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Klimawissenschaft: Antarktis-Eis wird im Sommer in Bern eintreffen

Antarktis
Der 2,8 Kilometer lange Eisbohrkern aus der Antarktis enthält Daten, die mindestens 1,2 Millionen Jahre zurückreichen (Symbolbild).Bild: shutterstock

Einzigartiger wissenschaftlicher Schatz: Antarktis-Eis wird im Sommer in Bern eintreffen

15.01.2025, 13:43
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Forscherinnen und Forscher der Universität Bern erwarten im August einen einzigartigen wissenschaftlichen Schatz: Teile des ältesten jemals geborgenen Eisbohrkerns werden im Hochsommer aus der Antarktis in der Schweiz eintreffen, wie Forschende am Mittwoch vor den Medien in Bern bekannt gaben.

Der 2,8 Kilometer lange Eisbohrkern enthält Daten, die mindestens 1,2 Millionen Jahre zurückreichen. Derzeit können die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nur 800'000 Jahre zurückgehen. Hubertus Fischer, der die Schweizer Untersuchungen leitet, vermutet, dass die Daten im Eis sogar noch etwas weiter zurückgehen, wie er sagte. Das werden aber erst genauere Analysen zeigen.

Jeder Meter des Eisbohrkerns enthält laut Fischer rund 13'000 Jahre Klimageschichte. Im Eislabor der Universität Bern werden Forscherinnen und Forscher Gase wie CO2 und Methan im Eis analysieren, um Informationen zum Klima in dieser Zeit zu erhalten. Dabei sei Präzision geboten, sagte Fischer. «Wir sind da sehr penibel», so der Forscher. Die Universität sei parat. «Unsere Methoden wurden ausführlich erprobt. »Weitere Teile des Eises werden von anderen Universitäten in Europa analysiert.

Ihre Arbeit könnte dazu beitragen, ein grosses Rätsel in der Klimageschichte unseres Planeten zu entschlüsseln. Denn zu dieser Zeit vor rund 1,2 Millionen Jahren verlangsamten sich die Gletscherzyklen plötzlich deutlich, von 41’000 auf 100’000 Jahre. Warum das so ist, versuchen die Forschenden nun herauszufinden.

Langer Weg nach Europa

Im Moment befindet sich das Eis noch in der Antarktis. Demnächst wird es in spezielle Kühlcontainer auf einem italienischen Forschungsschiff geladen, das es nach Europa bringen wird. Damit die Eiskerne erhalten bleiben, werden sie auf minus 50 Grad gekühlt.

In Europa angekommen, werden die Eisbohrkerne zunächst mit einem Lastwagen nach Bremerhaven (D) gebracht. Dort werden erste Analysen durchgeführt, bevor sie zersägt und an die Universitäten verteilt werden.

Auch im Eislabor der Universität wurden Kühlkammern eingebaut, in denen das Eis bei minus 50 Grad gelagert werden kann. Damit das Eis auch bei Notfällen erhalten bleibt, gibt es eine Notstrom- und auch eine Notkühlwasserversorgung, wie Fischer erklärte.

In Bern werden die Forschenden das Eis dann mit einer neuartigen Lasertechnik analysieren, die die Universität Bern zusammen mit der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa entwickelt hat. Damit können die Treibhausgase im Eis mit höchster Präzision gemessen werden, wie Fischer erklärte. Schlussendlich wird das Eis für die Messungen in Bern sublimiert, also in seinen Gasförmigen zustand gebracht.

«Kein Klacks»

Erfolgreich geborgen wurde der Eisbohrkern Anfang Jahr. Für die Forscherinnen und Forscher eine grosse Erleichterung. «Wir haben jeden Meilenstein gefeiert», sagte Barbara Seth von der Universität Bern, die an den Bohrungen in der Antarktis beteiligt war, während einer Live-Schaltung aus der Antarktis.

«Wir sind natürlich auf heissen Kartoffeln gesessen», sagte auch Fischer. 2800 Meter tief zu bohren sei «kein Klacks». Wäre ein Bohrer steckengeblieben, hätte man von vorne anfangen müssen. Schief gegangen sei aber nichts. «Diese Saison war ein absoluter Traum, es gab nur gute Nachrichten. Alles hat funktioniert, wie wir uns das vorgestellt haben», schwärmte der Forscher.

Schon die Suche nach dem passenden Ort für diese Bohrung war laut dem Forscher eine Herausforderung. Die Eisdicke muss ausreichend dick sein, ist das Eis aber zu dick, isoliert es zu stark, sodass die untersten Schichten schmelzen. «Es ist wirklich ganz schwierig, einen passenden Punk zu finden», so Fischer.

Schichtarbeit in der Antarktis

Gebohrt wurde in der Antarktis im Schichtbetrieb. Insgesamt konnten die Forschenden so 16 Stunden am Tag bohren. Und dies bei eiserner Kälte. Über dem Bohrloch sei ein Zelt gestanden, in dem Temperaturen von minus 25 Grad herrschten. Den Berner Forschenden vor Ort scheint das aber nichts ausgemacht zu haben. «Ich würde sofort wieder kommen», sagte Seth bei der Live-Schaltung. Auch Lison Soussaintjean, die ebenfalls von der Universität Bern in die Antarktis geschickt wurde, würde «mit 200-prozentiger Sicherheit» wieder kommen, sagte sie.

Am Anfang haben die Forschenden laut Fischer jeden Tag etwa 30 Meter tief gebohrt. Gegen Ende etwa 30 Meter pro Tag geschafft. Je tiefer sie kamen, desto langsamer wurden sie aber. Gegen Ende haben sie noch rund 20 Meter am Tag geschafft.

Gekostet hat das Forschungsprojekt, an dem Institutionen in ganz Europa beteiligt sind, rund 30 Millionen Euro. (sda)

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