertet, in denen eigentliche Eigentumswohnungen zur Miete ausgeschrieben werden. Und diese Zahlen zeigen: «Buy-to-let» wurde in kürzester Zeit zu einem festen Bestandteil des Immobilienbooms. Bevor Corona den Aufschwung etwas bremste, gab es eine Verdreifachung.

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Bild: ch media

Einen kleinen Trost gibt es. Es war schon schlimmer, heisst es in der Studie. 1990 war Wohneigentum knapper, noch unerschwinglicher. Der Anteil der Haushalte, die Wohnraum besassen, war geringer. «Die aktuelle Knappheit ist in ihrem Ausmass nicht neu, sondern ein Déjà-vu.» Somit täusche der erste Blick, es sei alles weniger besorgniserregend. Allzu tröstlich ist diese historische Sicht nicht. Noch im Jahr 2013 sei Wohneigentum eher erreichbar gewesen, so die Studie. Erst danach wurde es knapper und schliesslich nahezu unerreichbar. Experten mit Flair für das Dramatische sprechen vom «Fluch der späten Geburt».

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