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epa08298698 A closed cafe, in Chur, Switzerland, 16 March 2020. The local government of Grisons has decided to take further measures because of the Covid-19 coronavirus. Shops and restaurants must be closed as of 12 noon today.  EPA/GIAN EHRENZELLER

Geschlossenes Café in Chur. Bild: EPA

Analyse

Lassen wir die Kleinen hängen?

Mit rund 42 Milliarden Franken will der Bund die Schweizer Wirtschaft vor einem Zusammenbruch bewahren. Doch die kleinen Selbstständigen kommen dabei schlecht weg.



Glauben wir den Ökonomen der Credit Suisse, wird bald alles wieder gut. Sollte im Sommer das Coronavirus wieder verschwunden sein, werden wir bald zur Normalität zurückkehren. Claude Maurer, Leiter der Makroanalyse bei der CS, spricht von einer «schiefen V-Kurve», will heissen: Die Schweizer Wirtschaft wird nach einer kurzen Verzögerung wieder zu Hochform auflaufen.

Basis für die optimistische Prognose der Bankanalysten ist das Fiskalprogramm des Bundes. Es umfasst insgesamt rund sechs Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) und füllt damit die Lücke, welche die Virus-Krise reisst und noch reissen wird.

Ingesamt werden wir somit mit einem blauen Auge davonkommen: Gemäss CS-Studie wird das BIP im laufenden Jahr zwar um 0,5 Prozent einbrechen, im nächsten Jahr wird es bereits wieder um 2 Prozent wachsen.

Selbst für Bankökonomen ist dies eine erstaunlich optimistische Sicht. Zum Vergleich: Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) rechnet mit einem Einbruch von 1,3 Prozent für 2020.

Glauben wir Jaqueline Badran, ist gar nichts gut. Die Zürcher Unternehmerin und SP-Nationalrätin schimpft wie ein Rohrspatz: «Die Banken machen ein Bombengeschäft, die kleinen Selbstständigen gehen pleite.» Worum geht es?

In der Schweiz gibt es rund 110’000 kleine Selbstständige. Das umfasst alles, vom Coiffeurmeister über den Handwerker bis zum Pilates-Studio. Diese können nun via Banken ein Darlehen von bis zu 500’000 Franken beantragen. Die Banken können dabei einen noch zu bestimmenden Zins verlangen – wahrscheinlich wird er unter einem Prozent liegen –, ohne dafür ein Risiko zu tragen. Der Bund haftet vollumfänglich.

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Fordert mehr Hilfe für die Selbstständigen: Jaqueline Badran.

Dieser Kredit ist gemäss Badran reine Augenwischerei. «Das nützt nichts. Dann gehen diese Betriebe einfach zwei, drei Monate später pleite», sagt sie.

Unterstützung erhält sie dabei vom grünliberalen Berner Nationalrat Jürg Grossen. Gegenüber der NZZ erklärte dieser, die Obergrenze der vorgesehenen Liquiditätshilfen von jeweils 10 Prozent des Jahresumsatzes seien «wohl zu tief», wenn die Krise mehr als ein, zwei Monate dauere. Auch das zugesicherte Grundeinkommen von 3320 Franken hilft da nicht weiter.

Badran und Grossen fordern daher vom Bund, dass er nachbessere. Dass er beispielsweise einen Mieterlass für von Corona geschädigte Betriebe erlasse.

Dass die Massnahmen des Bundes bei den Kleinen weniger wirken, bestätigt auch der CS-Ökonom Maurer. «Sie müssen die grössten Opfer bringen», sagt er, verweist aber auch auf die zahlreichen Spezialtöpfe im Massnahmenpaket.

Es geht nicht nur um die Höhe der Darlehen. Es ist ein Streit darüber im Gange, ob Darlehen der richtige Weg seien. Wäre es nicht einfacher und sinnvoller, den Corona-geschädigten Betrieben direkt unter die Arme zu greifen?

Selbst der Präsident der Finanzdelegation des Parlamentes, der Zuger CVP-Ständerat Peter Hegglin, erklärt gemäss NZZ, dass der Bund in einer späteren Phase «vielleicht auf eine Rückzahlung verzichten werde».

Beatrice Weder di Mauro, Mitglied des deutschen Sachverstaendigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, haelt ihr Referat mit dem Titel

Fordert unkonventionelle Massnahmen: Beatrice Weder di Mauro. Bild: KEYSTONE

Nach Meinung prominenter Ökonomen wäre es daher sinnvoll, nicht Darlehen zu gewähren, sondern direkt Cash zu verteilen. Beatrice Weder di Mauro, die bekannteste Schweizer Ökonomin, teilt diese Ansicht. Sie ist derzeit President of the Centre for Economic Policy Research.

Weder di Mauro hat bereits zwei E-Bücher zu den wirtschaftlichen Folgen des Virus mitverfasst. In der «Financial Times» spricht sie sich klar für direkte Cash-Zahlungen aus, mit der Begründung:

«Hätte dir noch zu Weihnachten jemand gesagt, dass im kommenden Jahr alle entwickelten Länder von einem symmetrischen Schock getroffen werden, und dass uns das für einige Monate bis zu 50 Prozent des BIP kosten werde […], Dinge, die sonst nur in Kriegen passieren, dann hätten alle gesagt: Du spinnst. Niemand konnte sich so etwas vorstellen.»

Um diesen Schock aufzufangen, reicht ein Vorgehen nach den gängigen Lehrbüchern der Volkswirtschaft nicht mehr aus. Die Schweiz kann zwar dank den automatischen Stabilisatoren und der erfolgreichen Anwendung für die Zuwendungen für Kurzarbeit vorläufig auf Helikoptergeld verzichten.

Geht es um die Unterstützung der Selbstständigen, sind Formalismus und Knausrigkeit fehl am Platz. «Die Unterscheidung von Fiskal- und Geldpolitik [Fiskalpolitik = monetäre Massnahmen des Bundes, Geldpolitik = Massnahmen der Notenbank, Anm. d. Verf.] fällt weg», so Weder di Mauro. «Im Krieg fallen die verschiedensten Unterscheidungen weg.»

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