Frankreich deckelt den Benzinpreis – und erhält dabei Hilfe von ungewohnter Seite
Frankreichs Staatskasse ist leer, das Schatzamt hoch verschuldet. Doch die autofahrende Bevölkerung drängt mit aller Kraft auf eine Benzinpreissenkung. Denn in dem Land, in dem die Bürger gewohnt sind, eng zu rechnen, lastet jeder zusätzliche Centime an der Zapfsäule schwer auf der Brieftasche.
Um einen Aufstand zu vermeiden, erweist sich Premier Sébastien Lecornu als kreativ. Er hat den Konzern Total Energies dazu gebracht, dass dieser die Preise an seinen Tankstellen vorläufig einfriert. Benzin wird auf 1.99 Euro gedeckelt, Diesel auf 2.25 Euro.
Der einst staatliche, 1993 privatisierte Erdöl-, Gas- und Windkraft-Gigant tut natürlich so, als hätte er diesen Schritt aus purer Verbundenheit mit der Nation beschlossen. In Wahrheit war es eine vorauseilende Abwehrmassnahme gegen den Volkszorn: Überall schwillt die Kritik an den «Superprofits», den Riesengewinnen der grossen Ölkonzerne, an.
Total Energies, aus der Fusion von Total und Elf Aquitaine hervorgegangen, hat allein im ersten Quartal 2026 einen Reingewinn von 5,8 Milliarden Dollar eingefahren. Damit liegen die Franzosen im Mittelfeld der anderen Weltmarktleader Exxon, BP, Shell oder Chevron. Zu verdanken haben dies die Ölkonzerne in erster Linie dem gestiegenen Barrel-Preis, der die ganze übrige Weltwirtschaft in Mitleidenschaft zieht.
Publicity für Ölkonzerne
Lecornu gewann den Total-Energies-Chef Patrick Pouyanné relativ schnell für sein Vorhaben. Zwei andere Optionen waren der Regierung verbaut: Die Senkung der «Taxe intérieure de consommation sur les produits énergétiques», die in Frankreich nicht weniger als 68,3 Prozent des Benzinpreises ausmacht, hätte die Staatsfinanzen ebenso ausgeblutet wie eine staatliche Subventionierung des Benzinpreises. Selbst Präsident Emmanuel Macron, der die Staatskasse in Covid- und Inflationszeiten mit dem Slogan «Koste es, was es wolle» geleert hatte, war dem Vernehmen nach gegen Staatshilfe für die Autofahrer.
Der Trick mit der Preisdeckelung durch ein Privatunternehmen funktioniert. Total Energies verliert zwar einiges an Einnahmen, doch die scheinbar selbstlose Massnahme ist beste Werbung für den Ölriesen, und zudem erhöht sie den Absatz: Im ersten Quartal des Jahres hat der Konzern die Verkäufe im Vorjahresvergleich um 10 Milliarden Dollar gesteigert.
Die übrigen französischen Kraftstoffvertreiber, in der Hauptsache die Supermarktketten wie Leclerc, Carrefour oder Auchan, beklagen sich über die Deckelung durch einen Ölkonzern, der sonst bedeutend höhere Preise verlangt als die Grossverteiler. Allzu laut können sie aber nicht über den Coup ihres Hauptrivalen herziehen – denn wer würde schon die Benzinpreise in Notzeiten als zu tief anprangern?
Zumal die Nutzniesser weiter die Werbetrommel rühren. Regierungssprecherin Maud Bregeon nennt die Operation Deckelung «eine Art von Umverteilung der Benzinpreisgewinne»; und Pouyanné legte noch einen drauf, indem er grossherzig verkündete, Total Energies senke den Dieselpreis über die Mai-Feiertage ausnahmsweise sogar von 2,25 auf 2,09 Euro, damit seine Landsleute doch noch in die verlängerten Wochenenden fahren könnten.
Müssen alle mitziehen?
Der Verband der unabhängigen Tankstellenbetreiber hat zwar wutentbrannt angekündigt, er werde an die nationale Wettbewerbsbehörde gelangen. Die Erfolgsaussichten sind aber minim. Die Supermarktketten müssen sich eher überlegen, ob sie nicht nachziehen und ihre Literpreise ihrerseits senken wollen. Denn jeder Autofahrer, der seinen Tank anderweitig – meist bei Total Energies – füllt, ist meist auch ein Kunde weniger im Supermarkt. Wenn auch die Grossverteiler die Preise deckeln, kann Lecornu erst recht frohlocken.
Viele Konsumenten mit notorisch hohem Spritverbrauch kommen aber auch trotz des Total-Energies-Tricks kaum mehr über die Runden, solange die Preise weiter steigen. Die Regierung in Paris greift deshalb doch noch in die Tasche, wenn auch sehr beschränkt. Lecornu hat soeben rund 3 Millionen Vielfahrern eine Hilfe von 50 Euro versprochen; kleine Baufirmen mit weniger als 20 Angestellten erhalten pro Kilometer 20 Cents, plafoniert auf 4000 Euro.
Ob andere europäische Regierungen dem Beispiel Frankreich folgen könnten, scheint allerdings in den meisten Fällen kaum denkbar. Voraussetzung für den finanzpolitischen Coup ist die Existenz eines dominanten Ölkonzerns, der die Preise nach Belieben beherrscht. Total Energies unterhält in Frankreich landesweit 3300 Tankstellen, was 30 Prozent des Bestandes entspricht.
Hätten sie die Preise nicht gedeckelt, lägen sie heute nach Branchenschätzungen um ein Fünftel höher. Das ist nicht nichts. Wie lange die Tiefpreis-Operation anhält, ist offen. Pouyanné will sie mindestens bis Ende Monat aufrechterhalten.

