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Ein notorischer Aufschieber erzählt: «Ich komme mir vor wie ein Drogensüchtiger» 

Heute mal wieder nichts auf die Reihe gekriegt? Kann mal vorkommen. Es gibt jedoch Leute, die ihr Leben lang immer alles aufschieben – und stark darunter leiden. Die psychische Störung heisst Prokrastination. Philipp Waser* erzählt, wie sie sich auf sein Leben auswirkt.

anna miller



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Prokrastination: Die Betroffenen leiden .

Herr Waser, haben Sie heute bereits aufgeschoben?
Philipp Waser:
 Ich bin heute zu spät aufgestanden, weil ich gestern zu spät ins Bett bin. Ich konnte nicht schlafen, weil ich über Dinge nachdenken musste, die ich noch nicht erledigt habe. Wie jeden Tag. Irgendetwas erledige ich immer nicht, meistens sind es kleine Dinge, Alltägliches.

Was ist Prokrastination?

Prokrastination oder «Aufschieberitis» ist die Tendenz von Menschen, zu erledigende Aufgaben ständig aufzuschieben. Prokrastination ist eine Störung der Selbststeuerung, bei der wichtige und dringende Arbeiten aufgeschoben und stattdessen Ersatzhandlungen getätigt werden.
Es wird zunächst zwischen zwei Typen unterschieden:
Erregungsaufschieber reagieren erst auf den letzten Drücker und geniessen den der Hochdruck zum Schluss. Oft behaupteten sie, erst dadurch kreativ zu werden.
Vermeidungsaufschieber leiden unter der Angst zu versagen meiden deshalb den Leistungsdruck, den eine Aufgabe erzeugt.
Studien haben gezeigt, dass Menschen mit «Aufschieberitis» häufiger an Erkältungen, Grippe, Magenproblemen und Schlafstörungen leiden sowie einen erhöhten Alkoholkonsum haben.
Prokrastination gilt nicht als psychische Erkrankung. Dementsprechend gibt es bisher kaum systematische Behandlungsansätze, die auf die Behandlung einer isolierten Aufschiebe-Symptomatik abzielen.

Wie zum Beispiel?
Ich räume den Geschirrspüler so lange nicht aus, bis der Dreck sich stapelt. Ich habe Mails in meinem Posteingang, die ich nie beantwortet habe. 

Das klingt doch ziemlich normal.
Ich stelle zwei Jahre keine Rechnungen für meine Leistungen aus. Briefe bleiben über Monate liegen. Die Krankenkasse hat 2000 Franken an Rückzahlungen verweigert, weil ich fünf Jahre zu spät damit ankam. Klingt das immer noch normal?

ARCHIV - Ein Kassenbon weist einen Mehwertsteuer-Satz von 8 Prozent auf, aufgenommen am Montag, 3. Januar 2011, in Dietlikon. Fuer Restaurants gilt ein hoeherer Mehrwertsteuersatz als fuer Take-aways. Anders als die Wirte sieht der Bundesrat darin aber keine Diskriminierung. Er lehnt die GastroSuisse-Initiative

Bild: KEYSTONE

Was war bisher die schlimmste aller Konsequenzen?
Mit 30 habe ich meine erste Firma gegründet, habe nie Jahresabschluss gemacht, nach ein paar Jahren war die Einschätzung der Steuerbehörde bei 35'000 Franken, obwohl die Firma gar nicht mehr aktiv war. Ich wollte die Schulden erst mit meinem Privatvermögen begleichen, ging dann aber in Konkurs. Das war meine Rettung.

«Ich stelle zwei Jahre keine Rechnungen für meine Leistungen aus. Briefe bleiben über Monate liegen. Die Krankenkasse hat 2000 Franken an Rückzahlungen verweigert. Klingt das immer noch normal?»

Philipp Waser, leidet an Prokrastination

Wann haben Sie realisiert, dass Sie krankhaft aufschieben?
Ich habe es lange nicht wirklich als Problem gesehen. Als Junge bin ich mal ein halbes Jahr nicht in den Französischunterricht gegangen. Das Studium habe ich mit Ach und Krach geschafft. Dabei begreife ich Dinge schnell. Mit Mitte Zwanzig habe ich bei einer Grossbank im Aktienhandel angefangen, 50 Stunden-Woche, Boni, Stress und Leistungsdruck. Aber Aufschieben ist in jedem Job möglich. Egal, wie stressig er ist. Wenn der Kurs schwankt, kann man nicht warten. Aber Reports, Berichte, Analysen, die kann man vernachlässigen. 

Haben Sie sich professionelle Hilfe geholt?
Ja, ich bin in Therapie, auch wegen meiner wiederkehrenden depressiven Phasen. Ich war schon mehrere Male nahe an einer Depression, habe den Lebensmut verloren. Dieser ewige Kreislauf von Schuld und Scham macht einen noch verrückt. Auch deshalb habe ich eine Selbsthilfegruppe gegründet. Um anderen Betroffenen zu helfen. Wir treffen uns in unregelmässigen Abständen und arbeiten zusammen unangenehme Dinge ab, wie das Ausfüllen der Steuererklärung, beispielsweise. 

Kennen Sie die Gründe für Ihr zwanghaftes Aufschieben? 
Nein. Nicht einmal mein Psychiater kennt die Gründe. Man kann nicht genau sagen, woher es bei mir kommt. Es ist wohl ein Miteinander von verschiedenen Faktoren.

«Keiner hat doch für so etwas Verständnis. Die Gesellschaft mag es nicht, wenn du unpünktlich bist, deine Termine nicht einhältst.» 

Philipp Waser, leidet unter Prokrastination

Sie wollen Ihren echten Namen nicht nennen. Aus Angst, stigmatisiert zu werden?
Mein Psychiater und meine Mutter sind die Einzigen, die wirklich von meinem Leiden wissen. Was soll man den Leuten denn schon erzählen? Keiner hat doch für so etwas Verständnis. Die Gesellschaft mag es nicht, wenn du unpünktlich bist, deine Termine nicht einhältst.

Hat Ihre Krankheit auch Einfluss auf Ihr Privatleben?
Ja, definitiv. Weil ich tagsüber Sachen verschlampe, muss ich oft Abends noch arbeiten. Darunter leidet die Zeit mit Freunden, mit Frauen. Ich habe nie Zeit für andere. Oder für mich selbst. Ich kann mich nie entspannen, so paradox das klingen mag. Ich muss aufpassen, dass ich im Rhythmus bleibe.

Das klingt wie bei einem Süchtigen.
Ein bisschen fühlt es sich ja auch so an. Ich spiele beispielsweise Videospiele, und kann nicht aufhören. Ich spiele teils vier, fünf Stunden täglich, bis vier Uhr morgens, im Dunkeln, in meinem Bett. Ich habe von der Serie Walking Dead innerhalb einer Woche drei Staffeln geschaut, 30 mal 45 Minuten, man kann sich das ja ausrechnen. Manchmal komme ich mir wie ein Drogensüchtiger vor. Eine noch, denke ich, eine Folge kann ich mir noch leisten. Am Tag danach dämmert mir dann, dass ich mir was vorgemacht habe. Dann mache ich mir Vorwürfe, und es geht mir schlecht. Aber es wird immer besser. Ich habe meine eigenen Techniken gefunden, um mit dem Problem umzugehen.

«Weil ich tagsüber Sachen verschlampe, muss ich oft Abends noch arbeiten. Darunter leidet die Zeit mit Freunden, mit Frauen. Ich habe nie Zeit für andere. Oder für mich selbst.»

Philipp Waser, leidet an Prokrastination

Wie zum Beispiel?
Ich versuche, so gut es geht, mein Leben so zu strukturieren, dass es mit meiner Krankheit vereinbar ist. Ich setze Meetings zum Beispiel morgens an, um aus dem Bett zu kommen. Ich brauche klare Strukturen und Termine. Sie halten den inneren Schweinehund im Zaum. Es gelingt mir nicht immer. Aber ab und zu ganz gut. Vor ein paar Monaten habe ich meine CD-Sammlung endlich sortiert, nach Jahren im Schrank, meine Mutter hat mir dabei geholfen. Alleine wäre es nicht gegangen. Jetzt habe ich 600 CD's weniger. Das war sehr befreiend. Als wäre eine grosse Last von meinen Schultern gefallen. 

*Name geändert

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