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Weinende traurige Frau

Die Angst lässt Michaela nicht mehr los (Symbolbild). bild: shutterstock

Der Horror im eigenen Kopf – wie eine Zwangsstörung Michaelas Leben zur Hölle macht

Was tun, wenn einen die Angst nicht mehr loslässt? Und zwar die, anderen etwas anzutun. Eine Frau, die nie jemandem etwas zuleide getan hat, leidet plötzlich unter solch irrationalen Zwangsstörungen.

Susanne Holz / ch media



Die Angst kam plötzlich, aber allzu verwunderlich war es auch wieder nicht, dass die Seele von einem Tag auf den anderen aus dem Gleichgewicht geriet. Denn Michaela B. (Name geändert), Mitte fünfzig und Mutter zweier erwachsener Kinder, hatte in den vergangenen Jahren einiges durchgemacht.

Acht Rücken- und sechs Unterleibsoperationen kosteten sie viel Kraft – über zwei Jahrzehnte hinweg verbrachte die Mutter und Angestellte jährlich ein paar Wochen im Spital. «Es war eine schwere Zeit», erzählt Michaela. «Nach der letzten Rücken-OP begannen die psychischen Probleme.»

«Komme ich an einem Spielplatz vorbei, befürchte ich, einem Kind etwas anzutun.»

Michaela B.

Urplötzlich war die Angst da, die Kontrolle zu verlieren. Das erste Mal setzte das panische Gefühl nach einer Autofahrt ein: Michaela befürchtete, ein Kind überfahren zu haben – obwohl die Fahrt ganz ruhig und ohne Vorkommnisse verlaufen war. «Ich fuhr den Weg fünf Mal ab, um nachzuschauen, ob alles in Ordnung ist», blickt die heute über 60-Jährige zurück. «Das war der Beginn meiner Zwangsstörung.»

Ängste bestimmen das Leben

Zuerst war da wiederholt die Angst, jemanden überfahren zu haben. Dann setzten weitere Ängste ein. Raumgreifend ist vor allem der Gedanke, andere womöglich zu vergiften. Eine irrationale Vorstellung, aber nicht wieder aus dem Kopf zu bekommen. Michaela B. wollte alsbald keinen Laden mehr betreten: «Ich befürchte etwa, Putzmittel in Mineralwasserflaschen zu füllen.» Ganz gross ist die Angst, Kindern etwas anzutun.

Irgendwann hört die leidgeplagte Frau auch damit auf, in die Ferien zu fahren: «Die Putzwagen in den Hotelfluren jagen mir Angst ein mit all ihren abgefüllten Chemikalien – wie schnell könnte ich da zu einem Putzmittel greifen und es in eine Trinkflasche umfüllen, um jemanden zu vergiften.»

Eine Frau, die nie jemandem etwas zuleide getan hat, nie einen realen Vorfall mit Gift erlebt oder einen Verkehrsunfall verursacht hat, leidet plötzlich unter solch irrationalen Zwangsvorstellungen. Michaela und ihr Mann fühlen sich rat- und hilflos. Ihr Leben ist über alle Massen eingeschränkt.

Die Angst vor der Angst

Die psychisch Erkrankte schildert ihren Alltag: «Jeder Spaziergang wird zur Herausforderung, jede Einladung. [...] komme ich an einem Spielplatz vorbei, befürchte ich, einem Kind etwas anzutun. [...]» Völlig am Ende ihrer Nerven ist die Zentralschweizerin zudem, seit sie morgens bereits mit Herzklopfen aufwacht und Angst vor der Angst hat, die nun einsetzen wird.

Sieben Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken hat die ehemals starke Frau hinter sich. Nichts scheint zu helfen, weder die stationären Aufenthalte noch die ambulante Psychotherapie, der sich Michaela seit Jahren unterzieht. Auch Psychopharmaka und Versuche mit Hypnose oder kognitiver Verhaltenstherapie bleiben wirkungslos.

Lass dir helfen!

Du glaubst, du kannst eine persönliche Krise nicht selbst bewältigen? Das musst du auch nicht. Lass dir helfen.

In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen da sind – vertraulich und kostenlos.

Die Dargebotene Hand: Tel.: 143, www.143.ch
Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel.: 147, www.147.ch
Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch

«Dabei setzt man sich konkret Situationen aus, die Panik verursachen, zuerst mit einem Therapeuten zusammen, dann allein», erklärt Michaelas Ehemann. Seine Frau ergänzt traurig: «Geholfen hat es bei mir nichts.» Die Psychologen seien ratlos.

Wechselspiel von Körper und Psyche

Die zweifache Mutter leidet auch immer noch an ihrem Körper. «Der Rücken macht vieles nicht mit, was länger dauert – Kinobesuche oder Wandern liegen nicht mehr drin. So ist es sehr schwierig, sich mal zu entspannen.» Gar nicht gutgetan habe es ihr ausserdem, nicht mehr arbeiten zu können: «Ich ging sehr gerne ins Büro.»

Sie sei früher gar kein ängstlicher Mensch gewesen, erzählt Michaela nicht ohne Wehmut im Gesicht. Inzwischen sei sie ständig müde von all den Panikattacken. Doch im Moment der Angst sei kein rationales Denken mehr möglich, die Attacke sei einfach stärker.

«Ich habe noch nie jemanden getroffen, der die gleichen Ängste hat wie ich.»

Michaela B.

Thomas Burri, diplomierter Sozialarbeiter und Geschäftsleiter der Selbsthilfe Luzern Obwalden Nidwalden, spricht von einer «generalisierten Angststörung» bei Michaela B. Burri: «Die Ängste münden in Erschöpfung und Depression. [...] Zwangshandlungen muss man immer wieder ausführen, obwohl man weiss, dass sie eigentlich keinen Sinn machen. Sie dienen der Vorbeugung vor befürchtetem Unheil.»

Michaela B. sagt, resigniert und zuversichtlich zugleich: «Ich habe noch nie jemanden getroffen, der die gleichen Ängste hat wie ich. Aber ich hoffe immer noch, jemanden zu finden, der das Gleiche durchmacht.»

Michaelas Ehemann teilt das Schicksal seiner Frau auf gewisse Weise: So fährt auch er nicht mehr in die Ferien, bucht keine Hotels mehr, geht nicht mehr ins Kino oder zum Wandern. Im Alltag übernimmt er vieles, das seine Frau sich nicht mehr getraut. Für beide ist das soziale Leben inzwischen sehr eingeschränkt.

Hoffnung durch Austausch

Einzig Musik hilft Michaela bislang etwas dabei, zwischendurch zur Ruhe zu finden und durchzuatmen. «Ja, das bringt ein bisschen was.» Mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein ist es trotzdem nicht.

Eine völlige Heilung erwartet die psychisch Erkrankte aber gar nicht. Eine merkliche Verbesserung ihres Befindens erhofft sie sich jedoch schon. Michaela B. wünscht sich, einfach mal an einen Punkt zu kommen, an dem die Panik nicht mehr die Oberhand hat. Helfen könnte der Austausch mit gleichermassen Betroffenen: «Meine grosse Hoffnung ist eine Selbsthilfegruppe.»

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26Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Anna74 06.06.2019 22:33
    Highlight Highlight Leider weiss ich zu genau wie sich das anfühlt. Wie sehr man leidet.
    Meine Zwangsstörungen haben mit 17 Jahren angefangen. Ich habe über Hypnose, Antidepressiva, Psychiater, Shiatsu,.... alles mögliche versucht. Nichts hat genützt. Jetzt bin ich 45 und seit 1 Jahr frei. Ich bin an einem Morgen im letzten Sommer aufgewacht und habe mir gesagt: „Jetzt ist fertig! Ich mache das nicht länger mit!“. Und ich gabs durchgezogen. Es ist aber ein schwerer Kampf. Heute habe ich nur noch gelegentlich eine Panikattacke. Aber damit kann ich leben.

  • Nina1989 06.06.2019 21:07
    Highlight Highlight (Fortsetzung) Ich hätte nie gedacht, dass es irgendwann aufhört. Aber das tat es. Ohne Medikamente. Nach unzähligen wohlwollenden Worten meines Vaters. Nach vielen Jahren und vielen Gesprächen mit meiner damaligen Psychiaterin, die nie daran zweifelte, dass ich den Verstand nicht verlieren würde. Dennoch hat die anhaltende Stressbelastung ihre Spuren hinterlassen, da bin ich sicher. Aber es ist möglich, dass diese Gedanken wieder vollkommen verschwinden. Das wünsche ich Dir, Michaela, von ganzem Herzen.
  • Nina1989 06.06.2019 21:04
    Highlight Highlight Dieser Artikel berührt mich besonders, da bei mir mit 14 Jahren die erste Panikattacke auftrat. Ab da hatte ich unglaublich Angst vor der Angst. Ständige Panikattacken gefolgt von Erschöpfungszuständen, Angst die Kontrolle zu verlieren (über mich und mein Leben) und Depressionen waren meine Begleiter über viele Jahre. Wie Du, liebe Michaela, war ich niemals gewalttätig, sehr angepasst und respektvoll und trotzdem plagte mich die quälende Angst, jemandem etwas anzutun.
  • Sörbeee 06.06.2019 19:53
    Highlight Highlight Liebe "Michaela B.", ich fühle mit dir.

    Scheiss auf die Angst!
    Die Angst lähmt dich und zerstört dein Leben.
    Die Angst ist der Trigger, dein brilliantes Denken wird dann leider missbraucht um Horrorgeschichten zu erfinden.

    Wie du gemerkt hast, helfen dir Therapie und Medikamente nicht, denn du bist der Schöpfer deiner Misere.

    Also, höhr auf dich zu fürchten.
    Glaube deinen Geschichten nicht.
    Du hast und wirst niemanden verletzen.
    Mache was immer dir beliebt, enddecke Unbekantes und geniesse dein Leben.

  • Youri 06.06.2019 17:48
    Highlight Highlight (2/2)...ich hoffe das hilft etwas. Ich bin mir sicher du hast schon viel probiert, aber z.T. hilf ein Medi nicht und das praktisch gleiche eben schon ( ich z.B. nehm Risperidon und das hilft sehr gut). Lg
  • Youri 06.06.2019 17:45
    Highlight Highlight Hallo Michaela - hört sich schlimm an, ich hatte das auch. Das sind ja keine Zwangshandlungen sondern Zwangsgedanken. Unglaublich belastend und unerträglich. Bei mir waren es gewaltsame, üble Zwangsgedanken, v.a. gegenüber Menschen die ich liebe (Familie etc). Kam bei mit von 0 auf 100, ist nun aber mit Psychopharmaka sehr gut unter Kontrolle und ich bin an 95% der Tage ohne Beschwerden, also wirklich gut. Ausser Medis hat bei mir nichts geholfen (Therapien etc), ich glaub auch das geht nicht wenn der Leidensdruck so gross ist. (1/2)
  • PitH 06.06.2019 16:31
    Highlight Highlight Hallo Ganz ähnliche Ängste kenne ich auch. Die Angst, schlecht oder böse zu sein; schlimme Dinge zu tun. Bei mir liegt die Ursache in der frühen Kindheit (emotionale Vernachlässigung) und Trauma-Therapie hilft mir. Wünsche alles gute und die Kraft, nicht aufzugeben.
  • Bgribi 06.06.2019 16:25
    Highlight Highlight Auch ich habe nach Personen gesucht, die dieselben Aengste hatten wie ich. Gefunden habe ich sie nicht. Jedem seine Aengste sind individuell. Vor 20 Jahren ging NICHTS mehr. Ich denke, es gibt nur ein Weg, man muss die schwierigste aller Aufgaben bewältigen und sich jeder einzelnen angstauslösenden Situation stellen mit Hilfe+Schritt um Schritt. Rückfälle sind normal, aber es gibt nur ein Weg nach vorne und nicht nach hinten und ausweichen. Heute 20 Jahre danach, lebe ich wieder ein vollkommen normales Leben. Nehmen Sie ihr Leben in die Hand, das kann niemand für Sie tun! Viel Kraft!!!
  • xanotes 06.06.2019 16:15
    Highlight Highlight Ich möchte Frau Michaela B. habe Hoffnung machen. Habe seit mehr als 30 Jahren mit diesem Problem zu kämpfen. Aus dem nichts gekommen und mein Leben Total auf den Kopf gestellt. Ich habe gelernt damit zu Leben. Dank guten Therapeuten und Medikamente.
    ZADZ, Herr Doktor Hättenschwiler war mein Retter.
  • Garp 06.06.2019 15:29
    Highlight Highlight Zu Herrn Burri, dem Sozialarbeiter muss ich noch etwas anmerken: Zwangsstörungen zeigen sich nicht nur in Zwangshandlungen, es gibt auch eine Form der Zwangsstörung die sich durch Zwangsgedanken auszeichnet ohne Zwangshandlungen. Als Sozialarbeiter sollte er das diagnostizieren lassen.

    Ich wünsche Michaela B. und ihrer Familie alles Liebe, und dass sie einen Weg aus der Krankheit finden kann. Und ich wünsche ihnen ein verständnisvolles Umfeld, das mit der Krankheit gut umgehen kann, das kann schon etwas entlasten.
  • Don Huber 06.06.2019 14:55
    Highlight Highlight Exposition mit Reaktionsverhinderung:

    Ein wichtiger Baustein der Verhaltenstherapie bei Zwängen ist die „Exposition mit Reaktionsverhinderung“. Dabei sollen sich die Patienten genau den Situationen aussetzen, in denen sie normalerweise große Angst und Anspannung erleben. Gleichzeitig sollen sie jede Art von Zwangshandlungen und neutralisierenden Gedanken unterlassen. Auf diese Weise können sie die Erfahrung machen, dass die befürchteten negativen Folgen in Wirklichkeit nicht eintreten.

    Quelle: https://www.therapie.de/psyche/info/index/diagnose/zwang/artikel/
    • Lavabo 06.06.2019 19:02
      Highlight Highlight Leute Leute - was soll die Blitzerei?
      Exposition mit Reaktionsverhinderung ist eine der am besten nachgewiesenen Interventionen bei Zwängen und Ängsten.
      Also... warum blitzt ihr denn Don Huber‘s Beitrag?
      Ich verstehe diese Blitz-Reaktionen nicht...
    • Don Huber 06.06.2019 19:07
      Highlight Highlight So viel Blitze für etwas was wirklich bringt ? Denkt ihr ich schreibe das einfach so hin ? Ich habe auch so eine scheiss Zwangsstörung und das ist das einzige was bis jetzt einigermassen nützt....
    • ScottSterling 06.06.2019 19:52
      Highlight Highlight "Gleichzeitig sollen sie jede Art von Zwangshandlungen (...) unterlassen"

      Na das ist ja einfach! Dass da noch niemand drauf gekommen ist! Einfach nicht mehr machen.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Sherlock_Holmes 06.06.2019 14:54
    Highlight Highlight Vielen Dank für den Artikel.

    Als Aussenstehender – sogenannt normaler, gesunder Mensch – lässt sich das Leid kaum erahnen, geschweige denn rational verstehen.

    Umso einsamer fühlen sich Betroffene. Dazu kommt die Stigmatisierung psychisch Kranker.

    Deshalb die Hilfe und Aufklärung umso wichtiger, um Unsicherheit und Berührungsängste abzubauen.

    Hinter den individuellen Schicksalen verbergen sich oft unglaublich feine, emphatische und interessante Menschen, welche sich nicht nur auf ihre Krankheit reduzieren lassen.

    Michaela und ihrem Mann wünsche ich von ganzem Herzen Kraft und Hoffnung.
  • DerMeiner 06.06.2019 14:48
    Highlight Highlight Die Psyche kann vieles unterbewusst beeinflussen. Angst- und Panikstörungen sind alles andere als leichte Krankheiten. Bis so etwas therapiert ist, vergehen teilweise Jahre und ob man es ganz los wird, ist leider auch nicht garantiert.

    Ich wünsche ihr viel Kraft auf ihrem Weg...
  • Smile1nce 06.06.2019 14:40
    Highlight Highlight Wenn nichts nützt, vileicht mal THC oder LSD (Mikrodosen) versuchen. Hatte schon mehrmals Erfolg bei Zwangsstörung.
    • DerMeiner 06.06.2019 16:27
      Highlight Highlight Betäubung ist vielleicht in der Situation gut, aber langfristig keine Lösung.
    • DCCB 06.06.2019 17:11
      Highlight Highlight @DerMeiner: LSD ist keine Betäubung sogar eher das Gegenteil.
    • Bartli303 06.06.2019 18:22
      Highlight Highlight @der meiner: da du von Drogen offenbar nicht einmal theoretisches wissen hast, kann ich über deine Antwort einfach nur lachen😂
    Weitere Antworten anzeigen
  • H.P. Liebling 06.06.2019 13:58
    Highlight Highlight Danke für diesen spannenden, lesenswerten Beitrag. Ich kannte im privaten Umfeld jemandem, dem es (ein bisschen) ähnlich erging: Diese Person hatte einen schweren Verkehrsunfall, der mit viel Glück aber noch glimpflich ausging, wenigstens physisch. Danach hatte diese Person psychisch stark zu kämpfen und auf einmal unerklärliche Gewaltfantasien. Es war einer der nettesten und gütigsten Menschen, die ich kannte (mittlerweile leider verstorben), die Szenen, die sie sich auch "unter Zwang" in seinem Hirn festsetzten aber kaum zu ertragen und noch weniger zu erklären. Resultat: Totale Abschottung.

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