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Frauen sollen das Lästern erfunden haben, sagt ein Evolutionspsychologe

Lästert man so? Ja, zumindest gemäss der Stockbild-Agentur.
Lästert man so? Ja, zumindest gemäss der Stockbild-Agentur.Bild: Shutterstock

Frauen sollen das Lästern erfunden haben, Männer sprechen lieber über sich selbst

Es hat evolutionäre Gründe, warum Menschen so gerne tratschen. Problematisch ist das nicht, sofern man gewisse Regeln einhält. Eine Anleitung für guten Tratsch, der niemandem wehtut.
20.09.2023, 10:3020.09.2023, 12:30
Stephanie Schnydrig / ch media
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In der Kaffeeecke des Büros flüstern zwei Kollegen. Abrupt verstummen sie, als eine Kollegin unerwartet dazustösst. Die Lästermäuler tauschen einen flüchtigen Blick, peinlich berührt, weil sie soeben erwischt wurden.

Solch eine Situation wird wohl vielen bekannt vorkommen. Kein Wunder: Laut dem renommierten britischen Anthropologen Robin Dunbar besteht ein Drittel aller Gesprächsinhalte aus Klatsch und Tratsch. Ihm zufolge waren es die Frauen, die das Tratschen erfunden haben sollen. Schliesslich seien es schon immer sie gewesen, die das soziale Geflecht einer Gruppe gewoben und dieses intakt gehalten hätten. Am Lagerfeuer tauschten sie dafür zwischenmenschliche Informationen untereinander aus. Noch heute, vermutet der Anthropologe, würden vor allem Frauen über andere reden. Männer hingegen über sich selbst. Zugegeben, das klingt arg nach Vorurteilen.

Lästern kurbelt Oxycotin-Ausschüttung an

Evolutionspsychologen glauben jedenfalls, dass der Klatsch und Tratsch ein Relikt unseres prähistorischen Gehirns ist. Für unsere Vorfahren, die in kleinen Gruppen lebten, war es zentral zu erfahren, wer ein zuverlässiger und vertrauenswürdiger Partner ist – und wer nicht.

«Wenn in einer Gruppe über andere gesprochen wird, dann können Trittbrettfahrer eher identifiziert werden.»

Das sagt Johannes Ullrich, Professor für Sozialpsychologe an der Universität Zürich. Ausnützer und Egoisten würden in die Schranken gewiesen. Schon allein die Möglichkeit, dass über einen gelästert werden könnte, hält viele davon ab, sich daneben und entgegen den sozialen Normen zu benehmen.

Johannes Ullrich ist Sozialpsychologe und forscht an der Uni Zürich.
Johannes Ullrich ist Sozialpsychologe und forscht an der Uni Zürich.bild: zvg

Klatsch und Tratsch dienen auch dazu, Menschen miteinander zu verbinden. Erzählt man einander Geschichten, die man für sich behalten sollte, stärkt das die emotionale Verbundenheit. Eine kleine Studie der italienischen Universität Pavia mit 22 Studentinnen deutet zum Beispiel darauf hin, dass nach einem Klatschgespräch vermehrt das Hormon Oxytocin ausgeschüttet wird. Dieses spielt unter anderem bei der Paarbindung eine wichtige Rolle. Zudem sind Menschen mit einem hohen Oxytocin-Spiegel empathischer. Auch haben Untersuchungen gezeigt, dass harmloses Tratschen mit Arbeitskollegen den Zusammenhalt stärkt und die Moral verbessern kann.

Wenn aus Lästerei Mobbing wird

Ungeachtet der positiven Effekte können Lästereien aber auch missbraucht werden, um sich selbst auf Kosten anderer in ein gutes Licht zu stellen. «Dann kippt unverfängliches Geschwätz in Mobbing über», sagt Johannes Ullrich.

Die Holländerin Annika Nieper ist Forscherin an der Vrije Universiteit Amsterdam und beteiligt an einem sechs Jahre dauernden Forschungsprojekt der EU, das sich mit den Folgen von Klatsch und Tratsch im Arbeitskontext beschäftigt. In diesem Rahmen hat sie letzthin eine Studie veröffentlicht, die zeigt, unter welchen Umständen Lästern schadet und unter welchen es hilft.

Eine Erkenntnis ist demnach, dass Tratsch seine positive Funktion zum Beispiel bei einem Projekt auf der Arbeit nur erfüllen kann, wenn die verbreiteten Informationen wahr sind. Ansonsten wird ein Kollege womöglich geächtet und bestraft, obwohl er nichts Falsches gemacht hat. Zu gewinnen gibt es damit für das Team nichts. Zudem sind Konflikte und Verärgerung vorprogrammiert, wenn die Lüge entlarvt wird - und man diskreditiert sich selbst.

Ausserdem spielt es eine Rolle, in welcher Beziehung die Gesprächspartner und die Person, um die der Tratsch handelt, stehen. Wenn man sich beispielsweise vor jemandem auslässt, der gar nichts mit dem Tratschopfer zu tun hat, dann verpufft die Lästerei einfach. Zurück bleibt schlimmstenfalls nur das Gefühl beim Gegenüber, man wolle andere schlechtreden.

Dieses Gefühl kann auch entstehen, wenn man den Tratsch falsch äusserst. Es sollte klar sein, dass das übergeordnete Ziel der Lästerei mehr Fairness am Arbeitsplatz ist. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn es sich ein Mitarbeiter anders als die anderen erlauben darf, immer erst nach 10 Uhr im Büro einzutreffen - und man hier die Extrawurst entweder für alle oder für niemanden durchsetzen möchte.

Auch kann es helfen, Emotionen in die Lästerei einfliessen zu lassen. Also auszuführen, wieso das Verhalten der anderen Person stört und welche Gefühle das auslöst. Das führt dazu, dass sich der Zuhörer emotional mit dem Lästermaul verbindet und deshalb womöglich positiv reagiert.

Private Lästereien gehören nicht an den Arbeitsplatz

Für Johannes Ullrich sind zwei Faktoren zentral, damit Klatsch und Tratsch nicht in Konflikten enden: «Erstens sollte man sich immer überlegen, ob die Information über die abwesende Person die Gruppe überhaupt etwas angeht.» Ein offensichtliches Beispiel sei, dass Privates die Arbeitskollegen eigentlich nie etwas angehe. Und zweitens solle man sich vor der Lästerei immer die Frage stellen: Wie würde ich die Geschichte erzählen, wenn die betroffene Person mithören würde?

Und auch wenn der Vorschlag etwas naiv klingen mag: Wer sich wirklich konstruktiv verhalten möchte, holt die abwesende Person, über die gelästert wird, mit ins Boot. «Es ist für eine Gruppe immer am besten, wenn Transparenz herrscht und der Informationsfluss bei allen Betroffenen ankommt.» Darum, so der Sozialpsychologe, sei ein offener Austausch mit sämtlichen Beteiligten die gewinnbringendste Taktik für eine funktionierende Gruppe. Ganz sein lassen mit dem Lästern können wir's wohl aber trotzdem nie. Schliesslich liegt es in unseren Genen. (aargauerzeitung.ch)

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