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SDA SOMMERSERIE:
Schulhaus in Movelier am Dienstag, 17. Juni 2008. In den gemischten Klassen gehen deutschsprachige Kinder aus dem Dorf Ederswiler ueber die Sprachgrenze hinweg zur Schule. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Technische Berufe stehen nicht oben in der Hitliste der Kinder. Bild: KEYSTONE

Interview mit Kinder- und Jugendpsychologe

Interview

«Kinder und Jugendliche werden mit Fiktionen überschwemmt» 

Zu wenig Interesse an technischen Berufen: Ein Kinder- und Jugendpsychologe erklärt, warum.

Stefan Schmid / Aargauer Zeitung



Ein Artikel der

Herr Gehrig, viele Firmen beklagen zu wenig Nachwuchs in den MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Warum dieses Desinteresse? 
Leo Gehrig: Das ist schwer zu sagen und hat vermutlich viele, auch gesellschaftliche Gründe. Aus Gesprächen mit jungen Menschen höre ich heraus, dass sich viele von ihnen von einem pädagogischen, therapeutischen oder andern sozialen Beruf ein sinnerfüllteres Leben versprechen als in einem technischen Beruf. Sie wollen mit Menschen arbeiten. Manche empfinden die Welt der Naturwissenschaften und der Technik als zu kalt und zu leistungsorientiert.

Ist das der einzige Grund? 
Bei andern jungen Menschen stelle ich eine erstaunliche Ambivalenz gegenüber den naturwissenschaftlichen Disziplinen fest. Einerseits bewundern sie diese Fächer, weil sie exakt sind und faszinierende Zusammenhänge erschliessen. Andererseits fürchten sie sich vor ihnen, auch aufgrund der gemachten Schulerfahrungen. Die Lehrkräfte in den naturwissenschaftlichen Fächern werden oft als strenger, fordernder erlebt als jene in den geisteswissenschaftlichen. Die ganz schlechten Noten gibt es nicht im Deutschaufsatz, sondern in Mathe, Physik und Chemie. Das kann entmutigen. 

Viele junge Menschen trauen sich diese Fächer gar nicht zu? 
Ja, teilweise ganz sicher. Hinzu kommt, dass in den Schulen diese Fächer lange Zeit zu trocken und zu abstrakt unterrichtet worden sind, anstatt die Schüler mehr in ihren Erfahrungswelten abzuholen. Dabei interessieren sich Kinder und Jugendliche im Grunde genommen sehr für die Natur und die Technik. Sie wollen von sich aus die Welt erkunden, Zusammenhänge erkennen, etwas bewirken, herstellen, konstruieren. Ich kann das bei meinen Enkeln, bei den Mädchen und Knaben, beobachten, die kaum warten können, bis wir in den Wald oder in den Bastelraum gehen. 

Die Schule trägt also die Verantwortung für das Desinteresse. 
Das sehe ich nicht so. Die Schulen haben in den letzten Jahren grosse Anstrengungen unternommen, den Unterricht in den naturwissenschaftlichen Fächern attraktiver und näher an den Erfahrungswelten der Kinder und Jugendlichen zu gestalten. 

Über 80 Prozent der Primarlehrer sind Frauen. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der fortschreitenden Feminisierung des Lehrberufes und dem fehlenden Interesse an Natur und Technik? 
Nein. Das Problem sind viel eher die eingeschränkten Erlebnis- und Erfahrungswelten im Elternhaus. Viele traditionelle handwerkliche Berufe sind verschwunden. Die Buben und Mädchen erfahren also zu Hause immer weniger, wie mit den Händen gearbeitet wird und wie praktische Probleme gelöst werden können. Die Familie ist keine tätige Gemeinschaft mehr. Schon für kleinere Reparaturarbeiten wird eine Fachperson ins Haus geholt. Hinzu kommt, dass viele Eltern berufsbedingt zu wenig Zeit haben, mit den Kindern zusammen jene Erfahrungswelten zu schaffen, die ihren wirklichen Bedürfnissen und Interessen entsprechen. Ein Besuch im Alpamare oder im Verkehrshaus ist kein Ersatz für lange Stunden in der Natur oder im Bastelraum. 

Solche Ausflüge gehören doch auch dazu. 
Selbstverständlich, aber es ist eine Frage des Masses. Es kommt hinzu, dass die Kinder und Jugendlichen immer mehr mit Fiktionen überschwemmt werden und in virtuellen Welten leben, die nicht ihren wahren Bedürfnissen entsprechen. Das Interesse für die Natur und die Technik wird vor allen dadurch geweckt und gefördert, wenn Eltern zusammen mit den Kindern kochen, Hütten bauen, Bäche stauen, die Fahrräder flicken. 

ARCHIV --- ZUR PISA-STUDIE STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILD ZUR VERFUEGUNG --- Eine Schuelerin der Primarschule Monstein bei Davos, Schweiz, arbeitet am 11. September 2008 im Klassenzimmer an einer Rechenaufgabe. In der Primarschule Davos Monstein sind alle sechs Primarschulstufen in einer Klasse als Gesamtschule zusammengefasst. Die Schule wird zudem als Tagesschule gefuehrt, in der die Kinder ueber Mittag verpflegt werden und im Klassenzimmer an den Hausaufgaben arbeiten, um die Eltern zu entlasten. Neben Kindern aus dem Dorf besuchen auch Kinder aus dem zwoelf Kilometer entfernten Davos die Schule. (KEYSTONE/Gaetan Bally) *** NO SALES, NO ARCHIVES ***

Ist der Männermangel ein Faktor?  Bild: KEYSTONE

Dafür gibt es Werkunterricht in den Schulen. 
Der ist sehr wichtig und hilfreich, aber noch keine hinreichende Bedingung für die Förderung des Interesses für naturwissenschaftliche Fächer und für die Technik. 

Trotzdem fehlen den Schülern männliche Vorbilder, wenn es bald nur noch weibliche Lehrkräfte gibt. 
Ja. Wir leben in und aus Gegensätzen. Für eine ideale Entwicklung des Kindes braucht es weibliche und männliche Aspekte. Männliche Vorbilder in der Schule fehlen aber nicht nur in Bezug auf naturwissenschaftliche bzw. technische Fächer, sondern generell. Und sie fehlen auch den Mädchen. 

Viele Frauen interessieren sich eher für Psychologie und Pädagogik als für Natur und Technik. Es liegt somit auf der Hand, dass der Männermangel an den Schulen den Fachkräftemangel im technischen Bereich zusätzlich akzentuiert. 
Das ist eine heikle These, die ich nicht teile. Ich bezweifle, dass sich Frauen im Allgemeinen, gewissermassen von ihrer Natur aus, weniger für die naturwissenschaftlichen Fächer und die Technik interessieren als die Männer. An den Berufsschulen und den Gymnasien zum Beispiel unterrichten heute viel mehr Frauen in den MINT-Berufen als noch vor 20 Jahren. Nebenbei bemerkt: Meine Frau ist technisch viel begabter als ich, sie installiert und repariert alle Geräte in unserem Haus und Garten. 

Die Fächerwahl an der Uni spricht eine klare Sprache. Diese geschlechtsspezifischen Präferenzen sind eine Tatsache. 
Aber es ist nicht bewiesen, dass dieser objektiv vorhandene Unterschied auf das Geschlecht zurückzuführen ist. Vielleicht versprechen sich Frauen günstigere Arbeitsbedingungen in pädagogischen, psychologischen, therapeutischen, andern sozialen oder auch juristischen Berufen, etwa eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und allgemein mehr Flexibilität. Das wissen wir alles nicht genau. Oft hat die Berufswahl ganz praktische und damit auch gesellschaftliche Hintergründe. 

Wenn also nicht durch mehr männliche Lehrkräfte: Wie sonst können junge Menschen für die Technik begeistert werden? 
Es ist wichtig, für die Kinder von klein auf – sowohl im Elternhaus als auch in der Schule – reiche, alltagsnahe Erfahrungswelten zu schaffen, in denen sie ihre vielen verschiedenen Fähigkeiten erproben und zur Entfaltung bringen können. Meine Erfahrung ist, dass sie dann später jene Welten suchen und schliesslich wählen, die ihrem Wesen entsprechen, auch im beruflichen Bereich. 

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