Wirtschaft
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Patrik Gisel, CEO Raiffeisen Gruppe an der Bilanzmedienkonferenz in Zuerich am Freitag, 2. Maerz 2018. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Raiffeisen-Chef Patrik Gisel an der Medienkonferenz vom Freitag. Vierzehn Jahre lang war er Stellvertreter von Pierin Vincenz. Bild: KEYSTONE

Raiffeisen-Chef Patrik Gisel war eingeweiht

Der Chef von Raiffeisen, Patrik Gisel, weiss seit Jahren, dass sich Pierin Vincenz beim Firmenkauf nicht korrekt verhielt. Die Affäre belastet die Bank.

Daniel Zulauf und Beat Schmid / Schweiz am Wochenende



Die Affäre um mutmasslich strafbare Handlungen des früheren langjährigen Raiffeisen-Chefs Pierin Vincenz, dessen Geschäftspartner Beat Stocker sowie weitere Mitstreiter wird für die drittgrösste und systemrelevante Bank der Schweiz zunehmend zur Belastung. Dies zeigte sich mit aller Deutlichkeit an der Bilanzpressekonferenz der Genossenschaft vom Freitag, in der auch Vincenz’ Nachfolger Patrik Gisel in arge Rechtfertigungsnöte geriet. Gisel hatte im Frühjahr 2016 von Vincenz übernommen und war davor während 14 Jahren als dessen Vize tätig gewesen. In einigen Tochtergesellschaften, in denen offenbar manche der verdächtigen Vorgänge stattgefunden haben, spielte er sogar die erste Geige.

Vor diesem Hintergrund werden sich nicht nur die Journalisten fragen, ob Gisel doch schon früher mehr über die mutmasslichen Machenschaften seines einstigen Chefs hätte in Erfahrung bringen können und müssen. Aber dieser verneinte am Freitag entschieden. Man habe «jeden Stein umgedreht» und keinerlei Hinweise auf strafrechtlich relevante Tatbestände gefunden, sagte er vor versammelten Medienvertretern. Das habe sich erst geändert, als Raiffeisen in den vergangenen Monaten im Rahmen einer aufsichtsrechtlichen Untersuchung der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht zusätzliche Hinweise erhalten habe.

U-Haft

Am Freitagabend wurde bekannt, dass Pierin Vincenz in Untersuchungshaft genommen wird. Wie aus dem Umfeld des beschuldigten Ex-Bankers zu hören, musste man mit dieser Anordnung rechnen. Der ehemalige Raiffeisenbanker befindet sich seit Dienstag bereits in Justizgewahrsam in Zürich. An seinem Wohnort in Niederteufen AI wurde eine Hausdurchsuchung vorgenommen. Ihm wird ungetreue Geschäftsbesorgung vorgeworfen.

Raiffeisen wurde selbst aktiv

Als Anfang Woche die Zürcher Oberstaatsanwaltschaft ihre Strafuntersuchung gegen Vincenz und andere Personen eröffnet und den Hauptverdächtigen nach einer Hausdurchsuchung in Justizgewahrsam nahm, war dann trotz allem auch für Raiffeisen der Zeitpunkt gekommen, selber Strafanzeige gegen Vincenz wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung einzureichen. Es seien neue Indizien aufgetaucht, erklärte Gisel und sprach von «verdeckten Treuhandgeschäften», von denen er und seine Organmitglieder vorher «unmöglich» hätten Kenntnis erhalten können. Inzwischen spricht der CEO von «alarmierenden neuen Verdachtsmomenten».

Corpus Delicti sind die beiden Raiffeisen-Tochtergesellschaften Investnet, ein Finanzierungs- und Beteiligungsvehikel für kleine und mittelgrosse Firmen, bei dem Gisel als Verwaltungsratspräsident amtierte; Aduno, ein auf Kreditabwicklungsgeschäfte spezialisiertes Joint Venture von Raiffeisen mit verschiedenen Kantonal- und Regionalbanken in der Schweiz. Vincenz und seine Partner werden verdächtigt, diesen beiden Unternehmen Gesellschaften aufs Auge gedrückt zu haben, an denen sie sich vorgängig und notabene klandestin beteiligt hatten. Gisel behauptete am Freitag auf eine Journalistenfrage, Raiffeisen sei dabei aus heutiger Sicht kein Schaden entstanden, da die Transaktionen «revisionstechnisch geprüft» worden seien. Diese Einschätzung ist allerdings eher schwer verständlich, stehen Vincenz & Co. doch im Verdacht, sich in erheblichem Mass persönlich bereichert zu haben.

«Ich bin erschüttert über die Ereignisse!»

An der Medienkonferenz äusserte sich Raiffeisen-CEO Patrik Gisel sich zur Vincenz-Affäre. Video: © AZ Medien Video Unit

So oder so ist die Affäre ein schwerer Dämpfer für den guten Ruf von Raiffeisen. Gisel beteuerte zwar, er erhalte konzernintern vonseiten der 250 angeschlossenen Genossenschaftsbanken starke Unterstützung für seine Aufklärungsarbeit, weshalb er selber einen Rücktritt aufgrund vernachlässigter Aufsichtspflichten ausschliesse. Doch diese Forderung dürfte so bald nicht verstummen, zumal man in nächster Zeit auch mehr darüber erfahren dürfte, wie intensiv sich die Raiffeisen-Organe in der Sache denn wirklich um volle Transparenz bemüht hatten.

Gisel kannte Vorwürfe seit 2009

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, warum Patrik Gisel und der Verwaltungsrat nicht schon vor zehn Jahren aktiv geworden waren. Die Aduno kaufte im Jahr 2007 die Kartenspezialistin Commtrain Card Solutions. Die Firma wurde zwei Jahre zuvor von der Zuger Finanzgesellschaft I-Finance gekauft. Einziges Verwaltungsratsmitglied war Beat Barthold, ein Anwalt, den die Zürcher Staatsanwaltschaft ebenfalls in Gewahrsam genommen hat. Wirtschaftlich Berechtigte hinter der I-Finance waren indessen Vincenz und Stocker.

Vincenz, der damals Verwaltungsratspräsident der Aduno war, stand somit auf Käufer- wie auch auf Verkäuferseite. Brisant ist: Vincenz verheimlichte dies während des Kaufprozesses gegenüber der Aduno. So steht es in einem Gutachten, das 2009 von Raiffeisen beim Zürcher Rechtsprofessor Peter Forstmoser in Auftrag gegeben wurde. Trotz dieses offensichtlichen Fehlverhaltens drückte Raiffeisen beide Augen zu. Wie das Gutachten feststellte, habe Vincenz damit zwar gegen die Best-practice-Regeln verstossen, doch im juristischen Sinn sei das nicht inkorrekt gewesen, unter anderem auch deshalb nicht, weil Vincenz selbst beim Kaufprozess keine aktive Rolle gespielt habe.

Warum wurde das Gutachten überhaupt in Auftrag gegeben? Schon damals gab es deutliche Hinweise, dass mit dem Kauf möglicherweise nicht alles korrekt ablief. Mit dem Gutachten in der Hand sah sich die Raiffeisen-Führung damals auf der sicheren Seite. Für den damaligen Vincenz-Stellvertreter Patrik Gisel, der dieses Gutachten 2009 gelesen hat, waren alle Fragen beantwortet.

Heute müssen sich Gisel und der Verwaltungsrat vorwerfen lassen, dass sie nicht schon damals von Vincenz die Offenlegung der Finanzströme hinter der I-Finance verlangten. Hätten sie das getan, dann hätten sie festgestellt, dass Vincenz und Stocker offenbar «verdeckte Treuhandgeschäfte» abwickelten, wie Gisel am Freitag sagte.

Dass Gisel und der Raiffeisen-Verwaltungsrat nicht schon 2009 mehr Transparenz einforderten, war im besten Fall naiv, im schlechten Fall eine grobe Vernachlässigung ihrer Aufsichtspflichten. Zumal Pierin Vincenz später bei anderen Transaktionen offenbar nach dem gleichen Muster vorging wie bei seinem Gesellenstück, der Commtrain Card Solutions. (aargauerzeitung.ch)

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24Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Imagine 03.03.2018 16:29
  • Paedu87 03.03.2018 15:08
    Highlight Highlight Ich verstehe ganz ehrlich gesagt zu wenig von Buchhaltung und Finanztransaktionen bei Unternehmenskäufen um die potentielle Straftat im Detail zu verstehen und entsprechend kann ich nicht beurteilen ob man das nun hätte erkennen können oder müssen.
    Ich überlasse es daher den zuständigen Behörden und Richter dies zu beurteil. Das wäre vermutlich auch für die meisten anderen Leser die richtige Einstellung...
  • schwiizermeischterevz 03.03.2018 14:10
    Highlight Highlight de vinzenz isch e glatte, er schiesst dr ball ad latte!
  • Triumvir 03.03.2018 13:31
    Highlight Highlight In dem Fall muss er weg und zwar subito!
  • Swizzi 03.03.2018 12:49
    Highlight Highlight Der Titel dieses Artikels ist missleading und eine Unterstellung! Vorverurteilungen sind unakzeptabel.

    Im Weiteren erstaunt es mich, wieviele Kommentatoren hier mit Dreck werfen.
    Frage:
    Wieviele hier müssten zuerst einmal vor der eigenen Türe wischen bevor sie andere mit Dreck bewerfen?

    Und jetzt wird es blitzen und donnern 😱.
    • elnino 03.03.2018 13:19
      Highlight Highlight Recht hast du! Selbst Medien wie Tagi oder watson springen auf den Zug auf und vorverurteilen oder pushen die unausgewogene Berichterstattung über die Vincenz- oder Ruoff-Affäre...

      Und dies hat nichts mit der watchdog Funktion der Medien zu tun!


    • ChlyklassSFI 03.03.2018 13:19
      Highlight Highlight Ja, es blitzt. Weil deine Argumente nicht überzeugen.
  • redeye70 03.03.2018 12:04
    Highlight Highlight Immer wieder dasselbe erbärmliche Schauspiel. Sie haben dreckig gespielt und nun ist alles aufgeflogen. Dennoch machen sie einen auf unschuldig und ahnungslos und versuchen sich rauszuwinden. Es ist game over, steht dazu und tragt nun die Konsequenzen!
  • meliert 03.03.2018 12:02
    Highlight Highlight immer das gleiche bei den „Oberen“: immer erwähnen wieviel Verantwortung sie tragen und damit ihre exorbinante Bezüge rechtfertigen und wenn etwas schief läuft strecken sie die Hände in die Höhe und haben nichts gewusst und natürlich auch nichts falsch gemacht!
    • felixJongleur 03.03.2018 12:56
      Highlight Highlight Ach, das mit der Verantwortung ist soo 0er Jahre, heute kassiert man gleich ohne Unschweife ;)
  • Dario4Play 03.03.2018 11:48
    Highlight Highlight Idee für neues Trinkspiel: Jedes mal ein Kurzer wenn eine Bank negativ in den Schlagzeigzeilen ist.

    Wer hällt einen abend durch?
  • obelix007 03.03.2018 10:55
    Highlight Highlight Die Raiffeisenbank arbeit so wie es die drei Affen darstellen.
    Nichts sehen, nichts hören und nichts sage.
    Wichtig ist, dass der Rubel rollt und alle schöne Boni einheimsen.
    • sherpa 03.03.2018 12:50
      Highlight Highlight Dieses System funktioniert auch bei anderen Banken und Konzernen und gehört offenbar immer mehr zu der viel gepriesenen +Firmenkultur"
    • Swizzi 03.03.2018 13:33
      Highlight Highlight "Die Raiffeisenbank arbeit so wie es die drei Affen darstellen".

      In der Raiffeisen arbeiten mehrere 1000 Mitarbeiter/innen. Ihr Spruch ist eine Beleidigung für jeden dieser Angestellten.
      Schämen Sie sich 😵
  • Freilos 03.03.2018 10:23
    Highlight Highlight Naja jetzt wird aber ordentlich gegen Gisel und die Raiffeisen geprügelt. Sollte Gisel dreck am Stecken haben wird die Staatsanwaltschaft dahinterkommen. Alles andere was in den Medien derzeit abgeht ist eine Hexenjagd und Rufmord.
    • redeye70 03.03.2018 12:10
      Highlight Highlight Er ist so oder so eine totale Fehlbesetzung. In dieser Position hat man auch eine Kontrollfunktion, dafür bekommt er eine schöne Stange Geld.

      Verantwortung tragen heisst eben nicht nur auf Teufel komm raus Gewinne einzufahren. Man hat auch die heilige Pflicht eine saubere Geschätstätigkeit zu gewährleisten.

      Die Raiffeisen war meine letzte Hoffnung für das CH-Bankenbusiness. Herrn Gisel glaube ich persönlich kein Wort.
    • Freilos 03.03.2018 13:11
      Highlight Highlight Wie hätte sich Herr Gisel in den letzten 15 Jahren verhalten müssen dass es keine Schmutzkampagne geben würde?
    • JaneSodaBorderless 03.03.2018 13:45
      Highlight Highlight redeye: Alternativen Bank Schweiz gibt es noch! Und die kann ich nur empfehlen ;-)
      Gibt es seit 25Jahren.

      https://www.abs.ch/de/ueber-die-abs/die-abs-aktuell/kurzportraet/
    Weitere Antworten anzeigen
  • N. Y. P. D. 03.03.2018 10:15
    Highlight Highlight Man habe «jeden Stein umgedreht» und keinerlei Hinweise auf strafrechtlich relevante Tatbestände gefunden, sagte Gisel.

    Das habe sich erst geändert, als Raiffeisen von der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht zusätzliche Hinweise erhalten habe.

    Der Gisel hat doch gesagt, dass er
    jeden Stein umgedreht hat. Da ist wohl doch 👉EIN👈 Stein übriggeblieben.
    Naja, man übersieht vor lauter Steinen, schnell mal einen Stein.
    • Wolkensprung 03.03.2018 13:34
      Highlight Highlight Nun, Shit happens, wenn in einer mutwillig und in voller Absicht von der Finanzindustrie aufgehäuften und möglichst intransparent gehaltenen Geröllhalde die Übersicht verloren geht und ein Stein ausser Acht gerät... Henusode, die Finanzindustrie frisst ihre Kinder selber.
    • Don Alejandro 03.03.2018 14:48
      Highlight Highlight Wer im Glaushaus sitzt....apropos Steine 😂
  • sherpa 03.03.2018 10:10
    Highlight Highlight Das Gisel nicht der "Nichtwisser" in dieser Angelegenheit ist, glaubt ihm zwischenzeitliche wohl niemand mehr. Er windet sich nun nach allem Haltbaren, was er findet, doch nicht nur er, wie er Vinzent in den Rücken fällt und fallen lässt, wird ebenso von seinen "noch Kollegen" über kurz oder lang wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen. Wohl wird es ihm in seiner Weste sicher nicht mehr sein.
    • meliert 03.03.2018 12:04
      Highlight Highlight Gisel wehrt und windet sich aus Angst vor seiner finanziellen Zukunft, mit 55 kommen jetzt ja (normalerweise) noch die fetten Jahre für seine Zunft!

Die Geschichte von «Ausbrecherkönig» Walter Stürm und seinem traurigen Ende

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