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Seltene Erden in Schweden: Macht das Europa unabhängig von China?

Iron mining, aerial view. Kirunavarra. Kiruna. Lappland. Sweden
Bei Kiruna im Norden Schwedens wurden grosse Vorkommen an Seltenen Erden entdeckt.Bild: http://www.imago-images.de/

Rekordfund Seltener Erden in Schweden: Macht das Europa unabhängig von China?

Der Rekordfund von «Metallen der Seltenen Erden» in Schweden kann Europa unabhängiger von China machen, aber frühestens in zehn Jahren.
17.01.2023, 09:08
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t-online

Sie heissen Neodym, Praseodym, Cerium oder Dysprosium und sind für unsere digitale Welt unabdingbar: Die Metalle der Seltenen Erden werden für die Produktion von Windkraftgeneratoren, Flachbildschirmen, Elektroautos und vieles mehr gebraucht. Dabei sind Seltene Erden weder selten, noch sind sie Erde. Es handelt sich um 17 verschiedene Metalle.

Der mit Abstand grösste Teil der weltweiten Produktionsmenge von Seltenen Erden stammt aus China. Am Donnerstag meldete der staatliche schwedische Bergbaukonzern LKAB den mit mehr als einer Million Tonnen Volumen bislang grössten bekannten Fund in Europa. Ist das die Chance, sich aus der Abhängigkeit von China zu befreien? Jens Gutzmer, Experte für Ressourcentechnologie am deutschen Helmholtz-Institut ordnet das Potenzial des Fundes ein.

Welche Menge Seltene Erden wird weltweit benötigt?

Die Jahresproduktion aller Seltenen Erden beträgt weltweit aktuell etwa 250'000 Tonnen. Die weltweite Produktion steigt laut Gutzmer aber jedes Jahr weiter an, zwischen 2021 und 2022 um mehr als zehn Prozent.

Die im schwedischen Per Geijer lokalisierte Menge an Seltenen Erden würde LKAB-Angaben nach ausreichen, um einen Grossteil der künftigen EU-Nachfrage für die Herstellung von Permanentmagneten zu decken. Um dahin zu kommen, braucht es aber Zeit.

Schweden: Bergbauunternehmen entdeckt grösstes Vorkommen Seltener Erden in Europa.Video: YouTube/ZEIT ONLINE

Wann kann der Abbau in Schweden beginnen?

In der Pressemitteilung von LKAB wird von zehn bis 15 Jahren Vorbereitungszeit gesprochen. Das sei absolut realistisch, sagt Gutzmer. «Zum einen ist die Erkundung der Lagerstätte Per Geijer noch nicht abgeschlossen, zum zweiten benötigen die regulativen und technischen Vorbereitungen und insbesondere auch alle notwendigen Betrachtungen zum Umweltimpakt eines Bergwerksvorhabens in Europa in der Regel fünf bis zehn Jahre», so der Experte.

Gibt es eine Alternative zu Per Geijer?

Mindestens ein Jahrzehnt also bis zur ersten Förderung – vor dem Hintergrund der rasanten technischen Entwicklungen ist das ein langer Zeitraum, der nur durch Importe aus China und anderen Ländern überbrückt werden kann. Oder gibt es eine Alternative?

Kiruna-Mine und der Fundort der Seltenen Erden in der Lagerstätte Per Geijer im schwedischen Kiruna.
Kiruna-Mine und der Fundort der Seltenen Erden in der Lagerstätte Per Geijer im schwedischen Kiruna.bild: lkab

«Eine naheliegende Alternative sind die Eisenerze aus dem Bergwerk Kiruna direkt nebenan. Es produziert pro Jahr viele Millionen Tonnen Eisenerze, die sehr ähnlich denen aus der Lagerstätte Per Geijer sind. Die Erze enthalten ebenfalls Seltene-Erd-führende Phosphate. Diese Seltenen Erden werden heute aber nicht abgetrennt, sondern bleiben in den Bergbau-Rückständen», sagt Gutzmer.

Mit der richtigen Technologie könnten seiner Einschätzung nach schon jetzt aus den anfallenden Rückständen Seltene Erden und Phosphat gewonnen werden. «Wäre dies möglich, würde es schon im nächsten Jahr einen Unterschied machen für die Seltene-Erden-Versorgung in Europa», so der Wissenschaftler.

Wer fördert am meisten Seltene Erden?

Doch das ist Theorie. In der Praxis ist China der Herr über die Seltenen Erden und kann seine Vormachtstellung als politisches oder strategisches Druckmittel nutzen.

Mit etwa zwei Dritteln der Förderung Seltener Erden dominiert China die weltweite Produktion. Einem Kommissionsbericht aus dem Jahr 2020 zufolge bezog die EU zu dieser Zeit 98 Prozent ihres Bedarfs an Seltenen Erden aus China. Die Abhängigkeit ist also gewaltig.

China baut weltweit die grösste Menge an Seltenen Erden ab.
China baut weltweit die grösste Menge an Seltenen Erden ab.bild: statista

Kann uns der Fund in Schweden daraus befreien? Gutzmer: «Tatsächlich könnten die Seltenen Erden aus der Lagerstätte Per Geijer in der Zukunft einen signifikanten Teil des Bedarfs an Seltenen Erden in Europa abdecken. Allerdings muss dazu nicht nur das Bergwerk auf der Lagerstätte Per Geijer in Produktion gehen, sondern auch die technischen Probleme, die mit der Abtrennung der Seltenen Erden aus dem dort vorhandenen Rohstoff gelöst werden.»

Gutzmers Meinung nach hat LKAB als grosses und innovatives Bergbauunternehmen das Potenzial, diese technologischen Probleme zu adressieren: «Die Technologieentwicklung wird einige Jahre dauern. Insofern ist es mit der verfügbaren Vorlaufzeit von zehn Jahren genau der richtige Zeitpunkt, mit der Entwicklung der Technologien zur Verarbeitung von Seltenen Erden aus dem Eisenerz der Lagerstätte Per Geijer zu beginnen.»

Was tut die EU?

Um den Chinesen die Stirn zu bieten, sollen Minenprojekte wie die in Schweden deshalb auch aus Brüssel gefördert werden. So will die EU-Kommission in diesem Frühjahr Massnahmen vorschlagen, mit denen die strategische Autonomie Europas in Bezug auf wichtige Rohstoffe gestärkt werden soll.

Was ist mit den deutschen Vorkommen an Seltenerdoxiden?

Auch in Deutschland finden sich Seltene Erden. Eine Lagerstätte wurde vor etwa zehn Jahren 600 Meter tief unter dem sächsischen Dorf Storkwitz lokalisiert. Warum wird es nicht gefördert? Gutzmer erklärt: «Der Abbau und die Verarbeitung sind wirtschaftlich nicht sinnvoll.» Das liegt auch daran, wie die Metalle in der Erde eingebettet sind. Im Fall der Lagerstätte Per Geijer sei es die Kombination von Eisenerz (zur Herstellung von Stahl), Phosphat (zur Herstellung von Düngemitteln) und eben Seltenen Erden, die eine gemeinsame Verarbeitung wirtschaftlich sinnvoll macht.

Lohnt sich das Recyclen von Altgeräten?

Wir entreissen der Erde ihre Seltenen Erden in riesigen Mengen, um damit unsere digitale Zukunft zu bauen. Aber lohnt sich nicht auch das Recyclen? Natürlich müssten dazu neue Technologien und neue Geschäftskonzepte her, so Gutzmer.

Allerdings muss man für das Hier und Jetzt «erkennen, dass der weltweite Bedarf an Seltenen Erden und anderer Hochtechnologiemetalle rasch ansteigt. Das kann man nicht durch das Recycling von bisher eingesetzten Mengen abdecken. Hier werden wir weiter unsere natürliche Rohstoffbasis nutzen müssen.»

Material der Nachrichtenagenturen dpa und AFP

(t-online)

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