Wissen
Forschung

Neu beobachtetes Neutrino stellt Teilchenphysiker vor Rätsel

Künstlerische Darstellung des Neutrinoobservatoriums KM3NeT.
Künstlerische Darstellung des unterseeischen Neutrinoobservatoriums KM3NeT im Mittelmeer.Illustration: Edward Berbee, Nikhef

Neu beobachtetes Neutrino stellt Teilchenphysiker vor Rätsel

Ein auf dem Grund des Mittelmeers beobachtetes, extrem energiereiches Neutrino könnte auf eine neue Physik hindeuten.
17.03.2026, 18:0517.03.2026, 18:05

Neutrinos sind höchst ungewöhnliche Teilchen. Ihre Masse ist verschwindend klein, sie tragen keine elektrische Ladung und reagieren äusserst selten mit Materie. Jede Sekunde durchqueren Milliarden dieser Teilchen unseren Körper, und wir bemerken nichts davon. Aufgrund dieser seltenen Wechselwirkungen können Neutrinos nahezu unbeeinträchtigt durch den Weltraum reisen und dabei Informationen über hochenergetische kosmologische Ereignisse wie explodierende Sterne oder supermassive Schwarze Löcher transportieren.

Extrem energiereiches Neutrino

Aufgespürt werden Neutrinos beispielsweise mit dem Neutrino-Teleskop KM3NeT. Es ist ein Observatorium, das sich mehrere Kilometer tief auf dem Grund des Mittelmeers befindet. Tausende von optischen Sensoren überwachen dort ein riesiges Wasservolumen auf der Suche nach einem schwachen blauen Lichtblitz, der sogenannten Tscherenkow-Strahlung. Sie entsteht dadurch, dass ein Neutrino in einem lichtdurchlässigen Medium wie Wasser ein geladenes Sekundärteilchen erzeugt, das sich im Medium schneller als Licht bewegt. Aus diesem blauen Lichtblitz rekonstruieren die Sensoren Richtung und Energie des ursprünglichen Teilchens.

KM3NeT registrierte kürzlich ein besonders energiereiches Ereignis: Die Analyse der Daten rekonstruierte ein Neutrino mit der extrem hohen Energie von rund 220 PeV (Petaelektronenvolt). Solche Energien liegen weit über dem, was Teilchenbeschleuniger auf der Erde erzeugen können.

Diskrepanz mit anderem Detektor

Was die Physiker jedoch vor ein Rätsel stellt, ist die Tatsache, dass ein anderes grosses Neutrino-Observatorium – IceCube auf der Amundsen-Scott-Südpolstation in der Antarktis – bisher nie ein solches hochenergetisches Ereignis registrieren konnte, obwohl es seit Jahren kosmische Neutrinos im antarktischen Eis beobachtet. Theoretische Vorhersagen hätten dies jedoch erwarten lassen, da sowohl die Datenerfassungszeit als auch die effektive Fläche von IceCube jene von KM3NeT übertreffen.

Da dies nicht der Fall war, könnte das von KM3NeT registrierte hochenergetische Neutrino möglicherweise auf neue physikalische Phänomene hindeuten – etwa eine neue Art von Neutrinos oder nicht-standardmässige Wechselwirkungen, die im Standardmodell der Physik nicht berücksichtigt sind.

«Sterile» Neutrinos?

Ein Forschungsteam der Oklahoma State University hat diese merkwürdige Diskrepanz näher untersucht und seine Analyse in der Fachzeitschrift Physical Review Letters veröffentlicht. In seiner Studie befasst es sich insbesondere mit der Existenz steriler Neutrinos – einer hypothetischen vierten Form von Neutrinos, die nicht über die üblichen Kräfte im Universum wechselwirken. Die bekannten drei Neutrino-Arten – Elektron-, Myon- und Tau-Neutrinos – können während ihrer Bewegung im Raum über einen als «Neutrino-Oszillation» bezeichneten Quanteneffekt ihren Typ wechseln.

«Aktive Neutrinos sind die Neutrinos, die wir bereits kennen, die gelegentlich mit Materie wechselwirken und nachgewiesen werden können. Sterile Neutrinos sind hypothetische Neutrinos, die in erster Linie indirekt durch ihre Vermischung mit den aktiven Neutrinos untersucht werden können», erklärten Vedran Brdar und Dibya S. Chattopadhyay, Mitautoren der Studie, gegenüber Phys.org.

Längerer Weg durch Materie

Das Forschungsteam ging der Frage nach, worin bei diesem Ereignis der wichtigste Unterschied zwischen KM3NeT und IceCube liegt. Es könnte sich um den Weg handeln, den das Neutrino vor der Detektion zurücklegt: Während ein Signal, das in einem möglichen Szenario KM3NeT erreicht, etwa 150 Kilometer Gestein und Meerwasser durchquert, beträgt dieser Weg bei IceCube lediglich rund 14 Kilometer durch antarktisches Eis.

Da Materie Neutrino-Oszillationen beeinflussen kann, konzentrierten sich Brdar und Chattopadhyay schliesslich auf bestimmte Szenarien, bei denen die Umwandlung von sterilen Neutrinos in aktive Neutrinos durch Neutrino-Oszillationen in Gegenwart von Materie im Erdinneren verstärkt wird. «Die von uns vorgeschlagene Idee ist, dass ein überwiegend steriler Neutrinofluss bei KM3NeT viele aktive Neutrinos erzeugen könnte», erklärten sie. «Aufgrund der deutlich längeren Wegstrecke durch die Materie würde dies das erwartete Signal bei KM3NeT im Vergleich zu IceCube verstärken und damit die Anomalie erklären.»

Schematische Darstellung der Umwandlung von sterilen in aktive Neutrinos, die durch Materieeffekte verstärkt wird. Der längere Weg durch die Erde, den die Neutrinos bis zum KM3NeT zurücklegen, kann im ...
Schematische Darstellung der Umwandlung von sterilen in aktive Neutrinos, die durch Materieeffekte verstärkt wird. Der längere Weg durch die Erde, den die Neutrinos bis zum KM3NeT zurücklegen, ... Grafik: Vedran Brdar & Dibya S. Chattopadhyay
Schematische Darstellung der Umwandlung von sterilen in aktive Neutrinos, die durch Materieeffekte verstärkt wird. Der längere Weg durch die Erde, den die Neutrinos bis zum KM3NeT zurücklegen müssen,  ...
... kann im Vergleich zu IceCube zu einer stärkeren Umwandlung führen.Grafik: Vedran Brdar & Dibya S. Chattopadhyay

Wenn sich diese Erklärung bestätigen liesse, hätte dies weitreichende Konsequenzen. Ultrahochenergetische Neutrinos könnten Einblicke in physikalische Prozesse liefern, die weit über die Energien heutiger Beschleuniger hinausgehen. «Das anomale Fehlen vergleichbarer ultrahochenergetischer Ereignisse in IceCube könnte bereits auf neue Physik bei extrem hohen Energien hindeuten», so Brdar und Chattopadhyay.

Noch handelt es sich jedoch um eine Hypothese. Einzelne Ereignisse können statistische Ausreisser sein. Erst wenn weitere Neutrinos dieser Energieklasse beobachtet werden, lässt sich beurteilen, ob tatsächlich neue Teilchenphysik dahintersteckt. (dhr)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Geiler Science Porn aus der scharfen Welt der Wissenschaft
1 / 34
Geiler Science Porn aus der scharfen Welt der Wissenschaft
Ein Klettverschluss unter dem Mikroskop.
Auf Facebook teilenAuf X teilen
«Das ist eine Sackgasse»: Astrophysiker zerlegt die Atomenergie in 57 Sekunden
Video: twitter
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
3 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Rantaplan
17.03.2026 18:38registriert August 2020
Der spannendste Artikel seit Tagen. Endlich mal nicht nur Trump Trump Trump
230
Melden
Zum Kommentar
3
Womöglich gibt es doppelt so viele Wirbeltierarten wie bisher gedacht
Eine neue Studie über Kryptospezies – Arten, die gleich aussehen, aber sich genetisch unterscheiden – zeigt, dass es möglicherweise viel mehr Wirbeltierarten gibt, als wir bisher angenommen haben.
Kein Mensch weiss, wie viele Arten die Erde bevölkern. Schätzungen reichen von Millionen bis zu Billionen. Eine 2011 in PLOS Biology veröffentlichte Studie, die mit der Zeit zur «Standardschätzung» avancierte, kam auf die Anzahl von 8,75 Millionen – wobei 80 Prozent dieser Arten hypothetisch sind. Doch taxonomische Methoden wie DNA-Barcoding haben diese Zahl immer weniger plausibel erscheinen lassen. Nur schon Pilze könnten mehr als 6 Millionen Arten zählen, Insekten um die 20 Millionen. Mikroorganismen wie Bakterien? Womöglich Billionen.
Zur Story