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Ägyptologen untersuchen Pharao-Mumie mittels CT – und entdecken Erstaunliches

News aus dem Alten Ägypten: Der Ägyptologe Zahi Hawass und die Radiologin Sahar N. Saleem scannten die Mumie des Pharaos Amenophis I. und entdeckten Erstaunliches.
29.12.2021, 18:4031.12.2021, 06:04
Yasmin Müller
Yasmin Müller
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Wie Ägyptologen arbeiten? Sie sitzen mit einem Pinsel und einer Kelle in der prallen Sonne und inspizieren die Wände von alten Tempeln, suchen nach Tonscherben auf alten Friedhöfen oder graben die Wüste um. Vielleicht tun sie das wirklich – von Zeit zu Zeit.
Und zwischendurch wickeln Ägyptologen nebenbei Mumien aus. Halt! Das tun sie bestimmt nicht – zumindest nicht mehr. Denn Forschende lassen Mumien heutzutage eingepackt.

Allerdings erliegen auch Ägyptologen regelmässig dem Charme von altägyptischen Mumien und wollen doch etwas genauer wissen, wer sich in den meterlangen Mumienbinden verbirgt und welche Schätze die alten Ägypter ihren Toten eng am Körper mitgegeben haben.

So auch der berühmte Ägyptologe Zahi Hawass. Er wollte einen «Einblick in das Aussehen, die Gesundheit, die Todesursache und die Art der Mumifizierung der Mumie von Pharao Amenophis I.» Grund genug für Hawass, den alten König in ein CT-Gerät zu verfrachten – und ihn digital zu entpacken. Denn der mumifizierte Körper Amenophis I. ist in der Neuzeit nicht entblösst worden, indem er aus seinem Mumienbinden-Kokon ausgewickelt wurde – ein Schicksal, das viele seiner Vor- und Nachfahren besonders im 19. Jahrhundert erleiden mussten.

Die Abbildung der Mumie von Amenophis I. zeigt den vollständig in Leinen gehüllten Körper, der mit Blumengirlanden aus Rittersporn, ägyptischem Flusshanf und Färberdisteln bedeckt ist und eine sogenannte Mumienmaske trägt.
Die Abbildung der Mumie von Amenophis I. zeigt den vollständig in Leinen gehüllten Körper, der mit Blumengirlanden aus Rittersporn, ägyptischem Flusshanf und Färberdisteln bedeckt ist und eine sogenannte Mumienmaske trägt.Bild: Saleem S. N. & Hawass Z. (2021): Digital Unwrapping of the Mummy of King Amenhotep i (1525–1504 BC) Using CT. in: Front. Med. 8, Artikel 778498.

Am 28. Dezember veröffentlichten Hawass und die Radiologin Sahar N. Saleem ein Paper in der medizinischen Fachzeitschrift «Frontiers in Medicine» mit den Ergebnissen des königlichen CT-Scans. Es gibt einiges zu berichten: Die Ergebnisse des CT-Scans sind faszinierend und geben Aufschluss über das Aussehen des Pharaos oder den Schmuck des Pharaos.

Amenophis I. wurde sorgfältig mumifiziert – mitsamt Gehirn

Saleem schwärmt gegenüber der englischen Zeitung The Guardian von Amenophis I.: «Er hatte ein schmales Kinn, eine kleine schmale Nase, lockiges Haar und leicht vorstehende obere Zähne.» Und sowieso sei das ganze Projekt aufregend gewesen: «wie das Auspacken eines Geschenks».

Weiter sagt sie über den König: «Er war etwa 169 cm gross, beschnitten und hatte ein gutes Gebiss.»

Der CT-Scan offenbart die vielen Schichten: Der mumifizierte Körper von Amenophis ist mit Leinenbinden umwickelt (rot-brauner Schatten). Darüber umhüllt die bemalte Mumienmaske aus Kartonnage und Holz die Leinenbinden (mit Einlagen aus Obsidian).
Der CT-Scan offenbart die vielen Schichten: Der mumifizierte Körper von Amenophis ist mit Leinenbinden umwickelt (rot-brauner Schatten). Darüber umhüllt die bemalte Mumienmaske aus Kartonnage und Holz die Leinenbinden (mit Einlagen aus Obsidian). Bild: saleem s. n. & hawass z. (2021): digital unwrapping of the mummy of king amenhotep i (1525–1504 bc) using ct. in: front. med. 8, artikel 778498.

Zum Zustand der Mumie entdeckten Hawass und Saleem überraschendes: Häufig wird berichtet, dass die alten Ägypter ihren Toten das Gehirn entfernten – und zwar durch die Nase oder ein Loch im Schädel. Die CT-Scans haben nun aber gezeigt, dass Amenophis' I. Gehirn intakt war. Ganz im Gegensatz zu den Mumien anderer Könige aus dem Neuen Reich, wie Tutanchamun oder Ramses II., denen das Gehirn entfernt wurde.

CT-Aufnahme von Kopf und Hals der Mumie von Amenophis I. Das ausgetrocknete Gehirn (hellgrau) ruht an der Rückseite des Schädels.
CT-Aufnahme von Kopf und Hals der Mumie von Amenophis I. Das ausgetrocknete Gehirn (hellgrau) ruht an der Rückseite des Schädels.Bild: aleem S. N. & Hawass Z. (2021): Digital Unwrapping of the Mummy of King Amenhotep i (1525–1504 BC) Using CT. in: Front. Med. 8, Artikel 778498.

Zum Zustand der Mumie sagt Saleem weiter: «Wir konnten zeigen, dass zumindest bei Amenophis I. die Priester die von den Grabräubern zugefügten Verletzungen liebevoll repariert haben, seine Mumie wiederhergestellt haben und den prächtigen Schmuck und die Amulette an Ort und Stelle bewahrten».

Moment: Verletzungen von Grabräubern?

Amenophis I. regierte Ägypten um das Jahr 1500 v. Chr. Seine Regierungszeit betrug wohl etwa 20 Jahre. Amenophis I. war der zweite König der 18. Dynastie und wird somit von den Ägyptologen dem sogenannten Neuen Reich zugeordnet.

Das Neue Reich war über lange Strecken eine Hochzeit des Alten Ägyptens: Die Pharaonen liessen Tempel bauen und ausbauen oder vergrösserten das ägyptische Territorium durch Eroberungen – so auch Amenophis I. Aus heutiger Sicht zeugen auch die spektakulären Gräber im «Tal der Könige» von der Grösse Ägyptens während des Neuen Reichs. Das «Tal der Könige» ist die letzte Ruhestätte einer ganzen Reihe von Pharaonen aus dieser Epoche. Allerdings wurde das Originalgrab von Amenophis I. bis jetzt nicht identifiziert – weder im «Tal der Könige» noch ausserhalb.

Woher stammt dann die intakte Mumie von Amenophis I., wenn sein Grab unbekannt ist? 1881 wurde die Mumie Amenophis' I. zusammen mit anderen Königsmumien in der sogenannten «Cachette von Deir el-Bahari» in der Nähe der heutigen Stadt Luxor entdeckt: Die grossen Pharaonen des Neuen Reichs wurden also zusammengepfercht in einem Mumiendepot ausserhalb ihres Friedhofs gefunden. Zum Glück. Denn bereits in der Antike haben Grabräuber die königlichen Gräber im Tal der Könige geplündert und auch vor den wertvollen Amuletten und Schmuckstücken, die in die Mumienbinden der Könige eingewickelt waren, nicht haltgemacht. Darum haben Beamte der sogenannten Dritten Zwischenzeit (ca. 1000–650 v. Chr.) die ramponierten Königsmumien aus ihren angestammten Gräbern geholt, neu eingewickelt und an einem geheimen Ort neu bestattet.

Amenophis I. Todesursache bleibt weiterhin unbekannt

Hawass und Saleem erhofften sich, mittels des CT-Scans Belege dafür zu finden, wie Amenophis I. gestorben war. Dies ist ihnen bis jetzt aber nicht gelungen: «Wir konnten keine Wunden oder krankheitsbedingte Entstellungen finden, die die Todesursache rechtfertigen würden. Was wir gefunden haben, sind zahlreichen Verstümmelungen, die post mortem zugefügt wurden – vermutlich von den Grabräubern nach der ersten Bestattung», so Saleem.

Die CT-Scans zeigen, wie bei der zweiten Bestattung mit einigen dieser Verstümmelungen umgegangen wurde: Unter anderem wurde der Kopf des Königs wieder auf den Halswirbeln fixiert sowie abgebrochene Finger im Bauchraum des Königs verstaut.

Amenophis I. Todesalter und sein gutes Gebiss

Der Scan des Schädels von Amenophis I. zeigt, dass der König, im Gegensatz zu vielen anderen königlichen Mumien, ein gutes Gebiss hatte.

Basierend auf der Schliessung der Epiphysenfuge der Röhrenknochen, der Schambeinfuge sowie aufgrund des Gebisses schlussfolgern die Autoren: «Das Todesalter Amenhotep I. liegt bei ungefähr 35 Jahren».

Amenophis I. wurde mit üppigen Beigaben geschmückt

In Amenophis' I. Mumienbinden sind rund 30 Amulette eingewickelt. Direkt auf dem Körper des Pharaos liegt ein Gürtel, der aus 34 Goldperlen und einem Amulett-Anhänger besteht.

Gürtel aus 34 goldenen Perlen.
Gürtel aus 34 goldenen Perlen.Bild: aleem s. n. & hawass z. (2021): digital unwrapping of the mummy of king amenhotep i (1525–1504 bc) using ct. in: front. med. 8, artikel 778498.

Diese Amulette waren nicht bloss Schmuck, sondern sollten den verstorbenen König im Jenseits schützen und begleiten.

Hawass und Saleem veröffentlichen im Paper die Hypothese, dass einige Amulette von den Priestern der Dritten Zwischenzeit bewusst auf den von Grabräubern zerstörten Bauchraum gelegt wurden, um diesen vor weiteren Schäden zu schützen.

Womöglich wird man in Zukunft dem Pharao Amenophis I. mit neuer Technik noch weitere Geheimnisse entlocken. Bis dahin ist die Mumie in Kairo zu bestaunen.

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