DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Die Antibabypillen

Yasmin geriet nach dem Fall Céline in Verruf. Bild: KEYSTONE

Antibabypille

Yasmin & Co: 1,8 Mrd. Dollar für 8900 Klägerinnen

Der Pharmakonzern Bayer entschädigt in den USA Frauen, die mit neuen Verhütungspillen Schaden nahmen. 

Urs P. Gasche



Ein Artikel von Infosperber

Im juristischen Streit in den USA um Gesundheitsrisiken der Antibabypillen Yaz, Yasmin, Yasminelle hat sich der Konzern am 9. Juli ohne Haftungsanerkennung mit etwa 8900 Klägerinnen in den USA für 1,8 Milliarden Dollar verglichen. Das teilte Bayer am 30. Juli 2014 mit. Die Antibabypillen zählen zu den umsatzstärksten Arzneien der Bayer-Pharmasparte. Weltweit kam Bayer 2013 mit Yaz, Yasmin und Yasminelle nach eigenen Angaben auf Einnahmen von 853 Millionen Euro

Die neue Generation Verhütungspillen führt zu mehr zuweilen gefährlichen Thrombosen als die ältere Generation Pillen. Das absolute Risiko ist allerdings klein. Warum aber sollen Frauen ein zwar selten auftretendes Risiko eingehen, wenn das Risiko mit anderen Pillen kleiner ist? 

In der Schweiz geht Célines Familie vors Bundesgericht. Die Familie der schwer behinderten Frau hatte vom Pharmakonzern Bayer Schadenersatz gefordert, blitzte vor Obergericht aber ab. Die Familie habe sicher nicht ausschliessen können, dass etwas anderes als die Pille an Célines Tragödie schuld sei. 

Infosperber hatte berichtet

Wenn Frauen zum ersten Mal oder nach einem Unterbruch eine Verhütungspille einnehmen möchten, sollten sie keine der neuen, viel teureren Pillen wählen. Das empfiehlt die Aufsichtsbehörde Swissmedic bereits seit 2011, weil das Thromboserisiko bei den neueren Pillen doppelt so gross sei wie das bei den älteren. Das erhöhte Risiko der Pillen der neueren Generation ist bereits seit Jahren bekannt. 

Doch trotz der Empfehlung der Behörden verschreiben Schweizer Ärztinnen und Ärzte fast nur die risikoreicheren, neuen und teureren Verhütungspillen. 80 Prozent der Frauen erhalten Pillen der neuen Generation. Selber verkaufende Ärzte sowie Apotheken profitieren von einer höheren Marge, wenn sie die neue Generation Pillen verkaufen. 

Unterschiedliche Pillennamen

Folgende Verhütungspillen sind völlig identisch, ohne dass dies auf den Verpackungen ersichtlich ist:

Ältere Generation
Elyfem... = Miranova

Neuere Generation mit erhöhtem Risiko
Meliane... = Meoden
Myvlar... = Gynera
Yira 20 / 30 = Yasmin / Yasminelle
Eloine... = Yaz 

quelle: comarketing-liste der swissmedic

Zu den Pillen der neueren Generation gehören Yasmin, Yasminelle, Yaz, Cerazette, Yira oder auch der Ring NuvaRing. Das Risiko einer Frau, wegen solcher Pillen ein Schicksal wie Céline zu erleiden, ist doppelt so gross ist wie mit Pillen der früheren Generation. Allerdings kommt es zu einer Thromboseembolie äusserst selten: Mit den neueren Pillen sind im Laufe eines Jahres statt nur 5 etwa 10 von 10'000 Frauen betroffen. 

Doch warum fünf Lungenembolien und darunter Fälle wie Céline zusätzlich in Kauf nehmen, wenn die älteren Pillen ihren Zweck ebenso gut erfüllen, hat sich Swissmedic gesagt und empfiehlt deshalb allen Neu- und Wiedereinsteigerinnen ältere Pillen mit dem Wirkstoff Levonorgestrel, die bezüglich des Risikos einer Thromboseembolie «die sicherste Alternative» seien. Das unabhängige deutsche Arzneimittel-Telegramm hält es für «überfällig, endlich die risikoärmeren Kombinationen als Mittel erster Wahl einzustufen». 

Doppelte Kosten 

Die risikoärmeren Pillen wie Elyfem, Ologyn Micro oder Estinette haben für Frauen den zusätzliche Vorteil, dass nur halb so viel kosten wie Yasmin, Yasminelle oder Yaz. Als Nationalrätin Bea Heim wie in Frankreich ein Verbot von neueren Pillen verlangte, meinten Ärzte und Apotheker, die zahlreichen Medienberichte über wirkliche oder vermeintliche Opfer habe die neuere Generation Pillen schon weitgehend zum Verschwinden gebracht. 

Doch eine Auswertung der Statistik von IMS Health zeigt, dass die neueren, risikoreicheren Pillen den Markt weiterhin beherrschen. Zwar wurden im Monat April 2013 – dem zurzeit letzten statistisch erhältlichen Monat – 12'000 Packungen Yasmin und Yasminette oder fast 40 Prozent weniger verkauft als ein Jahr zuvor. Doch der Pharmakonzern Bayer hat Yasmin rechtzeitig unter dem Namen Yira lanciert, um vom lädierten Namen Yasmin wegzukommen. 

Yira ist ein reiner Klon von Yasmin mit den identischen Wirk- und Zusatzstoffen. Und tatsächlich verschrieben Ärzte im Vergleichsjahr neu über 7’000 Packungen Yira. Diese sind etwa 10 Prozent günstiger als Yasmin, jedoch immer noch fast 80 Prozent teurer als die ältere Verhütungspille Elyfem, die den von der Swissmedic und dem Arzneimittel-Telegramm empfohlenen Wirkstoff Levonorgestrel enthält. 

Die deutlichen Einbussen der umsatzstarken Marken Yasmin und Yasminelle wurden nicht nur durch Verschreibungen des Klons Yira zu einem grossen Teil kompensiert, sondern auch durch andere Pillen der neueren Generation, insbesondere durch den Nuvaring, dessen Absatz innert des genannten Jahres um fast 50 Prozent zunahm. Der Ring enthält Etonogestrel, dessen Risiko ebenfalls doppelt so hoch ist wie das der Pillen der älteren Generation. Insgesamt blieben die Umsätze der risikoreicheren Pillen sowohl mengen- wie frankenmässig fast konstant bei über 80 Prozent.

«Wir verkaufen, was Ärzte verschreiben» 

Beim Verkauf von Pillen der neueren Generation lässt sich je nach gewährten Rabatten doppelt bis dreimal so viel verdienen als mit dem günstigen und risikoärmeren Elyfem, weil die Margen in Franken um so viel höher sind. Die Frage, ob der unverändert hohe Verkaufsanteil der risikoreicheren Pillen auch etwas damit zu tun haben könnte, dass Apotheken und selbstdispensierende Ärzte mehr daran verdienen, mochten weder die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe SGGG noch der Apothekerverband Pharmasuisse schriftlich beantworten. 

Bei der Verschreibungspraxis der Ärzte könne das «raffinierte Marketing der Industrie» eine Rolle spielen, meint der Winterthurer Medix-Arzt Christian Marti. Ein neuer Prospekt der Firma Merck Sharp & Dohme MSD mit dem Titel «Für jede Frau das passende Präparat von MSD» empfiehlt unter elf Hormonprodukten kein einziges der älteren Generation. 

Der Berner Apotheker Silvio Ballinari kritisiert das geschaffene «Lifestyle-Image» von Yasmin, das für eine reine Haut sorgen soll. Ein anderer Apotheker meint, er müsse verkaufen, was die Ärzte verschreiben. 

Tatsächlich muss sich ein Apotheker daran halten, wenn ein Arzt eine risikoreichere Pille verschreibt. Aber das Gesetz erlaubt ihm immerhin, seinen Kundinnen günstigere Generika oder erst recht Klone eines Originals vorzuschlagen und zu verkaufen. Aber das schmälert seinen Verdienst. 

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

33'000 Arbeitsplätze weg – Massiver Jobeinbruch in der Gastronomie

Ein vergleichbarer Einbruch an Stellen ist in den Statistiken nicht zu finden, zeigt eine exklusive Auswertung. Könnten der Bund und die Kantone Schlimmeres verhindern, wenn sie nicht zögern würden?

In der Rhetorik von Gastrosuisse war die höchsten Eskalationsstufen früh erreicht. Im April 2020 bezeichnete es Präsident Casimir Platzer als «Frechheit», als der Bundesrat an einer Pressekonferenz nichts sagte zur Wiederöffnung seiner Branche. «Ich würde eine sehr schlechte Note geben.» Knapp ein Jahr später hat Platzer ungezählte Mal verbal zugeschlagen und tut es wieder, als ein Ende des Gastrolockdowns verweigert wird: «Der Bundesrat hat es offenbar auf uns abgesehen!»

Die Rhetorik ist schon …

Artikel lesen
Link zum Artikel