Wirtschaft
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Thomas Cole: The Course of Empire (1836) http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ACole_Thomas_The_Course_of_Empire_Destruction_1836.jpg

Der Zerfall eines Imperiums, wie es sich der US-amerikanische Maler Thomas Cole vorstellte (1836). Bild: Wikimedia Commons

Krimkrise

Russland und die USA haben etwas gemeinsam: Die Imperien werden im Niedergang bösartig

Mit der Krimkrise hat eine neue Ära begonnen. Die hässliche Seite des Zerfalls von Imperien tritt zutage, in Russland – aber auch in den USA.



Für die Babyboom-Generation gehörte Friedrich Dürrenmatts Komödie «Romulus der Grosse» in der Mittelschule einst zur Pflichtlektüre. Der Inhalt des Stücks ist schnell erzählt: Der letzte Kaiser des weströmischen Reiches lebt auf seinem Landsitz und geniesst das Leben. Er hat die Nase gestrichen voll vom einst mächtigen Imperium und denkt nicht im Traum daran, es gegen die heranrückenden Germanen zu verteidigen, sondern will es friedlich untergehen lassen und einer neuen Weltordnung Platz machen. 

Dürrenmatt hat seinen «Romulus» unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges geschrieben. Verständlich daher, dass die Botschaft lautet: Der Aufbau eines Imperiums – oder damals eines tausendjährigen Reiches – ist mit Grausamkeit und Elend verbunden und lohnt sich nicht. Wenn Menschen überhaupt so etwas wie Glück finden, dann liegt es in der Periode des Zerfalls. 

Anne-Marie Blanc als Julia, Juergen Cziesla als Romulus Augustus,  Gardi Hutter als Rea und Peter Luppa als Koch (vrnl.) in

Dürrenmatts «Romulus» in einer Aufführung am Zürcher Schauspielhaus 1997. Bild: KEYSTONE

Imperien enden nicht mit einem Seufzer, sondern einem Knall

Dieser Gedanke ist zwar sympathisch, aber leider falsch. Die Geschichte lehrt uns das Gegenteil: Imperien gehen nicht mit einem Seufzer unter, sondern mit einem gewaltigen Knall. Sie werden im Niedergang nicht tolerant und dekadent, sondern bigott und bösartig. Das zeigen die jüngsten Vorgänge in Russland und mit Abstrichen auch in den Vereinigten Staaten

Dabei schien die UdSSR zunächst äusserst friedlich auseinanderzubrechen. Michail Gorbatschow leitete ein Reformprogramm namens Perestroika ein, und ehe wir uns versahen, war die Mauer in Berlin gefallen, Deutschland wiedervereinigt und die ehemalige Supermacht Russland zur grössten Tankstelle der Welt mutiert. Ausser einem kurzen Zwischenspiel der alten Kreml-Elite regte sich kaum Widerstand, und einen versuchten Marionetten-Putsch schlug Jelzin fast eigenhändig nieder. 

A handout image released by Ronald Reagan Presidential Library dated 19 November 1985 shows US President Ronald Reagan and Soviet General Secretary Mikhail Gorbachev (R) at the first Summit in Geneva, Switzerland. The 100th anniversary of Reagan's birth is coming up on 06 February 2011. Ronald Wilson Reagan was the 40th President of the United States (1981–1989). As president, Reagan implemented sweeping new political and economic initiatives and during his second term oversaw the end of the cold war. Reagan died at the age of 93, ater been diagnosed with Alzheimer's disease earlier.  EPA/RONALD REAGAN PRESIDENTIAL LIBRARY / HO

Perestroika im Jahr 1985: Ronald Reagan, US-Präsident und Michail Gorbatschow, Generalsekretär der KPdSU, bei Gesprächen in Genf. Bild: EPA

Rache und Machtdemonstration

Das Gebaren von Wladimir Putin spült nun mit einer zeitlichen Verzögerung die hässliche Seite des Zerfalls des Sowjetimperiums wieder an die Oberfläche. Es geht dabei nicht um die Annexion der Krim. Dafür gibt es berechtigte Gründe und das Problem hätte sich durchaus auch in Einklang mit dem Völkerrecht lösen lassen. Es ist die Art und Weise, wie Putin agiert. Er will ganz offensichtlich Rache für ein gedemütigtes Russland. 

Der ehemalige US-Botschafter in Moskau, Michael A. McFaul, schreibt in der «New York Times»: «Der schrille Anti-Amerikanismus der russischen Führer und das Echo darauf in den vom Staat kontrollierten Medien hat mit der Annexion der Krim einen fanatischen Höhepunkt erreicht. Putin hat uns klar gemacht, dass er die Konfrontation mit dem Westen sucht, dass er sich nicht mehr länger durch das Völkerrecht behindert fühlt und nicht davor zurückschreckt, russische Macht zu demonstrieren, auch wenn sie im Widerspruch zur internationalen Gemeinschaft steht.» 

Foxnews muss keinen Vergleich mit Putin scheuen

Der an die Sowjet-Propaganda erinnernde Anti-Amerikanismus Putins löst nicht nur an der Heimatfront Begeisterung aus. Auch den amerikanischen Hardlinern kommt er sehr gelegen. Auch sie leiden darunter, dass die USA nicht mehr die unangefochtene Supermacht ist, die eigenmächtig den anderen Nationen ihren Willen aufzwingen kann.

** ADVANCE FOR SUNDAY, MAY 15  ** In this file photo taken Friday, April 15, 2011, in Las Vegas, Diana Orrock of Las Vegas listens to speakers during a tea party rally to support Nevada Governor Brian Sandoval's promise not to raise taxes. Friday, April 15, 2011, in Las Vegas.  Leaders of the loosely organized, sprawling tea party effort say they hope to wield influence in 2012, when both Congress and the White House will be up for grabs.  And Nevada, one of the first states to birth a hearty community of tea party followers and the home of the third presidential nominating contest of 2012, is one place where tea party followers hope to make a difference. (AP Photo/Julie Jacobson)

Anhängerin der konservativen Tea Party in den USA. Bild: AP

Die Tea Party ist ebenfalls eine Reaktion auf den relativen Niedergang der Supermacht USA, und wer gelegentlich den Talkingheads am TV-Sender Foxnews zuhört, der weiss, dass die amerikanische Rechte – was schrillen Nationalismus betrifft – keinen Vergleich mit Putin & Co. zu scheuen braucht. 

Der Traum einer multipolaren G20-Welt ist geplatzt

Deshalb ist die Krimkrise mehr als eine vorübergehende Störung der Beziehungen zwischen Ost und West, die sich bald wieder legen wird. Sie ist eine Zäsur und stellt das Ende einer Ära dar, in der es schien, als ob internationale Konflikte zivilisiert im Rahmen des Völkerrechtes und mit Hilfe der internationalen Institutionen gelöst werden können. 

Der Traum einer multipolaren G20-Welt ist fürs erste geplatzt. «Unsere neue Ära ist gekennzeichnet von ideologischen Kämpfen, einer Wiederkehr des Nationalismus und von territorialen Eroberungen» stellt McFaul fest. «Es ist eine Ära, die in vielfacher Hinsicht an die tragischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts erinnert.» 

Die neue Hatz auf Schwule

Auch das gesellschaftspolitische Klima erinnert an längst überwundene Zeiten. Von einer dekadenten Toleranz, von der Dürrenmatt träumte, kann keine Rede sein. Im Gegenteil, die Intoleranz kehrt zurück und mit ihr die klassischen Sündenböcke der Konservativen. Russland hat zu einer widerlichen Hatz auf Homosexuelle aufgerufen. Auch der Tea Party ist der Kampf gegen Homo-Ehe fast so wichtig wie der Kampf gegen Obamacare. 

Protesters wearing masks of Russia's President Vladimir Putin pretend to kiss as they take part in a demonstration against the country's 'anti-gay' laws outside the Embassy of the Russian Federation in London February 14, 2014.  REUTERS/Neil Hall (BRITAIN - Tags: CIVIL UNREST POLITICS SPORT OLYMPICS)

Proteste gegen die schwulenfeindliche Haltung von Russlands Präsident Putin in Moskau.  Bild: Reuters

Ob orthodoxe Pope oder evangelische Fundamentalisten, in beiden ehemaligen Supermächten rücken Kirche und Staat näher zusammen, verbunden mit irrationalen Auswüchsen wie das Leugnen der Evolution und dem Verbot von Abtreibungen. 

SLAT LAKE CITY, UT - JANUARY 28: LaRenta Brinkerhoff and other demonstrators hold an anti-gay marriage rally inside the Utah State Capitol on January 28, 2014 in Salt Lake City, Utah. Several weeks ago a federal judge ruled unconstitutional a voter-approved ban on same-sex marriage in the state of Utah. The ruling has since been stayed and is working it's way through the legal system. (Photo by George Frey/Getty Images)

Anti-Schwulen-Proteste in Salt Lake City. Bild: Getty Images North America

Mit Putin kann man keine Geschäfte mehr machen 

Putin hat den Schlammassel, den Jelzin und die erste Oligarchen-Generation hinterliessen, erfolgreich aufgeräumt. Eine Weile schien es so, als ob er – wie der ehemalige US-Präsident George W. Bush einst erklärte – ein Mann ist, «mit dem man Geschäfte machen kann». Stattdessen führt er Russland in eine Ära, in der sich der Westen sich wieder auf die Politik des «containment» konzentriert. Will heissen: Russland mit Sanktionen so einzugrenzen, dass sich der Schaden in Grenzen hält. 

Dieser Rückfall löst auch in den USA eine verhängnisvolle Dialektik aus. Die kalten Krieger haben wieder Oberwasser. Präsident Obama wird als Schwätzer verspottet und wenig schmeichelhaft mit dem Aktions-Macho Putin verglichen. Die Republikaner waren nach dem Debakel der Wahlen von 2012 und dem Flop mit dem Einfrieren des Staatsbudgets vernichtend geschlagen. Jetzt erleben sie ein Comeback. Bereits wird darüber spekuliert, ob sie bei dem kommenden Zwischenwahlen nicht nur im Abgeordnetenhaus über eine Mehrheit verfügen werden, sondern auch im Senat. 

Zum Glück spricht noch niemand von einen Krieg, auch nicht von einem kalten. Aber warm anziehen müssen wir uns wahrscheinlich trotzdem – und zwar bald. 

Lesen Sie mehr zur Krimkrise.

Das könnte dich auch interessieren:

Röstigraben im Bundeshaus: «Sobald ich auf Deutsch wechsle, sinkt der Lärm um 10 Dezibel»

Link zum Artikel

So erklärt das OK der Hockey-WM in der Schweiz die Ähnlichkeit zum Tim-Hortons-Spot

Link zum Artikel

Die Geschichte von «Ausbrecherkönig» Walter Stürm und seinem traurigen Ende

Link zum Artikel

«Informiert euch!»: Greta liest den Amerikanern bei Trevor Noah die Leviten

Link zum Artikel

Keine Angst vor Freitag, dem 13.! Diese 13 Menschen haben bereits alles Pech aufgebraucht

Link zum Artikel

Der Kampf einer indonesischen Insel gegen den Plastik

Link zum Artikel

«Ich bin … wie soll ich es sagen … so ein bisschen ein Arschloch-Spieler»

Link zum Artikel

Alles, was du über die neuen iPhones und den «Netflix-Killer» von Apple wissen musst

Link zum Artikel

15 Bilder, die zeigen, wie wunderschön und gleichzeitig brutal die Natur ist

Link zum Artikel

Shaqiri? Xhaka? Von wegen! Zwei Torhüter sind die besten Schweizer bei «FIFA 20»

Link zum Artikel

Biden, Warren oder Sanders? Das Rennen der Demokraten wird zum Dreikampf

Link zum Artikel

Jack Ma tritt als Alibabas Vorsitzender offiziell zurück, aber ...

Link zum Artikel

Das sind die 50 besten Spieler in «FIFA 20» – Piemonte Calcio zweimal in den Top 15

Link zum Artikel

12 neue Serien, auf die du dich im Herbst freuen kannst

Link zum Artikel

In China sind gerade 100 Millionen Schweine gestorben – das musst du wissen

Link zum Artikel

Hat Bill Gates ein schmutziges Geheimnis?

Link zum Artikel

In Jerusalem verschwinden hunderte Katzen auf mysteriöse Weise – was ist bloss los?

Link zum Artikel

«... dann laufen sie hier 3 Tage besoffen mit geklauten Stadion-Dingen rum»

Link zum Artikel

Mit 16 der jüngste Torschütze in Barças Klub-Geschichte – 8 Fakten zu Ansu Fati

Link zum Artikel

Boris Johnson verliert wegen eines Überläufers die Mehrheit und ist jetzt in argen Nöten

Link zum Artikel

Ausschreitungen bei Demo in Zürich

Link zum Artikel

Xherdan Shaqiris Alleingang ist ein fatales Zeichen

Link zum Artikel

Auch Android und Windows von massivem Hackerangriff betroffen – was wir bislang wissen

Link zum Artikel

«Diese Wahlen widerlegen eine oft genannte These über die AfD»

Link zum Artikel

Wawrinka über Djokovic: «Dass er den Platz so verlassen muss, ist natürlich nicht schön»

Link zum Artikel

«Soll ich die offene Beziehung mit dem 10 Jahre Älteren beenden?»

Link zum Artikel

Messi darf Barça ablösefrei verlassen +++ Pa Modou wieder beim FC Zürich

Link zum Artikel

Kim Tschopp zeigt den grossen Unterschied zwischen Realität und Instagram

Link zum Artikel

Wie viel Schweizer Parteien auf Facebook ausgeben – und warum wir das wissen

Link zum Artikel

Der Roadie, der mich Backstage liebte (und mir biz Haare ausriss)

Link zum Artikel

Für Huawei kommts knüppeldick – neue Handys müssen auf Google-Apps verzichten, sagt Google

Link zum Artikel

Die Hockey-WM lehnt den «Eisenbahn-Deal» ab – und das ist schlicht lächerlich

Link zum Artikel

Netflix bringt 10 Filme in die Kinos – und die hören sich grossartig an

Link zum Artikel

Verrückt, aber wahr – Stuckis Sieg, der keiner war

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

5
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Donald 24.03.2014 20:29
    Highlight Highlight Es ist mir nicht klar, warum eine Minderheit in den USA mit der Regierung in Russland gleichgesetzt wird?
    • Snus116 24.03.2014 20:40
      Highlight Highlight Weil beide das eigene Imperium lieben.
    • ⚡ ⚡ ⚡☢❗andre ☢ ⚡⚡ 24.03.2014 20:49
      Highlight Highlight Das ist mir auch nicht klar. Die Aera der Tea-Party scheint gelaufen. Die Republikaner braucgten sie nur um ihrer Stimmen willen.
    • Donald 24.03.2014 20:59
      Highlight Highlight Aber während Putin quasi alleine Entscheidungen fällen kann, hat die Tea-Party gerade 11% der Sitze im Kongress und 15% Prozent im Senat.
  • Kasi 24.03.2014 20:07
    Highlight Highlight Da hat ja jemand eine kräftige Dosis Montag abbekommen.

Verdingkinder müssen Teil ihrer Entschädigung gleich wieder abgeben

Der Staat entschädigt ehemalige Verdingkinder mit 25'000 Franken, kürzt in einzelnen Fällen aber gleichzeitig die Ergänzungsleistungen. Der Urheber der Wiedergutmachungs-Initiative, Guido Fluri, spricht von bedauerlichen Einzelfällen.

Der Solidaritätsbeitrag für ehemalige Heim- oder Verdingkinder sei ein «Zeichen der Anerkennung des erlittenen Unrechts». So formuliert es der Bund. Gemäss Gesetz haben Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen Anspruch auf 25'000 Franken. Beschlossen wurde dies vom Parlament vor drei Jahren als Gegenvorschlag zur Wiedergutmachungs-Initiative.

Viele Betroffene haben das Geld inzwischen erhalten. In einem Fall, über den das Schweizer Fernsehen SRF am Dienstag berichtete, …

Artikel lesen
Link zum Artikel