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Frauen der Geschichte

Marija kaufte einen Panzer und rächte ihren getöteten Ehemann

In dieser Serie wollen wir euch 7 Frauen vorstellen, die während des Zweiten Weltkrieges gegen die Nationalsozialisten gekämpft haben. Heute Teil II: Marija Oktjabrskaja (1902–1944), die sowjetische Panzerheldin.



Ihr Geburtsjahr wird oft mit 1905 angegeben. Aber Marija kam schon drei Jahre früher zur Welt. Man hatte ihr Alter nach unten korrigiert, um das 11-jährige Mädchen in die erste Klasse schmuggeln zu können. Davor war einfach zu viel los zuhause.

Marija kam aus einer armen ukrainischen Bauernfamilie, einer Familie ehemaliger Leibeigener auf der Krim-Halbinsel. Vielleicht darum wuchs sie zu einer besonders feurigen Kommunistin heran und trug bald die hehren Ideale der Revolution in ihrem mutigen Herzen.

Mit 19 geht sie nach Simferopol, um erst in einer Konservenfabrik, dann in der Telefonzentrale der Stadt zu arbeiten. Und eines Tages reitet auch die Liebe in ihr Leben. In Gestalt eines stattlichen Kadetten der sowjetischen Kavallerieschule. Ilja Riadnenko heisst er und auch in ihm brennt das Feuer, das Lenin zu entfachen vermochte. Als die beiden heiraten, nehmen sie den Namen Oktjabrskaja an, Oktober, in Gedenken an die Grosse Sozialistische Oktoberrevolution von 1917.

Standhaft ertrug Marija das nomadische Militärleben, die vielen Dienstortswechsel ihres roten Kavalleristen. «Heirate einen Soldaten und du dienst in der Armee», sagte sie. Marija war stolz, die Frau eines Armeekommandanten zu sein, sie sass im Militärfrauenrat, lernte Autofahren und Schiessen und liess sich zur Krankenschwester ausbilden. Mit ihren selbst gestickten Servietten und Deckchen dekorierte sie die trostlosen Militärbaracken, und wenn in den Garnisonen Aufführungen stattfanden, war sie es, die sich mit ihrer schönen Stimme mitten in die Soldatenseelen sang.

Dann kam der Grosse Vaterländische Krieg und Ilja ging an die Front. Seiner Frau schrieb er:

«Glaube, Liebes, glaube, der Sieg wird definitiv unser sein. Wir werden die Faschisten vernichten.»

Ilja Oktjabrskaja

Marija Oktjabrskaja auf einer sowjetischen Postkarte.

Es war der einzige Brief, den Marija von ihrem Mann bekam. Sie wohnte inzwischen im sibirischen Tomsk, dorthin wurde sie nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion evakuiert. Sie wartet. Bis ihr gesagt wird, dass ihr Mann nicht mehr nach Hause kommen werde. Der tapfere Regimentskommissar Ilja Oktjabrskaja fiel am 9. August 1941 in der Nähe von Kiew. Die Nachricht von seinem Tod brauchte zwei Jahre, bis sie bei Marija ankam.

Der Schmerz machte Marijas Herz zu einem Stein. Schwer lag er ihr in der Brust und so trug sie ihn nach Nowosibirsk zum Frauenkongress, wo die Mütter und Gattinnen gefallener Soldaten zusammensassen, um gemeinsam ihren Verlust zu betrauern. Doch das Leid all jener vom Krieg zerfetzten Leben schien den Stein nur noch härter zu machen. So hart, dass sie beschloss, sich zu rächen.

Drei Mal beantragte sie ihren Eintritt ins Militär, sie wollte an die Front. Aber man lehnte ihr Ansinnen jedes Mal ab. Marija litt an Halswirbel-Tuberkulose und war bereits 41 Jahre alt.

Aufgeben aber lag nicht in ihrer Natur. Also verkaufte sie ihre ganze Habe, um damit einen T-34-Panzer für die Rote Armee zu kaufen. Das Geld reichte aber nicht und so begann sie damit, über Wochen zu sticken. Ihre schönen Taschentücher, Tischdecken und Kissenbezüge waren so begehrt, dass sie selbst im Krieg ihre Abnehmer fanden. Und als sie den Betrag endlich beisammen hatte, schreib sie Stalin höchstpersönlich einen Brief:

«Lieber Josef Wissarionowitsch!
In den Kämpfen um das Mutterland starb mein Mann, der Regimentskommissar Ilja Oktjabrskaja. Für seinen Tod, für den Tod aller Sowjets, die von Barbaren gefoltert wurden, möchte ich mich an den faschistischen Hunden rächen. Zu diesem Zweck habe ich alle meine persönlichen Ersparnisse – 50'000 Rubel – bei der Nationalbank hinterlegt, damit ein Panzer gebaut werden kann. Ich bitte darum, den Panzer ‹Kämpfende Freundin› zu nennen und mich als Fahrer des Panzers an die Front zu schicken. Ich habe den Führerschein und kann ausgezeichnet mit einem Maschinengewehr umgehen. Ich sende Ihnen meine herzlichsten Grüsse und wünsche Ihnen lange Gesundheit. Mögen Sie unseren Feinden Angst einjagen zur ewigen Ehre unseres sozialistischen Mutterlandes.
Maria Oktjabrskaja.»

Stalin liess sich nicht lange bitten.

«Danke, Marija Oktjabrskaja, für Ihre Sorge um die Panzertruppen der Roten Armee. Ihr Wunsch wird erfüllt. Bitte nehmen Sie meine Grüsse an.»

Josef Stalin

Marijas Brief und Stalins Antwort in der Zeitung «Rote Flagge» vom 5. März 1943.

Damit war Marija eine von etwa 800'000 Frauen, die sich zwischen 1941 und 1945 als Freiwillige der Roten Armee anschlossen.

Die Deutschen nannten sie verächtlich «Flintenweiber» und ermordeten sie gnadenlos, wenn sie in ihre Hände fielen. Sie fotografierten die gefangenen Sowjet-Soldatinnen, die dann als abschreckendes Beispiel in den Zeitungen des Dritten Reichs abgedruckt wurden.

Die Mehrheit der Frauen – ungefähr eine halbe Million – diente im sanitären Bereich, als Ärztinnen und Krankenschwestern. Sie waren aber auch im Fernmeldewesen, in Schreibtischstuben und Wäschereien tätig. Sie waren Bomberpilotinnen, Scharfschützinnen, Minensucherinnen und Aufklärerinnen. Und manchmal fuhren sie Panzer.

Marija bekam ein fünfmonatiges Training in Panzertechnik und bestand alle ihre Prüfungen mit Bravour. Im September 1943 schickte man sie als Fahrerin und Mechanikerin zur 26. Panzerbrigade an die Front.

Ihr Panzer war bereits vor ihr da – und rasend schnell verbreitete sich die Geschichte seiner Besitzerin. Aus Trauer und Leid sei er zusammengeschweisst worden, wird später einer von Marijas Kampfgefährten sagen. «Er hielt den lebendigen Atem der Liebe und das verzehnfachte unsere Stärke.»

Erst aber belächelte man Marija. Egal wie feurig ihre Antrittsrede auch war:

«Liebe Freunde.
Ich bin stolz darauf, in dieser Einheit gegen den verhassten Feind zu kämpfen. Die deutsche Grenze ist fern, aber wir werden sie erreichen. Wir werden uns in die Höhle des Löwen wagen und ich schwöre euch, dass die Besatzung der ‹Kämpfenden Freundin› nicht hinter euch zurückbleibt. Solange mein Herz schlägt, solange werde ich die Faschisten zerschlagen.»

Mit weisser Farbe schrieb sie «Kämpfende Freundin» auf den Geschützturm ihres T-34, beim Fahrersitz hängte sie ein Foto ihres Mannes auf.

Die Männer ihrer Brigade hielten ihre Anwesenheit an der Front für einen Witz oder Werbegag – und vielleicht war es das anfangs auch. Vielleicht dachte das sowjetische Verteidigungskomitee, eine Frau würde die Moral der Soldaten heben und den männlichen Kampfgeist anstacheln. Vielleicht hatte man der chronisch kranken Marija allein deshalb erlaubt, Kriegsluft zu schnuppern.

Am 21. Oktober manövrierte sie ihren Panzer mitten in die Schlacht bei Smolensk. Sie zerstörte MG-Nester, hob Artillerie-Stellungen aus und als die Kämpfende Freundin getroffen wurde, missachtete sie den Befehl ihres Oberleutnants, sprang raus und reparierte unter Feindbeschuss ihren Panzer.

Jetzt wurde Marija von niemandem mehr belächelt. Ihre Truppe nannte sie fortan Mutter – und die Jungs wurden ihre Kinder.

Ihrer Schwester schrieb sie von ihrem ersten Einsatz die folgenden Worte nach Hause:

«Ich hatte meine Feuertaufe. Ich hab' die Bastarde besiegt. Manchmal bin ich so wütend, dass ich nicht einmal atmen kann.»

Marija Oktjabrskaja

Auch in einem Nachtkampf im Norden Weissrusslands in der Region von Witebsk schaffte es Marija, die von einer deutschen Granate zerfetzte Kette des Panzers zu flicken, während der Turmschütze ihr Deckungsfeuer gab.

Marija sagte gern, dass die Kämpfende Freundin eine Seele habe. Und dass sie niemals versagen werde. Doch allmählich wurde die Situation schwierig. Die Trockenration ging zur Neige und auch Munition war nur noch spärlich vorhanden.

Am 14. Januar 1944 begann die Leningrad-Nowgoroder Operation, eine Grossoffensive der Roten Armee. 1,3 Millionen Rotarmisten, 1000 Flugzeuge, 20'640 Geschütze und 1436 Panzer wälzten sich unter grossen Verlusten auf einer 600 km breiten Front fast 250 Kilometer nach Westen. Mitten unter ihnen befand sich auch die Kämpfende Freundin.

Sie griff am 17. Januar in der Nähe von Witebsk die deutschen Stellungen an. Marija zerstörte den Widerstand in den Gräben und schaltete feindliche Panzerjäger aus. Bis eine Panzersprengbombe die Kämpfende Freundin fahrunfähig machte. Sie schaffte es zwar, die Ersatzkette zu montieren, doch dann traf sie ein Granatsplitter am linken Auge und alles wurde plötzlich schwarz.

Es war der Tag, an dem die erste deutsche Verteidigungslinie an der Leningrader Front durchbrochen wurde. Bald darauf konnte das belagerte Leningrad befreit werden. 1,1 Millionen Bewohner waren bereits tot – die deutschen Truppen hatten sie systematisch verhungern lassen.

Die schwer verletzte Marija wurde für eine Operation ins Feldkrankenhaus nach Smolensk geflogen. Sie hatte viel Blut verloren. Der Splitter hatte ihr Auge durchbohrt und die Hirnrinde verletzt. Die Ärzte hatten wenig Hoffnung. Marija war schwach, aber sobald sie das Bewusstsein wieder erlangte, fragte sie nach ihren Jungs. Es ging ihnen gut. Sie schrieben Marija von der Front:

«Liebe Mutter, Marija Oktjabrskaja!
Wir wünschen dir eine baldige Genesung. Wir glauben fest daran, dass unsere Kämpfende Freundin Berlin erreichen wird. Für deine Verletzung werden wir uns rücksichtslos am Feind rächen. In einer Stunde ziehen wir in die Schlacht. Wir alle umarmen dich.»

Marija weinte – zum ersten Mal nach dem Tod ihres Mannes. Sie wusste, dass sie ihren Panzer und ihre Kinder nicht mehr sehen würde. Sie spürte, wie ihr Körper immer schwächer wurde und in ihrem Gedächtnis begannen sich riesige Lücken aufzutun, die sie mit nichts zu füllen vermochte. Vielleicht wusste sie nicht einmal mehr, warum ein roter Stern auf ihrem Nachttisch lag. Wieso man ihr jenen Orden des Grossen Vaterländischen Krieges verliehen hatte.

Dann kam das Fieber und Marija driftete langsam ins Koma ab. Zwei Monate lang schwebte ihre Seele irgendwo zwischen Leben und Tod, bis sie in der Morgendämmerung des 15. März ihren Körper ganz verliess.

Die höchste Auszeichnung konnte ihr nur noch posthum vergeben werden. Leutnantin Marija Oktjabrskaja wurde als Heldin der Sowjetunion auf dem Friedhof in Smolensk beigesetzt.

Auch die Kämpfende Freundin blieb auf dem Weg nach Westen liegen, aber Marijas Kinder tauften ihre neuen Panzer stets wieder auf diesen Namen. Und mit der vierten schafften sie es schliesslich bis nach Königsberg.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Lore 23.06.2019 14:59
    Highlight Highlight Aus den Aufzeichnungen meines Großvaters.
    Benutzer Bild
    • MrGroberUnfug 24.06.2019 09:44
      Highlight Highlight Und was hat das jetzt mit dem Artikel zu tun? Hat er ein schlechtes Gewissen, dass er für das DR in den Krieg zog?
    • Lore 24.06.2019 13:55
      Highlight Highlight So ein Quatsch. Es geht darum dass es mehr als ein Schicksal gibt und der Größenwahn der „Elite“ von den „kleinen Leuten“ ausgetragen wird und das es dabei auf beiden Seiten zu unschönen Ereignissen kommt. Diese Dame rühmt sich damit, aus Rache Nazis abgeknallt zu haben, mein Großvater auf der anderen Seite hat einen Mord verhindert. Und es war ihm ein Anliegen, dass sich die Geschichte nicht wiederholen darf. Er war definitiv kein Nazi-Mitläufer.
  • P. Silie 23.06.2019 09:27
    Highlight Highlight Sowjetische Heldengeschichten sind mit äusserster Vorsicht zu geniessen 😎. Teilweise sind sie mit den alt-bekannten Radio Eriwan Witzen zu vergleichen.
  • Gawayn 23.06.2019 07:44
    Highlight Highlight Ja eine Geschichte von Vaterlandsliebe und Heldemut.
    Mir kamen dabei fast die Tränen.
    Auch sehr gut geschrieben.

    Dennoch.
    Ein sehr eindrückliches Beispiel
    Wie Gewalt, Gegengewalt auslöst.
    Jeder Getötete, ist Jemandes Bruder Schwester, Vater, Sohn, Mann, Verwandter Freund....

    Damit dreht sich die Gewaltspirale weiter, die von Hass und Vergeltung genährt wird.
    Das selbe Problem, wenn ein Land im Nahost angreift. Jedes Opfer hat Anhang, das nach Rache schreit

    Würden Kriegsführende mehr darüber nachdenken, gäbe es sicherlich weniger Kriege....
  • salamandre 22.06.2019 23:28
    Highlight Highlight Sehr bewegend.
  • acki_ 22.06.2019 23:16
    Highlight Highlight Damn onion cutting ninjas. Meinen allergrössten Respekt vor so starken Menschen. Danke für die rührende Geschichte.
  • olmabrotwurschtmitbürli aka Pink Flauder 22.06.2019 22:44
    Highlight Highlight Mir gefällt die Artikel-Serie bisher sehr gut.

  • Rupert The Bear 22.06.2019 22:36
    Highlight Highlight bis 1954 war die Krim Russisch. Zuerst im Zarenreich, dann innerhalb der UDSSR. Erst dann wurde die Halbinsel der Ukraine zugeteilt. Sie war also eher eine gebürtige Russin. Aber trotzdem super Artikel!
  • Astrogator 22.06.2019 21:27
    Highlight Highlight Endlich der zweite Teil der Serie. Wieder ein exzellenter Artikel, freue mich schon auf den nächsten.
  • Maracuja 22.06.2019 20:29
    Highlight Highlight Erneut eine sehr bewegende, Hühnerhaut verursachende Geschichte. Unglaublich, was Menschen damals geleistet haben, um ihre Heimat vom Faschismus zu befreien und erschreckend wie gleichgültig der wieder aufkommende Faschismus von vielen hingenommen wird. Ganz herzlichen Dank Frau Rothenfluh, dass Sie diese mutigen Frauen aus der Vergessenheit hervorholen.
  • zeromaster80 22.06.2019 19:47
    Highlight Highlight Es gibt so viele Aufnahmen aus der Zeit und die decken sich so gar nicht mit den Geschichtsverfälschungen der Linken... Dann druckt man noch eine aufgehübschte Soviet-Propagandageschichte ab, völlig unkritisch, dass sie nur ein Opfer des Kommunismus war und es schlicht die Not war, welche die Soviets zwang kurzfristig auch auf Frauen zu setzen, die dann alle wieder demobilisiert wurden. Sie sind ein Bild der Patriarchy und nicht der Emanzipation. Viel besser: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/nur-eine-kurze-harte-episode
    • Anna Rothenfluh 22.06.2019 20:57
      Highlight Highlight Glaub mir, ich weiss, dass der Kommunismus in der Sowjetunion für unaussprechlich üble Folgen hatte und habe auch schon darüber geschrieben, zb. hier: https://www.google.ch/amp/s/www.watson.ch/amp/!494086751

      Das ist eine persönliche Geschichte einer Frau und ihrer Beweggründe, in den Krieg zu ziehen und ganz sicher keine Rechtfertigung des kommunistischen Regimes.
    • olmabrotwurschtmitbürli aka Pink Flauder 22.06.2019 22:49
      Highlight Highlight Ich kann die Kritik nicht nachvollziehen. Es geht um ein Portrait einer einzelnen Frau und nicht um die Schönfärbung des Regimes, in dem sie lebte.
    • G. 23.06.2019 04:52
      Highlight Highlight Ich habe die Geschichte ebenfalls NICHT als Rechtfertigung des Kommunismus verstanden.

      Die Zeiten und Epochen sind wie sind. Erstaunlicherweise lernt die Bevölkerung nur sehr schwer dazu.

      Die beschriebene Frau hat mit Ihren Handlungen mehr „Cochonnes“, Zähigkeit, Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit bewiesen, als manch ein Mann (egal in welcher Zeit).

      Meine Achtung, mein Respekt für diese Frau.

      Mein Dank an Frau Rothenfluh für die Real-Geschichte, mein Respekt zur Schreibkunst von Frau Rothenfluh. Meine Wenigkeit weiss solches zu schätzen...
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